Während Universitäten oft von Internationalisierung sprechen, bleibt ihre Einbettung in koloniale Strukturen und die damit zusammenhängenden Mechanismen der Marginalisierung meist unreflektiert. Wie sind Universitäten des globalen Nordens mit Blick auf globale bildungspolitische Zusammenhänge heute zu bewerten? Wie erleben Studierende aus dem globalen Süden repressive Zugangsregelungen, formale Hürden, Rassismus und Diskriminierung? Um diese Thematiken gemeinsam zu bearbeiten, fand Ende November die Tagung Rassismus – Diskriminierung – Koloniale Kontinuitäten: Studierende aus dem globalen Süden an Hochschulen und Universitäten im C3 statt, veranstaltet von ÖFSE, ÖDaF (Österreichischer Verband für Deutsch als Fremdsprache*Zweitsprache), FH Wien und Universität Wien.
Eine Geschichte der Gewalt des Wissens.
Zu Beginn der Veranstaltung hielt María do Mar Castro Varela (Alice Salomon Hochschule Berlin) eine Key Note über die kolonialen Universitätsstrukturen und ihre Folgen, die auch einen historischen Abriss zu deren Entwicklung beinhaltete.
Im europäischen Mittelalter seien Universitäten – Castro Valera bezieht sich dabei auf die ersten Institutionen, die auch tatsächlich so genannt wurden – Orte der Wissensproduktion (im Gegensatz zu der gegenwärtigen Tendenz der Wissensvermittlung) und der Debatte gewesen, und ihre mit religiösen Konnotationen durchzogenen Rituale würden sich bis heute durchziehen. Die weitere Entwicklung von Universitäten erscheine paradox: Einerseits erlebten sie ihre Blütezeit in der Renaissance und symbolisierten im Namen der Aufklärung humanistische Werte und mündiges Handeln, auf der anderen Seite spielten sie eine zentrale Rolle in enthumanisierenden und entmündigenden Kolonisierungs- und Zivilisierungsprojekten. Noch dazu wäre die Aufklärung ohne die Kolonisierung gar nicht erst möglich gewesen, da ein großer Teil unter anderem des mathematischen, astronomischen und philosophischen Wissens aus den Kolonien gekommen sei. Universitäten hätten also global eine zentrale Rolle für die Wissensakkumulation eingenommen, wobei es nicht nur darum gegangen sei, „westliche“ Erkenntnisse in der ganzen Welt zu verbreiten, sondern auch um die Abschöpfung des Wissens aus den kolonisierten Regionen. Zu welchem Zweck dieses Wissen weiterverarbeitet wurde, und dass es weitgehend zur effizienteren Unterdrückung und Ausbeutung der Kolonien genutzt wurde, blieb bei Castro Valera leider unerwähnt.
Die in den Überseegebieten etablierten Hochschulen seien als Kopien der europäischen Versionen angelegt worden. Das Ziel war zum einen die Ausbildung von Geistlichen und Verwaltungsbeamten. Dabei sei nicht nur das Erlernen von Gesetzen und bürokratischer Organisation zentral gewesen, sondern auch die Anpassung an Sprache, körperliche Bewegung und Rituale der Kolonisator*innen. Zum anderen sei die Verbreitung der christlichen Lehre, sowie ganz grundlegend die wissenschaftliche und kulturelle Kontrolle über die kolonisierten Gebiete im Vordergrund gestanden. Die Tatsache, dass damit die Ausdehnung des Kapitalismus zusammenhängt, darf auch nicht unerwähnt bleiben. Castro Valera vergleicht die Wissensextraktion mit der Abschöpfung von Rohstoffen im kapitalistischen System, die nach Europa importiert und dort verarbeitet werden, um schließlich als industrielle Fertigprodukte wieder in die kolonisierten Gebiete zurückgeschickt und verkauft zu werden. Ähnlich würde es sich mit der Zirkulation des Wissens verhalten. Transnationales Wissen entstehe also immer in einem Machtgefälle. Der Begriff „epistemische Gewalt“ bezeichnet die globale Durchsetzung einer spezifischen Art des Wissens, die einerseits bestehendes Wissen verdrängt, andererseits von epistemischer Gewalt eingerahmte postkoloniale Subjekte, sowie imperiale Subjekte, herstellt.
„Postkoloniale Bildung ist kein Imperativ“.
Castro Valera vertritt nicht die Position, dass die in die humanistische Tradition eingebetteten Universitäten kritisches Wissen prinzipiell verunmöglichen. Sehr wohl würden sie aber die Entstehung und Organisation eines Widerstandes gegen dessen Demokratisierung begünstigen. Sie kritisiert, dass die prominentesten kritischen Interventionen aus den USA kommen würden. Die Auseinandersetzung mit Texten außerhalb des westlichen Kanons erfolge vielfach erst im Rahmen einer wissenschaftlichen Spezialisierung. Gleichzeitig werde im Westen produziertes kritisches Vokabular unreflektiert auf andere Kontexte übertragen.
