Die Feministin, Philosophin und Aktivistin Silvia Federici sprach an der Wirtschaftsuni Wien über „die unvollendete Feministische Revolution“.
Unter dem Titel „Feminist Economics“ (dt. Feministische Ökonomie) schafften es engagierte WU-Studierende mit einer selbstorganisierten Lehrveranstaltung, im regulären Curriculum wenig beachtete Fragen aufs Tapet zu bringen. Diskutiert wurde, wie Kapitalismus und Patriarchat zusammenhängen. Als krönender Abschluss dieses Schwerpunkts war am 9. Jänner 2020 die Feministin Silvia Federici zu Gast.
Radikaler Feminismus vs. liberaler Feminismus.
Es gibt viele verschiedene Feminismen mit jeweils anderen Ausdifferenzierungen. Als Italienerin, die seit langer Zeit in den USA lebt, repräsentiert Federici einen westlichen Feminismus. Sie hat aber auch im Globalen Süden gelebt und setzt ihre Themen in globale Zusammenhänge.
Durch ihre theoretische Nähe zu Karl Marx und dem Fokus auf Reproduktionsarbeit als Erweiterung einer fundamentalen Systemkritik, lässt sich Federici dem radikalen Feminismus zuordnen. Der liberale Feminismus gilt als eine Art „Gegenstück“. Liberale Feminist*innen fordern vor allem gleiche Rechte für Frauen, wozu auch der Kampf für das Frauenwahlrecht zählt(e). Heutzutage sind Frauen in Führungspositionen eine wesentliche Forderung liberaler Feminist*innen.
Haushalt, Klasse und Rassismen werden in dieser Theorie nicht thematisiert. Dies steht im Widerspruch zu radikalen Positionen wie jener Federicis, die das vorherrschende Wirtschaftssystem als solches infrage stellt. In ihrem Vortag erkannte sie zwar auch explizit Errungenschaften des liberalen Feminismus an. Diese seien jedoch nicht ausreichend.
Reproduktionsarbeit im Feminismus: eine zentrale Variable.
Die wesentliche Variable, die Federici in ihren Werken wie „Aufstand aus der Küche“ in die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise miteinbezieht, ist die der Reproduktionsarbeit: Oft fälschlicherweise auf Hausarbeit reduziert, betrifft diese die umfassenden unbezahlten Tätigkeiten, die für Haushalt, Pflege und Familie geleistet werden. Die Rolle der (weiblichen) Reproduktionsarbeit im Kapitalismus wird sowohl im liberalen Feminismus als auch bei Karl Marx unterbewertet, so Federici. In Marx‘ Kapital komme der Begriff „Haushalt“ nur in zwei Fußnoten vor.
Reproduktion bei Marx: Arbeiten – essen – schlafen – wiederholen.
Außerdem vermittle Marx die Vorstellung, dass Reproduktion lediglich die Wiederherstellung der Arbeitskraft ist, die am Arbeitsmarkt verkauft wird. Der Arbeiter (sic) verdiene für die verrichteten Tätigkeiten einen Lohn. Mit dem Lohn leiste er sich den Konsum von Lebensmitteln und damit sei seine eigene Arbeitsfähigkeit im Wesentlichen auch schon wieder hergestellt.
Die Reproduktion werde weitgehend naturalisiert, so Federici. Marx verbinde sie nirgends explizit mit der Rolle der Frau. Stattdessen erscheint die Reproduktion als etwas, das „nebenbei“ ohne großes Zutun vonstatten geht. Durch die Betonung der Produktion und der Lohnarbeit sei die weibliche unbezahlte Reproduktionsarbeit ausgeblendet worden.
Die Frau der Arbeiter*innenklasse als revolutionäres Subjekt.
Federici kritisiert diese künstliche Trennung von Produktion und Reproduktion vehement, denn „wenn die Kapitalist*innen für die Reproduktion zahlen hätten müssen, wären sie nicht in der Lage gewesen, derartige Mengen an Kapital zu akkumulieren.“ Karl Marx sah die Ursache struktureller Ungleichheiten in der Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln (wie Werkzeuge, Maschinen und Gebäude zur Warenproduktion), die sich in Europa nach dem Niedergang des Feudalwesens durchsetzte. Das einzige, was den Arbeitern nunmehr blieb, war der Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft als Ware. Sie wurden so zu Lohnabhängigen, während die Besitzer der Produktionsmittel den von den Arbeitern geschaffenen Mehrwert abschöpfen und diesen reinvestieren und damit vervielfachen konnten.
Federici hingegen sieht die Ausgangsbasis der kapitalistischen Akkumulation in der Trennung von Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit beziehungsweise in der Herstellung von Waren und in der (Wieder-)Herstellung von Arbeitskraft. Insofern geht es Federici nicht um die Revolution des Proletariats, aber auch nicht um die Revolution von „den Frauen“ als vermeintlich homogene Interessensgruppe. Subjekt der Revolution, die Federici herbeisehnt, sind Frauen, die gleichzeitig Teil der Arbeiter*innenschicht sind.
Gemeingüter könnten Unterdrückungsverhältnisse überwinden.
Die Lohnabhängigkeit einzelner Arbeiter*innen bedeutet also gleichzeitig die Abhängigkeit erwerbsloser und nur beschränkt erwerbstätiger oder -fähiger Menschen vom sogenannten „Haupternährer“. Somit unterstehen strukturell schlechter verdienende Frauen oft wortwörtlich der Gewalt von Männern und auch Kinder und ältere Personen finden sich in der Position der Unterdrückten.
„Aber ich möchte euch nicht mit einem so trübseligen Bild verlassen“, schloss sie: Eine wesentliche Hoffnung im antikapitalistischen feministischen Kampf sieht Federici im Konzept der „Commons“ (dt. Gemeingüter). Mithilfe gemeinschaftlich produzierter, verwalteter und genutzter Güter könnten (Lohn-)Abhängigkeiten abgebaut werden und allen Menschen reale Selbstbestimmung und Wahlfreiheit gegeben werden.
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Foto © Marlene Eichinger, Paulo Freire Zentrum.
Weiterführende Literatur:
Federici, Silvia. 2012. Aufstand aus der Küche : Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Münster: edition assemblage.
Federici, Silvia. 2020. Die Welt verzaubern : Feminismus, Marxismus & commons. Wien: Mandelbaum.
Fraser, Nancy. 2016. „Contradictions of Capital and Care“. New Left Review 100: 99–117.
Gabriele Winker. 2015. Care Revolution : Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Bielefeld: Transcript-Verlag.
Haug, Frigga. 2011. „Die Vier-in-einem-Perspektive als Leitfaden für Politik“. DAS ARGUMENT (291): 241–50.