Der Weg eines T-Shirts ist lang. Von der Planung, über die Produktion bis hin zum Verkauf legt ein Shirt mehrere tausend Kilometer zurück. Das Modell der globalen Warenketten beschreibt diese Schritte und versucht damit, die Komplexität ökonomischer Verflechtungen und wirtschaftlicher Prozesse aufzuzeigen.
Als globale Warenkette wird der Weg jener Güter bezeichnet, die mindestens zweimal eine Grenze überschreiten, die räumlich fragmentiert produziert werden und bei denen die zentrale Rolle der Steuerung von Menge und Qualität transnationalen Konzernen zukommt. Dieses Jahr wurde der Sammelband „Globale Warenketten und ungleiche Entwicklung“ (Mandelbaum, 2021) veröffentlicht, welcher sich mit Themen wie Machtstrukturen, Umwelt, Entwicklung, Gesellschaft und vielem mehr innerhalb von Handelsketten beschäftigt. Zum Buch wurde am 17. Juni eine Online-Buchpräsentation und Podiumsdiskussion mit Herausgeber*innen und Autor*innen veranstaltet, die Themen des Bandes vorstellten und diskutierten. Es beteiligten sich Karin Fischer (Johannes Kepler Universität Linz), Cornelia Staritz (Universität Wien), Christian Reiner (Lauder Business School Wien), Jörg Flecker (Universität Wien), Stefan Laser (Ruhr-Universität Bochum).
Wie entstehen globale Warenketten?
Anfang des 20. Jahrhunderts gewann der internationale Handel und die globale Arbeitsteilung im Zeitgeist des klassischen Liberalismus zunehmend an Bedeutung. Doch erst durch die Globalisierung wurden Wertschöpfungsketten zu einem prägenden Merkmal des Welthandels, schreibt der Ökonom Roman Stöllinger. Die sogenannte „Profitkrise“ in den 1970er Jahren leitete eine neoliberale Wende ein, welche die Grenzen für den globalen Warenverkehr öffnete und den Beginn der Auslagerung von Produktion und Dienstleistung markierte. Aus Unternehmer*innensicht wurde diese Profitkrise durch starke Gewerkschaften und die damit verbundenen hohen Löhne im globalen Norden ausgelöst. Politiker*innen jener Industriestaaten, welche dieser Perspektive folgten, reagierten mit der zunehmenden Liberalisierung von Handel und Investitionsflüssen, sowie der Senkung von Zöllen, Transaktions- und Transportkosten, um Produktivitätszuwächse zulasten der Arbeitnehmer*innen in sogenannten Billiglohnländern zu ermöglichen. Die dadurch entstehende „Neue Internationale Arbeitsteilung“ basiert auch auf der verstärkten Exportorientierung von Ländern des Globalen Südens, die diesen unter anderem durch Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und Internationalem Währungsfonds auferlegt wurde.
Die Wertschöpfungskette.
Die Hierarchien von Warenketten werden sowohl durch materielle, wie auch durch symbolische Macht geprägt. Das Konzept der globalen Wertschöpfungskette befasst sich mit beiden Machtaspekten und versucht zu verstehen, wie diese die Positionen in der Warenkette bestimmen. Die Theorie basiert auf der Annahme, dass nicht nur materielle, sondern auch symbolische, Faktoren den Wert einer Ware oder Tätigkeit steigern oder senken. Anhand der „Smile Curve“ (dt.: Lachkurve) zeigt sich beispielsweise, dass in den 1960er Jahren produktionsbezogene Aktivitäten gut entlohnt wurden und auch ein höheres gesellschaftliches Ansehen hatten. Durch die Auslagerung der Produktion in sogenannte „Billiglohnländer“ verloren derartige Tätigkeiten jedoch immer mehr an Wert und Prozesse wie Produktentwicklung, Marketing oder Distribution, welche dem Produktionsprozess vor- oder nachgelagert sind , gewannen an Wert, erklärt Christian Reiner in seinem Vortrag bei der Veranstaltung.