Im Vortrag wurden jedoch auch gewisse Ambivalenzen bezüglich transnationaler Bildung aufgeworfen: So wurden viele der wichtigsten antikolonialen Intellektuellen und Kämpfer*innen, wie etwa Frantz Fanon und Mahatma Gandhi, im globalen Norden ausgebildet. Zudem zeige sich, dass Studierende im globalen Norden die Universität häufig als Institution in Frage stellen, während Studierende des globalen Südens für ihr Recht auf Bildung auf die Straße gehen würden. Castro Valera schließt daraus, dass postkoloniale Bildung kein Imperativ sein darf, sondern eine ethische Infragestellung von Machtstrukturen. Jedoch können diese Ambivalenzen auch als Ausdruck eben jener historisch gewachsenen Machtstrukturen verstanden werden und nicht als ihre Gegenbeispiele, wie es in Castro Valeras Erläuterungen den Eindruck erweckte.
Was sind also die konkreten Herausforderungen für Studierende des globalen Südens? Castro Valera nannte hier neben den bereits erwähnten Rassismus- und Stigmatisierungserfahrungen zahlreiche weitere Punkte: Sprachliche Barrieren, Aufenthaltsregelungen, Unterschiede in den Anforderungen und Lernmethoden, der fehlende Zugang zu Mentor*innen und Netzwerken, finanzielle und emotionale Belastungen sowie die Bedrohung einer teilweise forcierten Rückkehr in die Herkunftsländer. Die Idee einer Zivilisierungsmission für angehende Akademiker*innen mit einem angeblich „niedrigerem kulturellen Entwicklungsstand“ würde sich bis heute durch universitäre Strukturen durchziehen und die Erfahrungen der meisten Studierenden aus dem globalen Süden prägen. Dabei gehe es auch um die unterschiedlichen Formen der Wissensvermittlung und des Diskussionsstils: So erwähnte Castro Valera als konkretes Beispiel, dass es in Universitäten des globalen Südens eine gewisse Debattiertradition gebe, die in Institutionen des globalen Nordens oftmals als anstrengend und „unzivilisiert“ aufgenommen werde.
Praktische Handlungsmöglichkeiten in rassistischen Strukturen.
Der zweite Teil der Tagung bestand aus drei unterschiedlichen Workshops zu den Themen „Rassismus“, „Diskriminierung“ und „Koloniale Kontinuitäten“. Im Folgenden werden die Eindrücke vom Workshop zu Rassismus mit Inputs von Lisa Tackie und Maida Schuller (beide Universität Wien) besprochen, Zusammenfassungen der beiden anderen Workshopgruppen wurden am Ende der Veranstaltung vorgestellt.
Zu Beginn des Workshops beschäftigten wir uns in Kleingruppen mit den Fragen, was Rassismus bedeutet und wie er sich in universitären Institutionen zeigt. Anschließend wurden mehrere Rassismusdefinitionen vorgestellt, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen, wobei sich dabei ein übersichtliches Gesamtbild aus intersubjektiven sowie strukturellen Perspektiven ergab. Im weiteren Verlauf besprachen wir anhand von Beispielen konkrete Handlungsmöglichkeiten für rassistische Situationen an Universitäten. Hier sollten wir vor allem unsere eigene Positionierung mitreflektieren. Bei der abschließenden Diskussion rückte die Frustration über strukturelle Hürden und über die auf verschiedenen Ebenen wirksamen Machtgefälle in den Vordergrund. Das Ziel des Workshops war es jedoch unter anderem, diesen Frustrationen mittels des Nachdenkens über konkrete Strategien etwas entgegenzusetzen. Dazu gehörten neben der prinzipiellen Erforderlichkeit von Empathie auch der Aufruf zu Widerstand, Allyship (Solidarität mit von Rassismus betroffenen Personen), Zivilcourage, die Suche und Zusammenführung von Verbündeten sowie Möglichkeiten der Vernetzung zu fördern. Thematisiert wurden auch Anlaufstellen von Universitäten und der Bundesvertretung der österreichischen Hochschüler*innschaft (ÖH), sowie Kampagnen wie u:respect. Die Notwendigkeit struktureller Veränderung bleibt damit natürlich bestehen, jedoch sei es bis dahin noch ein weiter Weg. Bei der nachfolgenden Zusammenfassung der drei Workshops zeichnete sich ebenfalls die Spannung zwischen Handlungsmöglichkeiten und strukturellen bzw. regulativen Hürden ab. Die abschließende Diskussion behandelte auch die Problematik der Sprache und die Kritik an dem Lösungsansatz, die englische Sprache zum universellen gemeinsamen Nenner zu deklarieren.
Außerdem gab es auch unterschiedliche Vorstellungen über das Ziel der Veranstaltung selbst: So bezog sich eine Wortmeldung auf die Frage, warum, wenn schon die fehlenden Vernetzungsmöglichkeiten für Studierende des globalen Südens thematisiert werden, nur sehr wenige dieser Studierenden anwesend waren. Wie kann es ermöglicht werden, Raum für deren Zusammenkunft bereitzustellen?
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild zeigt den Großen Lesesaal der Hauptbibliothek der Universitätsbibliothek Wien © Patrick Vierthaler, flickr (https://lmy.de/mFJBh)
Weiterführende Links:
zur Initiative u:respect der Universität Wien