Dass die Krise um COVID-19 nicht alle im gleichen Maße trifft und somit Ungleichheiten verschärft, wurde in den letzten Monaten deutlich. Wie reagieren verschiedene Staaten darauf und was kann aus den bisherigen Reaktionen auf die Pandemie gelernt werden?
Das Global Panel der #webET2020 am 14. November 2020 widmete sich der Auseinandersetzung mit diesen Fragen und führte die Ergebnisse aus den Panels zu Asien, Afrika und Lateinamerika zusammen. Die online Debatte wurde von Karin Küblböck (ÖFSE) und Karin Fischer (Universität Linz/Mattersburger Kreis) moderiert. Es diskutierten Jayati Ghosh (Jawaharlal Nehra Universität New Delhi, Indien), Ivo Lesbaupin (ISER Assessoria, Brasilien), Luckystar Miyandazi (ECDPM, Brüssel, Belgien) und Dorcas Erskine (Beraterin u.a. Weltbank/UNICEF, Zürich Schweiz).
Wen trifft die Pandemie am härtesten?
Einleitend betonten die Diskutant*innen, dass es sich um multiple Krisen handle und COVID-19 derzeit nicht die einzige globale Herausforderung sei. Die Leidtragenden der Krisen seien vor allem marginalisierte Gesellschaftsgruppen. Die Auswirkungen der Pandemie seien in ungleichen Gesellschaften am stärksten zu spüren. Allerdings sei es im „Globalen Norden“ einfacher, Maßnahmen wie soziale Distanzierung umzusetzen, als im „Globalen Süden“. „Covid- 19 bringt sicherlich für alle ökonomische Unsicherheit, aber nicht alle bekommen das im selben Ausmaß zu spüren“, so Dorcas Erskine.
Wie wird mit der Pandemie global umgegangen?
Die Pandemie habe die Gesundheitssysteme aller Staaten auf eine harte Probe gestellt. Zusätzlich wurden autoritäre Regime gestärkt und progressive politische Kräfte unterdrückt. Obwohl es einige Verbindungen gibt, kritisierten die Sprecher*innen vor allem den Fokus auf nationale Lösungen, umfassende globale Zusammenarbeit hingegen bleibe aus. „Sie [die Regierungen] schauten sehr viel nach innen, anstatt zu kooperieren“, argumentierte Luckystar Miyandazi. An diesem Punkt lenkten die Moderatorinnen die Diskussion hin zu globaler sozialer Mobilisierung, die aufgrund der vielfältigen Krisen im Jahr 2020 besonders stark gewesen sei.
Das System neu denken.
„Es gibt einen Trend zu neuen Denkweisen, was letztes Jahr noch undenkbar war. Das ist die perfekte Zeit, um das System zu überdenken. Jetzt geht es darum, zu mobilisieren. Die Samen sind gesät!“, zeigte sich Jayati Gosh optimistisch. Dorcas Erskine ergänzte, dass die Pandemie zwar grundsätzlich zu mehr zivilgesellschaftlicher Organisierung führte, aber nicht überall auf der Welt, denn „Solidaritätsbildung ist nicht überall gleich“.
Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche Bewegungen?
Die Sprecher*innen waren sich dennoch einig, dass vor allem in Nord- und Lateinamerika starke „bottom up“ (dt.: von unten nach oben) Bewegungen entstanden seien. Als Beispiel nannte Ivo Lesbaupin Chile, wo die Zivilgesellschaft kürzlich eine antidiktatorische Verfassung erfolgreich durchsetzen konnte. Besonders zu erwähnen sei die „Black Lives Matter“ (dt.: Schwarze Leben zählen) Bewegung, die sich von den USA ausgehend über die ganze Welt verbreitete. Auch den Wahlsieg Joe Bidens in den USA bezeichneten die Diskutant*innen als Schritt in die richtige Richtung.
2020 als Protestjahr.
Außerdem seien die Proteste gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts in Polen ein Vorzeigebeispiel, was Revolution betrifft. Auch die Proteste gegen sexuelle Gewalt in Indien im Herbst 2020 wurden besprochen. Selbst wenn diese bedauerlicherweise von der Polizei unterdrückt wurde, würden „die Gefühle, der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit, die Abneigung gegen das gewaltvolle und ungerechte Handeln der Regierung nicht verschwinden, sondern sogar noch stärker werden“, zeigte sich Gosh überzeugt.
Miyandazi ergänzte, dass starke Allianzen nicht einfach so „herausspringen“ würden, sondern Zeit brauchen. „Diese Mobilisierungen sind Zeichen der Hoffnung. Wir müssen sie in Erinnerung behalten. Wir müssen uns verändern“, schloss Lesbaupin.
„Das ist keine Zeit um schläfrig zu sein!“
Die Coronakrise stelle alle insgesamt vor große Herausforderungen. Langfristig gesehen verursache diese nicht nur eine Verschärfung von sozialer und ökonomischer Ungleichheit, sondern führe auch zur Zunahme autoritärer staatlicher Maßnahmen. „Wenn Systeme gebrochen sind und nicht mehr das bieten können, was wir brauchen, dann sind Wissen und Solidarität gefragt“, so die Schlussworte Goshs.
Systemwandel, aber wie?
Lesbaupin hob abschließend hervor, dass ein Systemwandel möglich sei, wenn politischer Wille da ist. Insgesamt mache die Krise um COVID-19 deutlich, dass vor allem eine Transformation des Gesundheitssystems, des Finanzsystems, des Wirtschaftssystems, aber auch des Ernährungssystems weltweit nötig sei. Das afrikanische Freihandelsabkommen zwischen den Mitgliedern der Afrikanischen Union, „African Continental Free Trade Agreement“ (AfCFTA), welches 2019 in Kraft trat, sei ein vorbildhafter Startpunkt, schloss Miyandazi.
Nach der Diskussion blieben noch einige Fragen offen. Die Teilnehmer*innen wünschten sich abschließend mehr Konversation und Austausch über die Auswirkungen der Pandemie. Eine gute Gelegenheit dafür sei die 8. Entwicklungstagung in Linz im November 2022, zu der Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) einlud.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.