
Wie kann ein gutes Leben für alle funktionieren? Diese Frage steht im Zentrum von „Das gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise“. Die Autor*innen begeben sich in diesem Buch auf die Suche nach neuen Lebensstilen und Wirtschaftsformen, die nicht auf Kosten von Mensch und Umwelt gehen.
„Das gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise“ ist im Februar 2019 im oekom Verlag erschienen und ist ein Projekt des interdisziplinären I.L.A. Kollektivs (Imperiale Lebensweisen und solidarische Alternativen), das sich aus jungen Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen zusammensetzt. Das Buch besteht grundsätzlich aus zwei Teilen: „Die solidarische Lebensweise – Prinzipien, Projekte und Prämissen“ und „Wege in die solidarische Lebensweise“. Teil I befasst sich mit den Konturen einer solidarischen Lebensweise und mit ausgewählten Lebensbereichen, in denen Alternativen bereits gelebt werden und sich Menschen für ein zukunftsfähiges, demokratisches, sozial und ökologisch gerechtes Miteinander einsetzen. Zusätzlich werden Institutionen und die benötigten Rahmenbedingungen für eine solidarische Lebensweise thematisiert. In Teil II gehen die Autor*innen auf Transformationen auf politischer und kultureller Ebene ein. Dadurch soll gezeigt werden, dass eine „[…] eine solidarische Gesellschaft [ist] nicht nur dringend nötig, sondern auch machbar“ (S.6) ist.
Von der imperialen Lebensweise zum guten Leben für alle.
„Die alltägliche Art und Weise, wie die meisten Menschen im Globalen Norden wirtschaften und leben geht auf Kosten anderer: der Natur, zukünftiger Generationen und benachteiligter Menschen Nord und Süd“ (S. 7) so die Autor*innen. Auch wenn immer deutlicher wird, dass die sogenannte „imperiale Lebensweise“ die Lebensgrundlage der Menschheit über kurz oder lang zerstören wird, finden Änderungen, wenn überhaupt, langsam und in sehr kleinem Ausmaß statt. Als Grund dafür führen die Autor*innen das vermeintliche Fehlen von Perspektiven an: „Das derzeitige Leben und Wirtschaften – mit all den gravierenden Folgen, die es hat – scheint normal und alternativlos“ (S.9). Dieser Normalität und Alternativenlosigkeit widerspricht das I.L.A. Kollektiv im Buch vehement: „Doch dieses Leben und diese Gesellschaft sind nicht alternativlos: Die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander und mit der Natur leben, ist nicht vom Himmel gefallen, sondern menschengemacht. […] Es gibt also die Möglichkeit, unser Miteinander auf diesem Planeten neu zu gestalten“ (S.9)
Was zeichnet eine solidarische Lebensweise aus?
Die Autor*innen greifen fünf Begriffe auf, die eine solidarische Lebensweise charakterisieren: Unter „Commoning“ wird das gemeinschaftliche Erzeugen, Pflegen und Nutzen von Dienstleistungen und Gütern verstanden. „Demokratisierung“ steht für die Teilhabe an und den Zugang zu Ressourcen, die Partizipation erst möglich machen. Als dritten Punkt nennen die Autor*innen „ReProduktion“. Demnach sei es der Maßstab aller Tätigkeiten, Leben zu erhalten, zu entfalten und Beziehungen zu pflegen. „Dependenz“ steht für die untrennbare Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Natur. Zu guter Letzt wird „Suffizienz“ genannt, was im Gegensatz zur Wachstumslogik der imperialen Lebensweise steht. Die Devise hier lautet „genug für alle statt immer mehr für wenige“.
Gelebte Alternativen gibt es bereits.
Das I.L.A. Kollektiv stellt im Buch verschiedene Lebensbereiche vor, in denen Alternativen zur imperialen Lebensweise bereits gelebt werden. Die Projekte sind in den verschiedensten Bereichen angesiedelt und sind sowohl in der Sorgearbeit als auch in der Landwirtschaft oder im Bereich der Mobilität zu finden. Auf unterschiedliche Art und Weise werden in den vorgestellten Projekten die fünf Prinzipien einer solidarischen Lebensweise gelebt. Ein Beispiel hierfür ist die Initiative „Rotes Berlin“, die sich für solidarisch verwalteten Wohnraum einsetzt. Ziel der Initiative ist es, Wohnraum in ein Gemeingut umzuwandeln. Die Nutzer*innen sollen ihren Wohnraum in demokratisch organisierten Institutionen selbstbestimmt verwalten können. Auch will man Güter und Infrastrukturen wie Wohnungen oder Verkehrs-und Energiebetriebe in kollektiven Besetz bringen, indem die Stadt das Eigentum in staatliche Verwaltung überführt. Es zeigt sich: „Für den umfassenden Wandel des Bereiches Wohnen sind die Stadtpolitik und eine breite Miter*innenbewegung aufeinander angewiesen“ (S. 49).
Motivation und Mut für neue Perspektiven.
Wie im ersten Teil des Buches deutlich gezeigt wird, gibt es vereinzelt bereits überall auf der Welt Ansätze für ein solidarisches Miteinander. Die Frage, die sich die Autor*innen stellen, ist jedoch, wie es zu einer grundlegenden Veränderung für alle kommen könnte. Wichtig sei es, die „imperiale Normalität“ herauszufordern. Grundlegend für eine Transformation hin zur solidarischen Lebensweise sei es also, bestehende „Normalität“ anzuzweifeln und das vermeintliche Fehlen von Alternativen zu hinterfragen. Sehr treffend heißt es dazu im Buch: „Es ist also ein Kampf um Köpfe, um neue Vorstellungen und Praktiken des Guten Lebens für Alle erfahrbar zu machen und zu verbreiten.“ (S. 79). Es soll eine „neue“ Normalität geschaffen werden, die sich im alltäglichen individuellen Handeln ebenso zeigt, wie in den Medien, in der Bildung sowie in politischen und wirtschaftlichen Institutionen.
Dem I.L.A. Kollektiv ist mit „Das gute Leben für alle. Wege in eine solidarische Lebensweise“ nicht nur ein guter Überblick über vorhandene Alternativen und Begriffe gelungen, das Buch regt auch zum Nachdenken und Reflektieren der oft als unveränderbaren hingenommenen Wirklichkeit an. Statt in Schwarzmalerei und Pessimismus zu verfallen, motiviert die Lektüre, solidarische Perspektiven und Alternativen zu denken und zu leben.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
“Das Gute Leben für Alle. Wege in eine solidarische Lebensweise” im oekom Verlag