Asymmetrische Verhältnisse durch die steigende Macht von Leitunternehmen.
Da der Wert symbolisch durch mehrere Faktoren zugeschrieben wird, kann dieser von machvollen Akteuren kontrolliert werden. Das globale Wirtschaftssystem wird von Wettbewerb und Konkurrenz gesteuert. Sogenannte transnationale Konzerne oder Leitfirmen besitzen Macht, wenn sie sich dem Wettbewerbsdruck weitgehend entziehen können und aus dem Wettbewerb anderer Unternehmen Nutzen ziehen können, schreiben Jakob Kapeller und Claudius Gräbner in ihrem Kapitel über Konzernmacht. Wenn beispielsweise eine Marke oder ein Design etabliert wurde, steht das Unternehmen weniger in direkter Konkurrenz als bloße Produzent*innen, von denen Hunderte dasselbe anbieten. Leitfirmen sind in der Position, sich ihre Handelspartner auszusuchen. Dadurch werden bestimmte Anforderungen gestellt, diese steigern damit auch den Standortwettbewerb zwischen Staaten, welche mit Steuererleichterungen versuchen, Konzerne anzulocken. Eine Folge davon sei, dass politische Entscheidungen nicht im Sinne der Bevölkerung, sondern im Druck des internationalen Wettbewerbs getroffen werden, schreiben Kapeller und Gräbner: „Die Macht von Konzernen in Güterketten führt u.A. zu einem Steuerwettbewerb zwischen Staaten […] und zu einem Anstieg der Ungleichheit auf globaler wie nationaler Ebene“. Zudem können durch die hohe Verhandlungsmacht von Leitunternehmen Flexibilität und Senkung von Arbeitskosten fortlaufend verstärkt werden und sich damit die sozialen Bedingungen für Arbeiter*innen in den Produktionsstandorten verschlechtern, so Christian Reiner.
Globale Güterketten als Entwicklungsperspektiven?
Die Integration von Ländern des globalen Südens in den internationalen Markt kann aus wirtschaftsliberaler und marktorientierter Sicht auch als Chance für Wissens-, Technologie-, und Prozesstransfer interpretiert werden. Nach dem Transfer würde im Idealfall ein Aufstieg zu „wertvolleren“ Tätigkeiten, ein sogenanntes Upgrading (dt.: Verbesserung), erfolgen. Diese Sichtweise greift jedoch aufgrund mehrerer Faktoren zu kurz: Erstens unterbinden einige Leitunternehmen das Upgrading, um Konkurrenz auf höherer Wertebene zu vermeiden, erklären Kapeller und Gräbner. Zweitens entstehe kein Automatismus von ökonomischer Aufwertung zu sozialer Aufwertung. Solange die Positionsmacht bei den Leitunternehmen liegt und die Produzenten austauschbar bleiben, ist die „Wertigkeit“ der Arbeit kein Garant für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der Bevölkerung, argumentiert der Sozialwissenschaftler Jörg Flecker in einem Kapitel des Buches. Christian Reiner stellt sich in der Online-Diskussion die Frage, ob zur jetzigen Zeit, wo derartig große Ungleichgewichte zwischen globalem Norden und globalem Süden herrschen, eine Weltmarktintegration überhaupt gerecht sein könne. Auch Kapeller und Gräbner sehen die Probleme in der Asymmetrie, die durch die steigende Macht der Leitunternehmen am Weltmarkt wie auch auf nationaler politischer Ebene, erhalten bleibt.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Aufzeichnung Buchpräsentation und Podiumsdiskussion zu „Globale Warenketten und ungleiche Entwicklung.“
„Globale Warenketten und ungleiche Entwicklung“ im Mandelbaumverlag
Titelbild © Paul Jarvie, Berthing a Freighter, flickr creative commons