Soziale Ausgrenzung als Gesundheitsrisiko: Roma in der Covid-Pandemie.

„Wir sitzen alle im selben Boot“ war die Botschaft von EU-Ratschef Charles Michel im Kontext der in Europa dramatischen 2. Covid-Welle im Herbst 2020. Heute, nach mehr als zwei Jahren Pandemie zeigt sich klar, dass dem nicht so ist. Eher sitzen manche in Yachten, während andere ums Überleben schwimmen müssen. So waren gesellschaftlich marginalisierte Gruppen überproportional von den negativen Folgen der Covid-Pandemie und den damit einhergehenden Maßnahmen betroffen. Diese Beobachtung hat, bei all den Unterschieden im Pandemiemanagement, in jedem Staat Bestand. Sie gilt auch für Roma, die als größte ethnisch definierte Minderheit Europas quer über den Kontinent von Marginalisierung und Stigmatisierung betroffen sind. In der Slowakei zeigte sich der Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Diskriminierung von Roma in der Pandemie besonders deutlich.

Eine Geschichte der Ausgrenzung.

„Roma“ ist eine Selbstbezeichnung, die in der Sprache der Roma „Mensch“ bedeutet. Die Bezeichnung gilt als Sammelbegriff für eine Mehrzahl ethnisch, kulturell und sprachlich verschiedener, aber dennoch verwandter Gruppen. Geografisch sind Roma über den gesamten europäischen Kontinent verteilt und gelten in allen Staaten als Minderheit. Eine zentrale Gemeinsamkeit dieser Gruppen ist deren intensive Ausgrenzung und Stigmatisierung durch die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften. Sie stellt eine eigene Form rassifizierter Diskriminierung dar und wird als „Antiziganismus“[1] bzw. Gadjé-Rassismus bezeichnet. Gadjé-Rassismus beinhaltet die Darstellung von Roma als arbeitsscheu, schmutzig und kriminell. Auch werden Roma als parasitäre Parallelgesellschaft und damit als Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft dargestellt. Diese stigmatisierenden Repräsentationen werden immer wieder von Politiker*innen aufgegriffen, um Roma als Sündenbock zu benützen.
Slowakische Roma blicken auf eine lange und gewaltsame Geschichte voller Diskriminierung, bis hin zu Verfolgungen, Kindesabnahmen und Zwangssterilisation zurück. Ein großer Teil der Roma in der Slowakei lebt in segregierten Gemeinschaften unter prekären Verhältnissen. Vor allem diese Communities weisen einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand auf als der slowakische Durchschnitt. Dies liegt unter anderem an fehlender Infrastruktur oder erschwertem Zugang zu Gesundheitsversorgung. Bei genauerer Betrachtung wird aber das zugrunde liegende Problem deutlich: die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung von Roma.

Verstärkter Rassismus.

Mit Ausbruch der Covid-19-Pandemie kam es zu einem schlagartigen Anstieg von rassistischen Äußerungen in der medialen Berichterstattung und im politischen Diskurs. Die Zahl an Medienberichten, welche Roma als Verbreiter von Covid-19 darstellten, explodierte. Dabei wurden rassistische Narrative, wie zum Beispiel jenes von Roma als „Krankheitserregern“, verwendet. Zusätzlich wurden diese Narrative durch offen rassistische Aussagen von Politiker*innen gestützt: So meinte der Bürgermeister von Košice, der zweitgrößten Stadt der Slowakei, Roma als „sozial nicht anpassungsfähige Menschen“ würden durch ihr Verhalten Covid-19 vermehrt verbreiten. Spezielle Maßnahmen, die exklusiv in Roma-Siedlungen umgesetzt wurden, verstärkten die Darstellung von Roma als Gesundheitsrisiko zusätzlich. Trauriger Höhepunkt dessen war die Abriegelung mehrerer segregierte Roma- Siedlungen. Dabei wurden insgesamt über 6000 Menschen durch Einsatz von Militär und Kampfhubschraubern unter Generalquarantäne gestellt. Der offen rassistische Diskurs in Politik und Medien mündete außerdem in einem Anstieg an Alltagsrassismus und gewalttätigen Übergriffen gegen Roma. So soll laut Medienberichten ein Polizist im slowakischen Krompachy mehrere spielende Roma-Kinder unter Schussandrohung verprügelt haben.

Erhöhte Covid-19-Risiken.

Aus der bestehenden sozialen Ausgrenzung ergaben sich auch direkte Gesundheitsrisiken durch das Covid-19-Virus. Eine fehlende Wasser- und Stromversorgung in segregierten Siedlungen erschwerte es diesen Communities, die Hygieneempfehlungen einzuhalten. Zusätzlich sind viele dieser Siedlungen überfüllt, was ein Einhalten von Sicherheitsabständen quasi unmöglich machte. Die ohnehin prekäre gesundheitliche Situation vor Covid-19 stellte einen weiteren Risikofaktor dar. Hinzu kamen ein erschwerter Zugang zur Gesundheitsversorgung und Misstrauen gegenüber den Gesundheitsbehörden. Eine Konsequenz dieser Missstände sind die relativ niedrigen Impfraten unter Roma – ein weiteres Gesundheitsrisiko. Erste Daten zeigen die desaströsen Auswirkungen der Pandemie: Die Übersterblichkeit in segregierten Roma-Siedlungen war zwischen 2020 und Mitte 2021 doppelt so hoch wie im Rest der Slowakei. Diese Zahl fällt wohl nur aufgrund der vergleichbar relativ jungen Roma – Bevölkerung nicht weitaus höher aus.

