Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die wohl bekannteste wirtschaftliche Kennzahl und gilt weltweit nicht nur als Maßstab für die ökonomische Leistungsfähigkeit eines Landes, sondern auch als Indikator für den vermeintlichen Wohlstand einer Gesellschaft. Doch was passiert, wenn 200 Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu verhandeln, was Wohlstand wirklich bedeutet? Dieses Experiment wurde am 28. März im Rahmen der Veranstaltung “Wohlstand neu denken“ an der Wirtschaftsuniversität Wien durchgeführt. Denn eine genauere Betrachtung zeigt: Das BIP ist ein unvollständiges und teilweise irreführendes Maß für den Erfolg einer Volkswirtschaft. Die Zeit ist daher reif für neue Leitbilder und mehr Partizipationsmöglichkeiten an der Wirtschaftspolitik.
Die Entstehung des BIP.
Doch was ist am BIP als Wohlstandsindikator so problematisch? Eine Antwort auf diese Frage liefert seine Entstehungsgeschichte. Die Historie der Versuche, den wirtschaftlichen Erfolg einer Gesellschaft zu messen, reicht weit zurück. Das Konzept des Bruttoinlandsprodukts, wie wir es heute kennen, wurde aber erst in den 1930er Jahren entwickelt, als US-Ökonomen wie Simon Kuznets versuchten, die wirtschaftliche Leistung während der Großen Depression messbar zu machen. Öffentlich erwähnt wurde das BIP der USA erstmals 1942 – die Kennzahl sollte bei der Rüstungsplanung helfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich das BIP als globaler Standard für die wirtschaftliche Leistungsbewertung, gefördert durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank – die Zahl ist zu einer politischen Größe geworden. Doch schon sein „Erfinder“ Kuznets warnte davor, das BIP mit dem Wohlstand einer Nation gleichzusetzen. Auch der ehemalige US-Senator Robert Kennedy kritisierte 1968, dass das BIP „alles misst, außer dem, was das Leben lebenswert macht“.
Die Schwächen des BIP.
Die Kritikpunkte (vor allem aus heutiger Perspektive) sind vielfältig: Das BIP gibt nur die Gesamtwirtschaftsleistung eines Landes an, sagt aber nichts darüber aus, wie der Wohlstand innerhalb der Gesellschaft verteilt ist. Zudem treibt Wirtschaftswachstum die Klimakatastrophe voran. Schäden durch Luftverschmutzung, Wasserqualitätsverlust oder Biodiversitätsrückgang werden jedoch nicht negativ verbucht, sondern können sogar das BIP erhöhen, wenn sie etwa zu kostspieligen Reparaturmaßnahmen führen. Auch Naturkatastrophen oder Kriege lassen das BIP steigen – ohne den Wohlstand zu erhöhen. Und schließlich wird unbezahlte Arbeit ausgeblendet. Care-Arbeit oder ehrenamtliche Tätigkeiten haben aber einen enormen gesellschaftlichen Wert, der im BIP nicht berücksichtigt wird.
Der wahre Zweck der Wirtschaft.
Die zentrale Frage ist deshalb: Sollte Wirtschaft nicht dem „guten Leben“ dienen, anstatt bloß möglichst hohe Zahlen zu generieren? In vielen Verfassungen ist das Gemeinwohl sogar als wirtschaftliches Ziel verankert, beispielsweise in Italien oder Kolumbien. Trotzdem ist das BIP-Wachstum de facto das eigentliche wirtschaftspolitische Ziel, das durch den dominanten wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs gestützt wird. Kritiker*innen wie der Begründer der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) Christian Felber argumentieren deshalb, dass die ökonomische Wissenschaft durch ihre Beschränkung auf mathematische Kennzahlen ihr eigentliches Ziel aus den Augen verloren hat. Und Geld besitzt nur sogenannten Tauschwert – der wahre Wohlstand einer Gesellschaft liege aber in Nutzwerten wie Gesundheit, Bildung, sozialem Zusammenhalt und einer intakten Umwelt.
Auf der Suche nach Alternativen.
Schon seit den 1970er Jahren gibt es zahlreiche Versuche, das BIP durch ganzheitlichere Wohlstandsindikatoren zu ersetzen, die Nutzwerte berücksichtigen. Beispiele dafür sind der Better Life Index der OECD oder das Bruttonationalglück in Bhutan. Diese Konzepte basieren auf Umfragen und erfassen verschiedene Lebensqualitätsfaktoren wie soziale Beziehungen, Umweltbedingungen oder persönliche Zufriedenheit. Inspiriert von solchen Ansätzen fordert auch die Gemeinwohlökonomie (GWÖ), die 2010 in Österreich gegründet und mittlerweile in 33 Ländern aktiv ist, eine neue wirtschaftliche Messgröße, die auch soziale Faktoren umfasst. Dabei geht es der GWÖ aber nicht darum, eine starre Definition von Wohlstand vorzugeben, sondern einen partizipativen und demokratischen Prozess zu etablieren, in dem verschiedene gesellschaftliche Gruppen ihre Vorstellungen von Wohlstand einbringen können.
