Die vorliegende Artikelserie basiert auf der Master-Thesis von Elisabeth Schmid Die Frage nach dem guten Leben. Ein kritischer Vergleich des Fähigkeitenansatzes von Amartya Sen mit dem verfassungsrechtlichen Leitprinzip des Sumak Kawsay in Ecuador, eingereicht bei der Donau-Universität Krems, Fachbereich Interkulturelle Studien. Der erste Teil gibt einen Überblick über das Thema und seine Implikationen im Entwicklungsdiskurs.Sowohl der Fähigkeitenansatz als auch das Leitprinzip der ecuadorianischen Verfassung, das Sumak Kawsay, versuchen, eine Antwort auf die Frage nach dem guten Leben zu geben. Sie unterscheiden sich aber in wesentlichen Aspekten. In dieser Artikelserie werden die Unterschiede herausgearbeitet und kritisch betrachtet.
In meiner Analyse beabsichtige ich, das Sumak Kawsay, wie es in der ecuadorianischen Verfassung verwendet wird, dem Fähigkeitenansatz von Amartya Sen vor allem in seiner Anwendung im Konzept der menschlichen Entwicklung gegenüberzustellen. Dabei werde ich vor allem auf den Aspekt der Macht eingehen.
Die Leistung des Fähigkeitenansatzes liegt in seinem Bruch mit dem Utilitarismus und der Weiterentwicklung der traditionellen Wohlfahrtsökonomie. Meine Kritik bezieht sich allerdings darauf, dass Sen aufgrund der fehlenden Reflexion von Machtstrukturen in der (neo)liberalen Logik verhaftet bleibt. Im Gegensatz dazu verstehe ich das Konzept des Sumak Kawsay als Alternative zum und Kritik am hegemonialen System, das die westlichen Perspektiven auf das gute Leben grundlegend in Frage stellt und auch vom Fähigkeitenansatz von Amartya Sen nicht durchbrochen wird.

Foto: Elisabeth Schmid; Abendstimmung in Quito mit Cotopaxi
Das Leitprinzip der ecuadorianischen Verfassung: Sumak Kawsay
Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1812 hat Ecuador schon eine Reihe von Verfassungen verabschiedet. Die Verfassung von 1998 scheiterte an den Auswirkungen einer der tiefsten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krisen, die das Land je erlebt hat. Den Prozess, der im Jahr 2007 ins Leben gerufen wurde, um eine neue Verfassung zu erarbeiten, war von einer breiten Aufbruchsstimmung begleitet. Während die bisherigen Versuche, Ecuador als Staat zu konstituieren, auf die Paradigmen der Zivilisation und der Moderne zurückgriffen, gelingt mit der Verfassung, die im Oktober 2008 in Kraft trat, eine Neuorientierung. Die BürgerInnen Ecuadors berufen sich erstmals auf ein Konzept des Lebens, das sich auf das Vermächtnis der andinen Völker bezieht und sich grundlegend von westlichen Traditionen unterscheidet.
Als Leitprinzip der Verfassung wurde die indigene Kosmovision Sumak Kawsay aufgenommen. Die Bedeutung des Begriffs ist in der Sprache der Kichwa sehr vielschichtig. Sumak umfasst das Gute, das Schöne, das Erhabene, das Wunderbare. Kawsay bedeutet leben, verstanden als Prozess, als etwas Aktives. In der Verfassung wird Sumak Kawsay mit buen vivir (gutes Leben) oder vivir bien (gut leben) übersetzt, was dem Umfang des Begriffs nicht gerecht wird. Sumak Kawsay bedeutet vielmehr ein Leben in Fülle, in Harmonie mit der Natur und den Menschen.
Der Fähigkeitenansatz von Amartya Sen als Alternative zur traditionellen Wohlfahrtsökonomie
Unter der Führung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Grundstein für jahrzehntelange Entwicklungspolitik gelegt, die davon ausging, dass Investitionen, Wirtschaftswachstum und Modernisierung den Wohlstand sicherstellen können. Allerdings hat sich bisher das goldene Versprechen des Fortschritts und der Entwicklung auf ein besseres Leben für die Mehrheit der Menschen nicht erfüllt.
Auf der Suche nach Alternativen zum Utilitarismus, der Wohlstand durch Einkommen und Akkumulation materieller Güter oder durch Nutzenmaximierung definiert, ist der Fähigkeitenansatz von Amartya Sen ein bedeutender Meilenstein. Sen sieht die Verfügbarkeit von Gütern nicht als Endzweck, sondern als Mittel, um ein höheres Ziel zu erreichen. Er geht davon aus, dass ein möglichst großes Maß an Freiheit und Wahlmöglichkeiten (Verwirklichungschancen), die es dem Menschen erlauben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, einem guten Leben am nächsten kommen. Entscheidend ist, ob die Person ihr Leben frei gewählt hat und ihre Chancen nutzen kann.
Foto: Elisabeth Schmid; Indígena
In der empirischen Anwendung ist es sehr schwer, Verwirklichungschancen zu erfassen und zu messen. Welche Freiheiten eine Person tatsächlich hat und auch nutzt bzw. inwieweit eine Entscheidung auf bestimmten Zwängen beruht, lässt sich kaum objektiv beurteilen. Dennoch leitete der Fähigkeitenansatz einen wichtigen Paradigmenwechsel in der Entwicklungstheorie und -politik ein.
Mensch im Mittelpunkt aber nicht jedeR
Der Fähigkeitenansatz findet nunmehr seit mehr als zwanzig Jahren im Konzept der menschlichen Entwicklung eine ebenso anerkannte wie umstrittene Anwendung. Die UNDP veröffentlicht jährlich den Human Development Report, aber auch andere Entwicklungsorganisationen und -institutionen folgen diesem Ansatz in ihren Strategien und Politiken.
Um klare, griffige Zahlen zu haben, die mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), dem Maß aller Dinge im Entwicklungsdiskurs, mithalten können, errechnet die UNDP den Human Development Index, der vor allem quantitative, die Messung des Lebensstandards betreffende Aspekte (Lebenserwartung, Verbleibdauer in der Schule, Müttersterblichkeit, etc.) berücksichtigt.
Auch im Konzept der menschlichen Entwicklung ist das westliche Modell, wie das Leben zu funktionieren hat und was eine fortschrittliche und moderne Lebensweise ist, implizit als Norm definiert. An diesem Maßstab werden alle anderen gemessen und als mehr oder weniger inferior bestimmt. Eine Verbesserung ihrer Situation ist nur mit Hilfe der überlegenen Gesellschaften, mit ihrem Wissen und Kapital möglich. Damit setzt sich die Hierarchisierung fort, die in der Kolonialzeit grundgelegt wurde. Denkt man daher Macht als konstituierendes Merkmal der Welt, so müssen Entwicklung, Fortschritt und Moderne mit ihrer Schattenseite, mit Kolonialität und Rassismus in Verbindung gebracht werden.
Teil 2 der Artikelserie finden Sie hier.
Die Autorin ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Horizont3000 und der Austrian Development Agency (ADA). Diese Artikelserie basiert auf ihrer Abschlussarbeit, die sie im Rahmen eines Postgraduate Studiums verfasst hat und wofür sie unter anderem in Ecuador forschte. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.