Eine internationale Minderheit mit langer Geschichte, so könnte man das Volk der Roma bezeichnen. Im Rahmen des Projektes „Ungleiche Vielfalt“ sind Roma als SchülerInnen und als MultiplikatorInnen beteiligt, in Wien wie in Serbien.
Rom bedeutet Mensch, Roma bezeichnet jene Gruppe, die als Roma und Sinti, als Zigeuner oder Gypsie-People bekannt sind, wobei Romni die weibliche und Rom die männliche Form dazu ist, während die Sprache der Roma als Romanes oder Roman bezeichnet wird. Die Weltsicht vieler Roma unterscheidet sich deutlich von jener der österreichischen Mehrheitsgesellschaft, aber auch von kulturellen Sichtweisen anderer MigrantInnen aus ihren jeweiligen Herkunftsgebieten.
Im deutschen Sprachraum wurden sie meist unter dem Oberbegriff Zigeuner zusammengefasst. Der Begriff ist die deutsche Variante des französischen Begriffes Tsiganes oder des englischen Gypsies (wie auch des spanischen Gitano, des griechischen Gifti, des albanischen Gjypsh, des serbischen Cipside oder des türkischen Kipti); er verweist darauf, dass die Roma angeblich aus Ägypten stammen. Dies ist historisch unrichtig, war einige Jahrhunderte lang aber eine unter Gelehrten weit verbreitete Annahme.
Stolze „ZigeunerInnen“?
Da der Begriff Zigeuner meist abwertend verwendet wurde, wird er heute von einigen Roma-Organisationen wie dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma abgelehnt. Nicht zuletzt hat der Genozid der Roma durch die NationalsozialistInnen auf der Abwertung in der Sprache aufgebaut; zwischen 1938 und 1945 wurde ca. eine halbe Million Roma in Konzentrationslagern ermordet. Von den 11.000 österreichischen Roma und Sinti wurden zwei Drittel Opfer des NS-„Zigeuner“-Holocaust. Viele Roma aber halten am Begriff Zigeuner als positive Selbstbezeichnung fest: Ich bin stolz, eine Zigeunerin zu sein! sagt etwa die österreichische Romni Ceja Stojka.
Der Verein „Im.Ausland“
Seit einigen Jahren steht das Paulo Freire Zentrum in regem Kontakt mit einem kleinen Verein, der sich mit Alltagsfragen von Roma, die nach Österreich emigriert sind, auseinandersetzt. Der Verein berät Roma über rechtliche und soziale Fragen und fördert den Austausch von Erfahrungen zwischen den Mitgliedern. Seine GründerInnen gaben ihm den Namen Im.Ausland, womit die NamensgeberInnen bereits die spezielle Situation der Vereinsmitglieder ansprechen: Hier organisieren sich Roma, die im für sie ausländischen Österreich leben. Sie sind MigrantInnen und Flüchtlinge; manche haben in Österreich besser Fuß gefasst und einen Job gefunden, andere leben von Gelegenheitsjobs und kämpfen täglich um neue Perspektiven; die Flüchtlinge jedoch dürfen keine Arbeit annehmen und warten, zur Passivität gezwungen, auf die Erledigung ihres Asylantrages.
verborgene Identität
Wenn wir im Paulo Freire Zentrum etwas gelernt haben aus den Jahren der Zusammenarbeit mit den Menschen des Vereins Im.Ausland, dann ist es, dass es nicht leicht ist, etwas über Roma zu sagen. Die Roma sind eine vielfältige und heterogene Gruppe. Österreichische Roma leben in einer anderen Situation als migrantische Roma, solche aus der serbischen Vojvodina anders als polnische Roma oder Kalderasch* aus Ungarn, aber auch österreichische Lowara* (*beides Namen von Roma-Gruppen) haben eine andere, mobilere, Geschichte als die burgenländischen Roma, deren Sesshaftigkeit seit dem 17. Jahrhundert belegt ist (Nähere Details zur Geschichte und aktuelle Zahlen zu Roma in Österreich vgl. Halwachs 2004). Manche Aspekte ihres sozialen Lebens werden von Roma vor der Neugier der Gadje, wie die nicht-Roma heißen, bewahrt und geheim gehalten. Die Sprache der burgenländischen Roma wird erst seit wenigen Jahren aufgezeichnet und verschriftlicht. Andere Roma-Dialekte wurden hingegen noch gar nicht aufgezeichnet. Viele Regeln, die für das Zusammenleben von Roma von zentraler Bedeutung sind, bleiben Außenstehenden verborgen.
Diskrimierte Identität
Dazu kommt, dass es in Österreich heute viele Roma gibt, die stark angepasst leben und ihren Kindern manchesmal auch ihre Roma-Identität nicht mehr weitergeben. Alte Gebote und Verbote ihrer Roma-Gesellschaft spielen für sie keine oder kaum eine Rolle mehr. So sind Verallgemeinerungen über Roma schwierig. Es finden sich immer Ausnahmen und Abweichungen und es lassen sich schwer Angaben machen, wie hoch der Anteil an Roma ist, die diesen oder jenen Brauch aus alten Tagen weiterhin pflegen. Freilich hat dies viel damit zu tun, dass Roma in Österreich historisch unterdrückt und diskriminiert wurden und weiterhin werden. Viele Roma-Familien geben als nationale Herkunft an, dass sie Serben seien, wenn sie ihre Kinder in die Volksschule einschreiben. Die Angst vor Diskriminierung ist groß und nicht unbegründet. Die meisten ÖsterreicherInnen können solche Angaben ohnehin nicht überprüfen. Die Unschärfe beginnt bei den demographischen Angaben. Eine Studie der Universität Graz kommt zu folgenden Angaben:
Seriöse Schätzungen geben die Anzahl österreichischer Roma mit mindestens 25.000 an, die sich in fünf größere Gruppen untergliedern. Nach der Dauer ihres Aufenthalts auf heutigem österreichischem Staatsgebiet geordnet sind das:
– Burgenland-Roma
– Sinti
– Lovara
– Vlax-Roma vom Balkan: Kaldera, Gurbet, …
– Muslimische Roma vom Balkan: Arlije, …
Nicht berücksichtigt in dieser Auflistung sind diejenigen Roma, die ab dem Ende der 80er-Jahre vom Balkan und aus den ehemals kommunistischen Staaten Zentral- und Ost-Europas nach Österreich gekommen sind. Ein Teil von ihnen hat sich aufgrund bestehender sozialer Bindungen den ab den 60er-Jahren als Arbeitsmigranten vom Balkan gekommenen Gruppen angeschlossen. Diese Subgruppe ist aber ebenso wenig demographisch erfaßt wie die aus anderen Ländern wie der Slowakei, Ungarn, Rumänien etc. nach Österreich gekommenen Roma. […] Es könnte aber durchaus sein, daß es sich bei dieser Gruppe um die zahlenmäßig größte handelt, was die oben angeführte Gesamtzahl von 25.000 zumindest verdoppeln würde. Bei derartigen Überlegungen handelt es sich jedoch wie gesagt um mehr oder weniger begründete Spekulation (Halwachs 2004: 1f.).
Lesen Sie auch Teil 2 von „Roma in Österreich„.
Literatur:
Halwachs, Dieter (2004): Roma und Romani in Österreich.
Halwachs.pdf (179.64 KB)