Wohlstand neu denken.
Vor diesem Hintergrund wurde bei der eingangs erwähnten Veranstaltung nach einer inspirierenden Vorführung des Films PURPOSE ein direktdemokratischer Definitionsversuch von Wohlstand durchgeführt. Das Publikum, bestehend aus circa 200 Personen, sollte in Kleingruppen zwei zentrale Fragen diskutieren: Was verstehen wir unter diesem Begriff? Und welche Bestandteile sollte ein neuer Wohlstandsindikator unbedingt beinhalten?
Nach lebhaften Diskussionen kristallisierten sich vor allem folgende Aspekte als besonders wichtig heraus: Wohlstand bedeute für das Publikum Sicherheit, Selbstverwirklichung, Zeitwohlstand, Zufriedenheit, Teilhabe, (solidarische) Beziehungen, Gesundheit und eine intakte Umwelt. Ein neuer Wohlstandsindikator müsste im Idealfall all diese Dimensionen berücksichtigen. Doch wie lassen sich subjektive Aspekte wie Sicherheitsgefühl in Zahlen ausdrücken?
Ein Beispiel hierfür, das im Film PURPOSE vorkam, wäre die Anzahl von Mädchen, die mit dem Fahrrad zur Schule fahren – ein scheinbar triviales Detail, das aber viel über die gesellschaftliche Realität in Bezug auf Sicherheit, Teilhabe und Mobilität aussagt. Gesundheit könnte laut einer Diskussionsgruppe in messbaren Größen wie der Anzahl gesunder Lebensjahre erfasst werden. Ebenso könnten Kennzahlen zur Qualität der Infrastruktur oder des öffentlichen Verkehrs genutzt werden, um Mensch-Natur-Beziehungen greifbar zu machen.
Partizipation als Schlüssel zur Veränderung.
Diese Diskussionsergebnisse wurden in einer Podiumsrunde reflektiert und eingeordnet. Als Sprecher*innen traten neben Christian Felber der Wifo-Chef Gabriel Felbermayr, Linda Simon von YEP (Youth Empowerment Participation) sowie die Ökonomin Franziska Disslbacher, die sich mit Verteilung und Steuergerechtigkeit auseinandersetzt, auf.
Felber unterstrich die Notwendigkeit einer flexibel anpassbaren Wohlstandsdefinition. Wohlstand sei nicht statisch, sondern unterliege einem ständigen Wandel gesellschaftlicher Prioritäten. Dem stimmte auch Simon zu, die die zentrale Bedeutung von Partizipation betonte. Junge Menschen hätten in diesem Kontext immer wieder hervorgehoben, dass Sicherheit, (mentale) Gesundheit und soziale Beziehungen für ein gutes Leben essenziell seien. Doch das wichtigste Element sei das Gefühl, gehört zu werden. Ohne diese Erfahrung entstehe Ohnmacht – und ohnmächtige Menschen könnten keine gesellschaftlichen Veränderungen bewirken.
Franziska Disslbacher berichtete von ihren Erfahrungen als beratende Expertin des Guten Rates, einer Initiative von Marlene Engelhorn (taxmenow e.V.). Auch sie unterstrich die Bedeutung von Partizipation als Katalysator für einen Werte- und Bewusstseinswandel. Nur durch aktive Mitbestimmung könnten etablierte hegemoniale Wachstumsdiskurse, die medial reproduziert werden, aufgebrochen und neue Perspektiven auf Wohlstand geschaffen werden.
Fazit.
Die Vorstellung, dass ein steigendes BIP automatisch zu mehr Wohlstand führt, ist ein Mythos, der kritisch hinterfragt werden muss. Denn hinter dieser Annahme stehen vielfach politische und wirtschaftliche Interessen, die etwa dann sichtbar werden, wenn man wie Disslbacher fragt: Wer profitiert eigentlich vom BIP?
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten wird das Narrativ, dass Wirtschaftswachstum quasi von selbst Probleme löst, verstärkt propagiert. Doch was bedeutet Wirtschaft, wenn sie nicht primär dem Gemeinwohl dient? Es wird immer offensichtlicher, dass eine Neudefinition von Wohlstand notwendig ist. Alternative Konzepte, die soziale und ökologische Faktoren berücksichtigen, gewinnen deshalb an Bedeutung. Dabei ist die Partizipation essenziell: Denn nur durch aktive Beteiligung entsteht ein Wirtschaftsmodell, das Leben verbessert statt nur Zahlen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild ©
Weiterführende Links:
Allgemeine Informationen zur Gemeinwohlökonomie: https://austria.econgood.org/
Video- und Fotonachschau WU Event 28. März 2025 »Wohlstand neu denken«: https://austria.econgood.org/purpose-wohlstand-neu-denken/
Der Film PURPOSE von Martin Oettinger: https://purpose.film/