Fotos: © Stefanie Freynschlag

Unerhört? Frauen und ihre Kämpfe in Afrikas informeller Wirtschaft.

Geht es im öffentlichen Diskurs um „Arbeit“, ist in der Regel von formeller Erwerbsarbeit die Rede. 60 Prozent der weltweiten Erwerbsbevölkerung sind jedoch informell beschäftigt und werden in der Debatte übersehen. Eine Herausforderung, die Frauen aus afrikanischen Ländern allzu gut kennen.

Der 7. Oktober gilt als Welttag für menschenwürdige Arbeit. Das Vienna Institute for Dialogue and Cooperation (VIDC) und der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) nutzten diesen Tag heuer, um ein sich zuspitzendes, globales Problem zu thematisieren: Ein Großteil der weltweiten Erwerbsbevölkerung ist informell beschäftigt – Tendenz steigend. Vor allem Frauen sind betroffen. In afrikanischen Ländern sind es gar 70 bis 90 Prozent der Erwerbsbevölkerung, die sich in keinem geregelten Arbeitsverhältnis befinden. Zur Erwerbsbevölkerung zählen alle Menschen im arbeitsfähigen Alter, sowohl Arbeitnehmer*innen als auch Selbstständige und Arbeitslose.

Informell beschäftigte Personen stehen tagtäglich vor existenziellen Herausforderungen. Sie kämpfen permanent ohne vertragliche Regeln für ihre Rechte. Unter dem Titel „Unerhört? Frauen und ihre Kämpfe in Afrikas informeller Wirtschaft“ luden Genoss*innen des ÖGB Expertinnen informeller Arbeit ein. Am Podium sprachen Lorraine Sibanda, Präsidentin der Zimbabwe Chamber of Informal Economy Associations (ZCIEIA), Teresa Wabuko, stellvertretende Generalsekretärin und nationale Koordinatorin der kenianischen Dienstleistungsgewerkschaft KUDHEIRA (für Angestellte in Haushalten, Hotels, Bildungsinstitutionen und Krankenhäusern) und Karin Pepe, stellvertretende Direktorin und Europakoordinatorin bei Women in Informal Economy: Globalizing and Organizing (WIEGO). Rita Isiba von Aphropean Partners moderierte.

„Schwer zu definieren, aber leicht zu erkennen.“

So verhält es sich mit dem informellen Arbeitssektor, stellte Korinna Schumann (ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende) in ihrer Eröffnungsrede fest. Auch in Österreich, so Schumann, wächst der informelle (großteils weibliche) Sektor. Während es zum gewerkschaftlichen Selbstverständnis gehöre, für menschenwürdige Löhne, gefahrenfreie Arbeitsplätze und Arbeitnehmer*innenrechte einzustehen, würden informell Erwerbstätige noch viel zu wenig beachtet. „Generell müssen Frauen in der gewerkschaftlichen Arbeit viel öfter erhört werden“, so Schuhmanns Appell. Auch Sibylle Staudinger (Direkotorin des VIDC) wies darauf hin, dass es sich bei informeller Arbeit nicht um ein Randthema handle. Jedoch dürfen Frauen hierbei nicht zu passiven Opfern stilisiert werden, mahnte Sibylle Staudinger (Direktorin des VIDC). Die Veranstaltungsreihe „Unerhört“ sei ein Projekt, das auf dem Engagement vieler starker Frauen basiere, die selbstbewusst ihre Stimmen erheben.

Herausforderung für Gewerkschaften.

In Kenia sei der informelle Sektor seit den 1970er Jahren stark gewachsen, so Karin Pepe. Dabei handle es sich um ein „cross-sector-Phänomen“ (dt. sektorübergreifend): In formellen Unternehmen arbeitet oft auch informell beschäftigtes Personal (etwa Putzpersonal in der Hotellerie), informelle Unternehmen nehmen gleichsam auch Leistungen von formell Beschäftigten in Anspruch. Deshalb und auch weil viele informell Erwerbstätige selbstständig seien (also keine Arbeitnehmer*innen), sei es für Gewerkschaften so schwierig, mit Betroffenen in Kontakt zu treten.

Selbst ist die Frau.

Informell Beschäftigte haben sich allerdings insbesondere in afrikanischen Ländern in den letzten Jahrzehnten zunehmend selbst organisiert. Da ihnen die lokalen Regierungen nicht die notwendigen Rahmenbedingungen für ihre spezifische Lage boten, begannen informelle Arbeiter*innen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Dabei zeigen sie sich innovativ und kreativ und keineswegs hilflos, betonte Sibanda. In Simbabwe biete ZCIEIA eine niedrigschwellige, demokratische Plattform für informell Erwerbstätige. Mitglieder würden hier über ihre Rechte aufgeklärt sowie über Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz.

Anerkennung und Wahrnehmung informeller Arbeit.

Wesentlich bei derartiger Unterstützung sei es oftmals, überhaupt Bewusstsein über die eigene Situation zu schaffen. Viele Frauen, die informell beschäftigt sind und ihrer Erwerbsarbeit mitunter parallel zur Kinderbeteuung und/oder von Zuhause aus nachgehen, würden diese Tätigkeiten oft gar nicht als „richtige Arbeit“ sehen, so Sibanda. Dabei spitzt sich das Jonglieren mit produktiver und reproduktiver Arbeit derart zu, dass Mütter manchmal aufgrund der immensen Doppelbelastung nicht fähig sind, zu stillen, und es bei ihren Kindern zu Unterernährung kommt, warnte Wabuko. Mutterschutz oder Karrenz gibt es nicht. Jedoch würden all diese Frauen unverzichtbare Arbeit für Gesellschaft und Wirtschaft leisten. Dieser Wert müsse sich auch in entsprechender Entlohnung und Sicherheit niederschlagen, so Wabukos Forderung.

Gemeinsame Verantwortung.

Auf die Publikumsfrage, was man in Österreich tun könnte, um informell tätige Frauen zu unterstützen, wies Wabuko darauf hin, dass auch Migrantinnen häufig informell tätig sind. Das Problem kann also durchaus direkt in Österreich angegangen werden, indem Migrantinnen Zugang zu sicheren Arbeitsverhältnissen ermöglicht wird. Außerdem könnten Länder wie Österreich gewerkschaftliche Aufklärungskampagnen über informelle Arbeit unterstützen, etwa um auf die Notwendigkeit leistbarer Kinderbetreuung hinzuweisen. Dies solle nicht in paternalistischer Manier erfolgen, betonten die Expertinnen allesamt. Idealerweise sitzen die betroffenen Frauen selbst am Verhandlungstisch und sprechen für sich selbst .

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Fotos: © Stefanie Freynschlag.

Weiterführende Literatur:

International Labour Office. Women and Men in the Informal Economy: A Statistical Picture (third edition). Geneva.
Sibanda, Lorraine. 2019. „Lorraine Sibanda: Women in Africa’s informal economy – the informal economy is not a free choice“. Interview von Franz Schmidjell (VIDC).
Yun, Vina. 2008. „FAC. Arbeitsrechte für Frauen in der informellen Wirtschaft.“ hrsg. Frauen*solidarität – Entwicklungspolitische Initiative für Frauen.

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Genderungerechtigkeit, Themen.