Die Neoliberale Wende in den 1970er Jahren und der damit einhergegangene Freihandelsboom eröffneten ein neues Kapitel der globalen Arbeitsteilung. Die Komplexität sowie die Verwundbarkeit dieses Systems wurden durch die Covid-19-Pandemie eindrücklich demonstriert. Zugleich zeigte die Pandemie die ungleiche Verteilung von Macht, Profit und Kosten in den Produktionsketten auf. So stornierten Moderiesen wie H&M oder Zara zu Beginn der Pandemie kurzerhand Aufträge, ohne die Zulieferfirmen zu entschädigen – teilweise bei bereits produzierten Waren. Dies war für die ohnehin von Ausbeutung betroffenen Arbeiter*innen in der Textilindustrie existenzbedrohend, da sie oft keine Löhne mehr erhielten.
Das Beispiel verdeutlicht: globale Produktionsnetzwerke ermöglichen eine bisher ungekannte Systematisierung der Ausbeutung und Unterdrückung von Lohnabhängigen. Aber diesen Bedingungen zum Trotz sind Arbeiter*innen nicht untätig oder gar machtlos – im Gegenteil. Dem globalen Kapital stellen sich immer mehr globale Arbeitsbewegungen entgegen. Doch welche Strategien setzen diese ein, um die herrschenden Machtverhältnisse zu verändern? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die Spezialausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) mit dem Titel „Scaling Up? Transnational Labour Organising in Globalised Production“, die am 23.11.2022 im C3 in Wien vorgestellt wurde.
Aktivistische Präsentation eines kämpferischen JEPs.
Moderation und Einleitung zur Präsentation übernahmen Karin Fischer und Cornelia Staritz, die das Sonderheft gemeinsam mit Signe Moe herausgeben. Nach einem Überblick zum Hintergrund der Ausgabe sprach Jeroen Merk über Möglichkeiten und Grenzen globaler Arbeitsbewegungen. Dazu konnte er Einblicke aus seiner Tätigkeit als unabhängiger Forscher und Aktivist bei der „Clean Clothes Campaign“ (CCC, dt. Kampagne für Saubere Kleidung) in den Niederlanden mit dem Publikum teilen. Das Ziel der Organisation ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilbranche, insbesondere in den Hauptproduktionsländern im Globalen Süden. Die räumliche Distanz stelle aber eine große Herausforderung dar. Denn die Ursachen für die Missstände liegen weit weg – und zwar im Globalen Norden[1] bei den Leitfirmen. Für nachhaltigen Erfolg müssten gerade dort Veränderungen erwirkt werden.
Länderübergreifende Arbeitskämpfe als Strategie.
Grundsätzlich gebe es zwei zentrale Strategien, die oft miteinander verbunden werden. Einerseits setzen Gewerkschaften, NGOs oder ähnliche Organisationen die Leitfirmen direkt unter Druck. Andererseits können auch Arbeiter*innen im Globalen Süden um die Unterstützung durch die CCC ansuchen. Zentral sei hier das sogenannte Boomerang-Modell: Sofern lokale Umstände es zulassen, protestieren dabei die Arbeiter*innen zuerst vor Ort. Wenn die Fabriken nicht auf die Forderungen eingehen, werden globale Verbündete aktiviert, um Druck auf die Leitfirmen im Globalen Norden auszuüben. In beiden Vorgehensweisen könne die CCC als globales Netzwerk wichtige Unterstützung leisten. So unterstütze die Initiative hinter den Kulissen die Arbeit lokaler NGOs und Gewerkschaften. Weiters könnten Arbeiter*innen im Globalen Süden ihre Anliegen als Urgent Appeals (dt. dringender Appell) direkt an die Organisation herantragen. Diese übe wiederrum Druck auf die Marken im Globalen Norden, oder, wenn es der Fall verlangt, auch auf Staaten aus. Dazu würden mehrere Mittel genutzt, unter anderem öffentliche Kampagnen und die Zusammenarbeit mit anderen NGOs und Gewerkschaften. „Der überwiegende Teil der Anliegen betrifft die Versammlungs- und Koalitionsfreiheit“, so Merk. Viele Kämpfe würden sich aber auch um akute lokale Missstände wie Fabrikbrände oder zurückgehaltene Löhne drehen. Er nennt dazu das Beispiel Kambodscha: nach einer abrupten Fabrikschließung sei den Arbeiter*innen keine Abfindung bezahlt worden. Während die CCC Druck auf die Leitfirmen ausgeübt habe, hätten die Arbeiter*innen über einen Monat lang vor der Fabrik protestiert. Schließlich sei eine Einigung mit Walmart und H&M erzielt und die Abfindung bezahlt worden.
Vorteile und Grenzen von Urgent Appeals.