Gefährdende Maßnahmen.

Selbst die Covid-Schutzmaßnahmen verstärkten die ohnehin prekäre Lage vieler Roma. Zusätzlich zu ihrer brutalen Umsetzung waren die Auswirkungen von Quarantäne und Lockdowns desaströs:. Der Wegfall von Einnahmequellen war für Roma-Familien oft existenzbedrohend, vor allem bei vorheriger Tätigkeit im informellen Sektor oder in anderen Staaten. Diese Familien hatten meist auch keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Zusätzlich wirkten sich Schulschließungen katastrophal auf die Zukunftschancen und die Gesundheit vieler Roma-Kinder aus. Bereits vor Covid-19 wurden slowakische Roma im Bildungsbereich stark benachteiligt, wurden in segregierte Klassen gesteckt und verließen oft früh die Schule. Mangelhafte IT-Infrastruktur und fehlenden Ressourcen lassen darauf schließen, dass nur wenige Kinder Homeschooling und ähnliche Angebote wahrnehmen konnten. Erste Studien zu Roma-Communities in Slowenien und Albanien bestätigen diese Annahmen. Sie zeichnen ein katastrophales Bild der Auswirkungen von Covid-19 auf die Bildung und damit auch auf die Zukunft von Roma-Kindern.

Fazit.

Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung stellen ein direktes, ernstes Gesundheitsrisiko für Roma in der Slowakei dar. Diese Situation ist exemplarisch für Roma in anderen Staaten und zeigt die schwerwiegenden Folgen institutionalisierter Unterdrückung auf. Durch Covid-19 hat sich die ohnehin prekäre Lage von Roma in der Slowakei noch deutlich verschärft. Gleichzeitig wurde jedoch die bestehende systematische Diskriminierung von Roma im Zuge der Pandemie mehr als offensichtlich, wodurch sich aber auch konkrete Räume für Veränderung bieten können. Vor allem vor dem Hintergrund von jahrelanger Ausgrenzung ist es dabei zentral, dass mögliche emanzipatorische Strategien von und nicht für Roma entworfen werden. Denn die existierenden Strukturen schränken die Fähigkeiten von Roma, transformative Räume zu nutzen und konkrete Strategien zu entwerfen, massiv ein. Dies beginnt bereits früh, in einem segregierenden Bildungssystem, welches die Strukturen und die dem Gadjé-Rassismus inhärenten Machtrelationen reproduziert – sowohl bei den Opfern, als auch bei jenen Menschen, von denen die Diskriminierung ausgeht. Zugleich erfuhren nur wenige erwachsene Roma jemals von ihren Rechten und den möglichen Wegen, diese durchzusetzen. Kritische Bildung kann helfen, Raum für ein klares Verständnis von Machtrelationen und Diskriminierungsmechanismen zu schaffen. Dabei ist es zentral, die Betroffenen zu ermutigen, ihre Situation kritisch zu hinterfragen, damit diese von sich aus Wege zu ihrer Emanzipation finden können. Denn bevor wir alle im selben Boot sitzen können, müssen wir erstmal verstehen, warum die einen in Yachten sitzen und die anderen nicht – und dass dem nicht so sein muss.

 

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Informationen:

[1] Der Begriff „Antiziganismus“ gilt mittlerweile als umstritten, da „Zigeuner“ als Fremdbezeichnung abwertend verwendet wird. Stattdessen wird von einigen Roma Organisationen der Begriff Gadjé-Rassismus verwendet. „Gadjé“ ist ein Romanipe-Wort dass alle nicht-Roma bezeichnet und steht in diesem Kontext für die Gruppe, von welcher der Rassismus ausgeht.

Weiterführende Links:

-Belak, A., Madarasova Geckova, A., van Dijk, J. P., & Reijneveld, S. A. (2017). Health-endangering everyday settings and practices in a rural segregated Roma settlement in Slovakia: A descriptive summary from an exploratory longitudinal case study. BMC Public Health, 17(1), 128. https://doi.org/10.1186/s12889-017-4029-x

-Mijnssen, I. (2020, April 21). Coronavirus Slowakei: Tausende von Roma in Quarantäne. Neue Zürcher Zeitung. https://www.nzz.ch/international/coronavirus-slowakei-tausende-von-roma-in-quarantaene-ld.1552294

-Rorke, B. (2020, März 19). Inequality, anti-Roma racism, and the coronavirus. EUobserver. https://euobserver.com/health-and-society/147759

-Sandset, T. (2021). The necropolitics of COVID-19: Race, class and slow death in an ongoing pandemic. Global Public Health, 16(8–9), 1411–1423. https://doi.org/10.1080/17441692.2021.1906927

 

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