Das gute Leben – aber welches? Teil 2: Das Konzept „Sumak Kawsay“

Der zweite Teil der Artikelserie stellt das Konzept Sumak Kawsay (Leben in Fülle) aus Ecuador vor. Es werden die verschiedenen Erweiterungen und Änderungen der indigenen Kosmovision im Zuge der Erarbeitung der Verfassung skizziert.


Die Vision der Verfassung Ecuadors

Ecuador hatte im Laufe seiner Geschichte bereits eine Reihe von Problemen und Notlagen zu bewältigen. Was allerdings in den  Jahren 1998 bis 2000 geschah, war selbst in diesem von Krisen geschüttelten Land noch nie da gewesen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel um mehr als 30%, die Inflation erreichte Höchstmaße, die Armut und die extreme Armut erfassten mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Gleichzeitig vertiefte sich die Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung Ecuadors. Es kam zu einem regelrechten Exodus von EcuadorianerInnen, da sie in ihrem Land keine Möglichkeit mehr sahen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Durch die vielen Krisen wurde aus den indigenen Organisationen eine in der Öffentlichkeit wahrgenommene und ernstzunehmende politische Bewegung. Bereits in der Verfassung von 1998 gelang es, Forderungen, Prinzipien und Ideen einzubringen. Die indigenen Bewegungen sahen sich dabei immer als KritikerInnen des hegemonialen, kapitalistischen, kolonialen Systems und suchten Alternativen zu den neoliberalen Konzepten vom Internationalen Währungsfonds, Weltbank und den ecuadorianischen Regierungen.

Die historische Leistung der Verfassung von 2008 liegt darin, die Vielfalt der Bevölkerung, der Kulturen, des sozialen Lebens, der Religiosität und Spiritualität Ecuadors sichtbar zu machen. Im Gegensatz zu einigen der vorherigen Verfassungen, die die Interessen der herrschenden Schichten widerspiegelten, soll mit der aktuellen Verfassung die Souveränität des Staates und der BürgerInnen wiederhergestellt werden.

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Foto: Elisabeth Schmid; Markt in Otavallo

Die (Re)Konstruktion des Sumak Kawsay

Im Zuge der Erarbeitung der Verfassung ging man in Ecuador vorerst von einer indigenen Kosmovision aus, im Rahmen der Debatten rund um die verfassunggebende Versammlung wurde das Sumak Kawsay aber sehr unterschiedlich interpretiert, erweitert und geändert und ist zu einem gemeinsamen, holistischen Konzept geworden.

Der Mensch als Teil des Ganzen

Von entscheidender Bedeutung ist die indigene Denkweise, die den Menschen als Teil des Ganzen, als Teil der Natur und des Universums sieht. Mensch und Natur stehen gleichberechtigt als Subjekte nebeneinander. Das Ziel ist das Zusammenleben aller in Harmonie und in Gleichgewicht mit der Natur und setzt auf Werte wie Solidarität, Reziprozität und Komplementarität. In diesem Sinne versteht sich das Sumak Kawsay als Kritik am anthropozentrischen Weltbild, das den Menschen als Krone der Schöpfung, als Herrscher über die Natur versteht.

Sumak Kawsay und das Konzept der Entwicklung

Das Sumak Kawsay kennt das lineare Entwicklungsmodell nicht. Es gibt kein vorher und nachher, das ein Stadium der Entwicklung oder der Unterentwicklung, des materiellen Reichtums oder der Armut definiert. Das Leben in Fülle ist kein Leben in Luxus und immer größeren Konsummöglichkeiten, sondern ein Leben in Genügsamkeit, das nach dem Wesentlichen fragt, danach, was das Leben im Kern ausmacht. Diese Anschauung wird vor allem von UmweltschützerInnen und ÖkonomInnen aufgegriffen und ausformuliert, die unbegrenztes Wachstum für unmöglich halten.

Geschlechterkonzeption im Sumak Kawsay

Die indigene Mythologie geht von einem komplementären Dualismus aus. Mann und Frau sind in rituellen, aber auch in alltäglichen Handlungen stets als Paar präsent. FeministInnen berufen sich daher auf das Leitprinzip der Verfassung, auf die Idee des Sumak Kawsay und fordern eine Überwindung von Geschlechtergewalt und gleiche Chancen für Männer und Frauen.

Die Prinzipien der Lebensschaffung und Lebenserhaltung greifen viele feministische ÖkonomInnen auf. Sie interpretieren das Sumak Kawsay als Neben- und Ineinander von produktiver und reproduktiver Arbeit.

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Foto: Elisabeth Schmid

Sumak Kawsay als politisches Projekt

Die CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador) fordert seit langem das Recht der verschiedenen indigenen Nationalitäten auf ihr Territorium, auf Autonomie und kollektive Rechte. Ein zentraler Punkt in der verfassunggebenden Versammlung war daher, den Staat als plurinationalen und interkulturellen Staat neu zu organisieren. Jenseits von Minderheitenpolitik sollen Unterschiede anerkannt und eine egalitäre Gesellschaft konstruiert werden. Das verfassungsrechtliche Leitprinzip greift in diesem Punkt auf verschiedene indigene, sozialistische und feministische Vorstellungen sowie Erweiterungen zurück.

Die Afro-EcuadorianerInnen und Sumak Kawsay

Eine sehr schwierige Aufgabe in der ecuadorianischen Gesellschaft ist die Inklusion der afro-ecuadorianischen Bevölkerung. Um ein Leben in Fülle möglich zu machen, sollen und müssen nicht nur indigene Bevölkerungsgruppen als erste Nationen, sondern alle Gemeinschaften und Kollektive in Ecuador einbezogen werden. Dabei wurde die komplizierte Geschichte der Diaspora der Afro-EcuadorianerInnen sichtbar, die als SklavInnen nach Lateinamerika verschleppt wurden.

Skeptische Positionen

Trotz der überwältigenden Zustimmung bei der Ratifizierung der Verfassung gibt es auch Kritik und Vorbehalte. Häufig beziehen sich die Bedenken auf eine Verhinderung des Fortschritts bzw. sogar auf einen Rückschritt der Wirtschaft und Gesellschaft Ecuadors. Dabei argumentieren die GegnerInnen meist mit rassistischen Aussagen und beschreiben die indigene Lebensweise als primitiv.

Die Vorstellung, in Harmonie und Einheit mit der Natur zu leben, sei purer Romantizismus, sagen andere, und beschränke die Teilnahme Ecuadors am internationalen Handel mit Erdöl als wichtigen Devisenbringer. Der Bezug auf indigene Traditionen wird als politische Manipulation der Massen gedeutet, die sich verschiedene Regierungen im Zuge der Linkswende in Lateinamerika zu Nutzen machen, wie eben auch Rafael Correa in Ecuador.

Teil 3 der Artikelserie finden Sie hier.

Die Autorin ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Horizont3000 und der Austrian Development Agency (ADA). Diese Artikelserie basiert auf ihrer Abschlussarbeit, die sie im Rahmen eines Postgraduate Studiums verfasst hat und wofür sie unter anderem in Ecuador forschte. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.