Das Beispiel zeige die großen Vorteile der Urgent Appeals. Die Unterstützung durch CCC würde lokale Arbeitskämpfe auf die transnationale Ebene holen, wo die Leitfirmen agieren. Zentral sei dabei immer die führende Rolle der lokalen Bewegungen. Die CCC unterstütze zwar, bleibe aber im Hintergrund. Das unterscheide die CCC laut Merk von anderen Initiativen. Außerdem könnten die Kampagnen die Widersprüche zwischen den ethischen Versprechungen der Leitfirmen und den tatsächlichen Arbeitsbedingungen sehr eindrücklich aufzeigen.
Aber es gibt auch Nachteile, stellte Merk klar. Teils seien die Urgent Appeals wie Brandbekämpfung: Oft würde erst gehandelt, nachdem die Missstände eingetreten sind. Viele Appeals könnten zudem nicht behandelt werden, da sie aufgrund mangelhafter Strukturen die CCC nie erreichen. Dabei würden geschlechtsbezogene Barrieren eine bedeutende Rolle spielen. Frauen müssten oft große Hürden überwinden, um ihre Bedürfnisse an die CCC heranzutragen und durchzusetzen. Das liege an mehreren Gründen, unter anderem an der Dominanz männlicher Funktionäre in den Gewerkschaften. Auch weitere Limitationen gebe es: manchmal würden zwar Erfolge erreicht, diese aber kurz darauf durch Fabrikschließungen zunichte gemacht. Zudem würden neue Marken wie die chinesische Firma Shein die Marktmacht der Leitfirmen im globalen Norden herausfordern und damit den Einfluss der CCC untergraben.
Kreativer Aktivismus bietet neue Lösungen.
Nach dem ausführlichen Überblick zu Arbeit und Limitationen der CCC gab es Raum für Kommentare und aktivistische Aufrufe verschiedener Mitwirkender am JEP. Kruskaya Hidalgo Cordero, Feministin und Forscherin in Mexiko-Stadt, betonte ebenfalls, dass sich verändernde Dynamiken globale Arbeitskämpfe vor neue Probleme stellen. Sie rückte in ihrem Beitrag die Rolle der Plattformökonomien[2] in den Fokus und bezog sich konkret auf Essenlieferservices. Der dezentrale Aufbau solcher Unternehmen würde die Organisation der Arbeiter*innen erschweren. Aber Hidalgo Corderos Beitrag im JEP zeigt: Arbeitskämpfe finden unerwartete Antworten auf die veränderten Bedingungen. So organisieren sich Essenslieferant*innen in Ecuador mittlerweile durch eine App. Dabei hätten Frauen federführende Rollen eingenommen. Dies sei Zeichen einer wichtigen Veränderung, so Hidalgo Cordero: „Frauen treiben die Arbeitskämpfe der Zukunft voran!“.
Anschließend appellierte Luke Sinwell, Soziologe an der Universität Johannesburg, an die Unterstützung der Zuhörenden. Er berichtete über den Kampf von Minenarbeiter*innen für höhere Mindestlöhne im Zuge des südafrikanischen Bergarbeiter*innenstreiks 2012. Dort entschloss sich der Staat mit internationalen Rohstoffkonzernen zu paktieren und den Streik gewaltsam zu beenden. Im folgenden Massaker von Marikana ging der Staat auf brutalste Weise gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei wurden 34 Minenarbeiter von den Sicherheitskräften getötet. Sinwell forderte die Zuhörenden nachdrücklich auf: „Am 16. August 2023 ist der Jahrestag des Massakers. Zeigt internationale Solidarität und nehmt am Gedenken teil!“
Angesteckt vom Geist globaler Arbeitskämpfe waren auch die Kommentare der Zuhörenden sehr kämpferisch. Auf die Frage, welchen Beitrag denn die Forschung im Globalen Norden leisten könne, verwies Karin Fischer auf den Artikel von Marissa Brookes im JEP. Diese erstellt derzeit eine umfassende Datenbank zu transnationalen Arbeitskämpfen. Damit könnten Gewerkschaften, NGOs und Arbeiter*innen aus den Anstrengungen anderer lernen. Brookes selbst musste ihre Teilnahme an der JEP Präsentation leider kurzfristig absagen. Sie war anderorts mit Arbeitskämpfen beschäftigt – sie nahm an einem Streik von Akademiker*innen in Kalifornien teil.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Informationen:
[1] Die Begriffe Globaler Norden und Globaler Süden werden als Sammelbezeichnungen für eine sehr diverse Gruppe von Staaten, Kulturen und Gesellschaften verwendet. Die Begriffe können vereinfachend und verallgemeinernd wirken, da sie ein binäres Weltverständnis reproduzieren. Sie werden mit Verweis auf diese Schwächen bewusst eingesetzt, da eine Abbildung aller Unterschiede oft zu komplex wird und damit in diesem Kontext nicht hilfreich ist.
[2] Damit sind Geschäftsmodelle gemeint, die wirtschaftliche Abläufe und Dienstleistungen über eine digitale Plattform organisieren und dadurch Profit machen. Beispiele dafür wären Amazon im Online Handel, Uber im Taxi- und Liefersektor oder Facebook in den Sozialen Medien.
zum JEP XXXVIII/2/3 „Scaling Up? Transnational Labour Organising in Globalised Production“

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