Das gute Leben – aber welches? Teil 6: Von der Vision zur Realpolitik

Im sechsten und abschließenden Teil der Artikelserie werden die bisher dargestellten Leistungen des Sumak Kawsay, aber auch einige Probleme bei der Umsetzung der Verfassung dargestellt. Zum Schluss wird das ethische Paradigma und die alternative Konzeption des Lebens, das das Sumak Kawsay anbietet, noch einmal betont.
Sowohl die Erarbeitung der Verfassung Ecuadors als auch die Umsetzung sind schwierige und langwierige Prozesse, die weder einheitlich noch kohärent sind und mit politischen Brüchen und Enttäuschungen einhergehen. Es konnten bereits einige Erfolge erzielt werden, aber es treten auch viele Probleme und Unstimmigkeiten auf.

Naturgesetze und Umweltschutz

Gerade im Bereich der Umweltzerstörung durch die Erdölindustrie konnten die VerteidigerInnen der Natur bereits große, anerkannte Erfolge erzielen. Texaco und BP (British Petroleum Company) wurden rechtskräftig verurteilt. Die Initiative Yasuní-ITT hat international große Aufmerksamkeit erregt. Wasser wird in Ecuador als strategisches, nationales und öffentliches Gut definiert.

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Foto: Elisabeth Schmid; Quilotoa

Allerdings zeigt sich eine Kluft zwischen den verfassungsrechtlich festgeschriebenen Rechten der Natur und dem nationalen Entwicklungsplan Plan Nacional para el Buen Vivir 2009-2013, vor allem in dessen wirtschaftlichen Zielen. Im Entwicklungsplan sind eine Erhöhung der Erdölförderung, eine Ausweitung des Bergbaus und eine Förderung von direkten Auslandsinvestitionen geplant. Mit der zumindest teilweisen Missachtung der Rechte der Natur und den in der Verfassung definierten Prinzipien zur Nutzung der Ressourcen werden auch die Prinzipien der Komplementarität, Reziprozität und Solidarität, die für wirtschaftliches Handeln gelten sollen, untergraben.

Die Vision von UmweltschützerInnen und ÖkonomInnen, ein Ecuador des post-extractivismo aufzubauen, das heißt eine von Erdöl und anderen nicht erneuerbaren Ressourcen unabhängige Wirtschaft, ist bis dato nicht geglückt.

Der Aufbau einer egalitären Gesellschaft

Wie die verfassungsrechtlichen Prinzipien der Plurinationalität und Interkulturalität in der politischen und sozialen Praxis umgesetzt werden sollen, ist in Ecuador noch wenig ausgearbeitet. In der Analyse lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass Plurinationalität nicht nur eine von indigenen Bevölkerungsgruppen forcierte Vision ist, sondern zumindest ursprünglich auch nur für indigene Gemeinschaften gedacht war. Trotzdem muss anerkannt werden, dass es gelang, Differenzen und unterschiedliche Identitäten aufzuzeigen und mit Rechten auszustatten.

Dennoch ist der Weg zu einer egalitären Gesellschaft auch in Ecuador noch lang. Beispielsweise kommen transgender, bi- und homosexuelle Personen im Konzept des Sumak Kawsay, ebenso wenig wie in der Vorstellung anderer mächtiger Gruppen wie z.B. der katholischen Kirche, nicht vor und werden als Fehler der betreffenden Person betrachtet. Ich sehe darin eine grundlegende Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit, die zwar vielleicht mit der Auslegung der indigenen Kosmovision in Einklang steht und den Forderungen konservativer Kräfte genügt, aber dem Geist der Verfassung widerspricht.

Für die Umsetzung einer wahrhaft egalitären, sozial gerechten Gesellschaft sind sowohl die rechtlichen Voraussetzungen als auch die ständigen Anstrengungen aller ihrer Mitglieder im Alltag erforderlich, um sich gegen jede Art von Diskriminierung einzusetzen. Vor allem muss die Anerkennung der unterschiedlichsten Formen des Lebens und Zusammenlebens im Zentrum stehen.

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Foto: Elisabeth Schmid; Barrio Esmeraldas


Die Utopie hat einen Nutzen

Ein Gesetz macht keine Gesellschaft. Die politische Praxis in Ecuador zeigt, wie schwierig die Umsetzung des in der Verfassung verankerten Leitprinzips ist. Die Arbeit der Regierung wird von vielen als Schritt in die richtige Richtung betrachtet. Andere kritisieren, dass das Konzept des Sumak Kawsay von Präsident Rafael Correa und seinen AnhängerInnen vereinnahmt und missbraucht wird.

Der Denkansatz von Amartya Sen erlaubt es, die Diversität des menschlichen Lebens und des Strebens nach einem guten Leben abzubilden. Weder beschränkt sich Sen auf Ziele, die nur die Person selbst betreffen, die also aus egoistischen Gründen angestrebt werden, noch auf eine Liste von universell gültigen Zielen. Diese Stärke des Fähigkeitenansatzes erweist sich aber gleichzeitig als ihr größter Schwachpunkt, denn er lässt es zu, den Ansatz für alle möglichen Intentionen zu verwenden, ohne aufzudecken, wer diese bestimmt und wie frei sich das Individuum tatsächlich dafür entscheidet oder entscheiden kann.

Im Fähigkeitenansatz zwar grundgelegt, gelingt es in der Anwendung nicht, die Verwirklichungschancen des/der Einzelnen vom Einkommen und damit vom materiellen Zugang des Utilitarismus zu trennen. Folglich kann es nicht gelingen, zwei der wichtigsten Paradigmen der Moderne zu durchbrechen: Wirtschaftswachstum und Fortschritt.

alte_frau.jpgIm Gegensatz dazu schlägt das Sumak Kawsay eine Weltanschauung vor, in der der Mensch mit der Natur verbunden, als einzigartiges Wesen Teil einer Gesamtheit und GestalterIn einer harmonischen Gemeinschaft ist. Trotz der Gefahr der Vereinnahmung dieses Prinzips durch die herrschenden Eliten zur Legitimierung von Machtansprüchen und Akkumulation von Kapital, kann das Sumak Kawsay im besten Fall ein neues ethisches Paradigma anbieten, das die Verflechtungen von Neokolonialismus, Kapitalismus und Entwicklung auflöst.

Foto: Elisabeth Schmid

Das große, ideale Ziel, das Leben in Fülle zu erreichen, inspiriert sowohl die Phantasie als auch die Handlungen und macht uns klar, dass uns unsere Zukunft nicht einfach passiert, sondern dass wir die Macht haben, sie zu erschaffen und zu gestalten.

Die Autorin ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Horizont3000 und der Austrian Development Agency (ADA). Diese Artikelserie basiert auf ihrer Abschlussarbeit, die sie im Rahmen eines Postgraduate Studiums verfasst hat und wofür sie unter anderem in Ecuador forschte. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.