Was meint die Pluralisierung der Gesellschaft und welche Veränderung bringt sie mit sich? Isolde Charim erörtert diese Frage in ihrem neuen Buch „Ich und die anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“, das im Frühjahr 2018 erschienen ist.
Im Rahmen des Jour Fixe zu Bildungstheorie und Bildungspraxis des Instituts für Bildungswissenschaften der Universität Wien, sprach Isolde Charim am 13. Dezember 2018 zum Thema „Schauplatz Politik: Partizipation und Populismus“ und stellte ihr neues Buch „Ich und die Anderen. Wie die Pluralisierung uns alle verändert“ vor. Mitorganisiert wurde die Veranstaltung vom Ring Österreichischer Bildungswerke, dem Verband Österreichischer Bildungswerke, dem Verband Österreichischer Volkshochschulen und dem Institut für Wissenschat und Kunst.
Isolde Charim, Philosophin, freie Publizistin und ständige Kolumnistin bei der TAZ, beim Falter und der Wiener Zeitung, sprach über die Veränderung der gesamten Gesellschaftsstruktur durch Pluralisierung und den Auswirkungen auf die Realpolitik. Charim las passend dazu aus dem Kapitel zu Populismus: „Wir leben in einem populistischen Moment, alles was an fixen Strukturen da war, bricht auf. Es kommt zur Begegnung von Populismus und Pluralismus“, so die Überlegungen der Autorin. Unter Pluralisierung versteht sie die Vervielfältigung der Bevölkerung und ihrer Weltbilder. Diese Pluralisierung sei laut Charim ein schleichender Prozess, so dass die davon betroffene Bevölkerung keine abrupte Veränderung wahrnehmen würde.
Emotionen und Politik.
Laut Charim sei es ein strategischer Irrtum, Populismus rein mit Rationalität und Aufklärung begegnen zu wollen. Dafür sei diese Form der Politik zu stark an Emotionen gebunden – soziale Konflikte seien eben nie bloß strategische Interessenskonflikte. Rationale Übereinkünfte müssen auch emotional sein können. Als Beispiel nannte Charim den Wohlfahrtsstaat. Dieser sei nicht nur ein ökonomischer Schutz für die Bevölkerung und der Versuch einer politischen Steuerung der Ökonomie, sondern auch Gestaltung der sozialen Demokratie. Durch die sozialen Rechte, die die bestehenden politischen und juristischen Gesetze ergänzten, wurden Menschen ermächtigt und hätten dadurch eine eigene Identität entwickeln können.
Auch Populist*innen haben die Wirkungsmacht von Identität verstanden, die heute im Zentrum des Politischen steht. Sie machen Identitätspolitik und sind deshalb erfolgreich. „Diese Strategie greift, weil wir in einem Moment leben, in dem Identitäten nicht mehr durch alte Sicherungssysteme gegeben sind“, erläuterte Charim. Als Beispiel führte sie die Abstiegsängste der unteren Mittelschicht an. Subjekte würden sich in ihrer Identität bedroht fühlen. Ob diese Bedrohung real sei oder nicht, tue meist nichts zur Sache. Als Konsequenz dürfe man also bei der sozialen Frage die Frage nach Identität nicht vergessen. Transferleistungen vom Staat, um sozialen Missständen entgegenzuwirken, würden eben keine Identitätskonflikte lösen. Es gehe nicht nur um die Höhe von finanziellen Unterstützungen im Wohlfahrtsstaat, es seien auch starke Emotionen involviert. Aus Charims Sicht beziehe sich Populismus hauptsächlich auf negative Emotionen. Vor allem Populismus aus dem rechten politischen Spektrum mache sich zum Advokaten der Gekränkten der pluralistischen Gesellschaft.
Politische Bedürfnisse.
In der Bevölkerung gebe es verschiedene Arten von politischen Bedürfnissen, die nach einem jeweils anderen Typus von Politiker*in verlangen. Es gehe nicht nur um politische Programme, sondern um Strategien, um auf ebendiese Bedürfnisse zu antworten, so Charim. So habe lange Zeit das Bedürfnis nach Schutz und Autorität vorgeherrscht. Dann wurden Rufe nach dem Typus „Einer von uns“ laut, nach Volkspolitiker*innen und Rebell*innen. Diese sollten das Volk unmittelbar spiegeln und nicht kompetenter als die Bevölkerung wahrgenommen werden. „Der dritte Typus sind die Trumps dieser Welt“, so Charim. Diese seien gezeichnet von Exzentrik, Narzissmus und einem autoritären Charakter. Sie bauen auf das Brechen von Tabus und das Erweitern von Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten. Die Gesellschaft entdecke einen Teil ihrer unerfüllten Sehnsüchte wieder in diesen Personen. „Die Politiker*innen leben für das Volk narzisstische Allmachtsphantasien aus“, verdeutlichte Charim.
Der Niedergang der Sozialdemokratie.
Auf Charims Vortrag folgte eine Öffnung ins Plenum. Diskutiert wurde unter anderem der Verlust der Idee, dass Menschen Anspruch auf Rechte einfach auf Grund ihres Menschseins haben. An dieser Stelle wurde Kritik an der Sozialdemokratie geübt, die eine der treibenden Kräfte sei, die Leistung von Einzelnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Würde und Anerkennung seien somit unweigerlich mit Ökonomie verwoben.
Außerdem wurde angemerkt, dass Bedürfnisse, die durch die Pluralisierung der Gesellschaft erst entstanden sind, nicht mehr durch staatliche Hilfeleistungen beantwortet werden können. Die soziale Frage, die Frage nach Missständen in der Gesellschaft, müsse umformuliert und neu gestellt werden.
Zivilgesellschaftliches Engagement im Spannungsfeld mit Populismus.
Gegen Ende der Veranstaltung drehte sich die Diskussion um die österreichische Innenpolitik und den (Nicht)Umgang der Regierung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Österreich sei in diesem Bereich ein Spezifikum, da diese Organisationen in Österreich bisher immer gute staatliche Partner*innen gefunden habe; man könne von einer staatsnahen Zivilgesellschaft sprechen. Mit der aktuellen Regierung, stehe die Zivilgesellschaft vor neuen Herausforderungen. Viele Organisationen fürchten um ihre Existenz. Im Jahr 2000 sah sich die Zivilgesellschaft mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Zu dieser Zeit war auch Charim politisch aktiv und organisierte eine Demonstration auf dem Heldenplatz mit rund 300000 Teilnehmer*innen mit.
Zum Abschluss der Veranstaltung wurde betont, dass es in der Politik nicht nur um Rationalität und Logik gehe, sondern auch darum, die Menschen emotional zu erreichen.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at