Muss Entwicklung ungleich sein?

Die von Oxfam kürzlich veröffentlichten Zahlen zu Armut und Reichtum in der Welt zeigen, dass die reichsten 26 Männer 2018 genauso viel wie die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung besaßen. Wie können wir mit den Ungleichheiten in und zwischen Ländern national und global umgehen?

Diese Frage wurde am 2. April 2019 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum Themenschwerpunkt des Mattersburger Kreises und des Paulo Freire Zentrums sowie der 8. Österreichischen Entwicklungstagung zum Thema „Globale Ungleichheiten“ (17. – 19.11. 2020 in Linz) diskutiert. Andreas Exenberger (Universität Innsbruck), Stefanie Hürtgen (Universität Salzburg/Mattersburger Kreis) und Georg Hubmann (Jahoda-Bauer Institut) zeigten zusammen mit der Moderatorin Karin Fischer (Universität Linz/Mattersburger Kreis) unterschiedliche Perspektiven auf globale und nationale Ungleichheiten auf.

Globale Ungleichheiten am Beispiel des kleinen Dorfs Globo.

Andreas Exenberger präsentierte zu Beginn der Veranstaltung das Projekt Globo, „Unser kleines Dorf im Zeitalter nachhaltiger Entwicklungsziele“. Ziel des Projekts ist es, die Welt als überschaubaren Ort darzustellen, um mehr Bewusstsein für das Bestehen von globalen Ungleichheiten zu schaffen. Mittels einer Datenumrechnung wird gezeigt, dass das Dorf Globo, bei einer Gesamtfläche von 6,9 km², nur 1,4 km² besiedelbare Landfläche einnimmt und insgesamt 100 Menschen beherbergt, stellvertretend für die gesamte Weltbevölkerung. Anschließend zeigte Exenberger anhand der Darstellung einzelner Ziele für Nachhaltige Entwicklung globale Ungleichheiten auf verschiedensten Ebenen auf. Trotz der Fortschritte der letzten Jahrzehnte fehle es „für eine faire Welt momentan offensichtlich noch an allen Ecken und Enden“, so Exenberger. Im Dorf Globo leiden beispielsweise 11 von 100 Menschen unter permanentem Hunger, vor allem Kinder. Außerdem könnten zehn erwachsene Menschen nicht lesen und schreiben, darunter sieben Frauen. Die Macht und Kontrolle über Ressourcen und deren Verteilung liegt bei wenigen, privilegierten Personen. In diesem Zusammenhang benannte Exenberger soziale Herkunft und Geschlecht als die zwei fundamentalsten Trennlinien, an denen sich Ungleichheiten manifestieren.

„Gleichheit ist Glück“.

Aufgrund der kommenden EU-Wahlen im Mai 2019 beschäftigt sich das Jahoda-Bauer-Institut mit Ungleichheiten auf europäischer Ebene, denn „nur aus gesamteuropäischer Perspektive werden Ungleichheiten sichtbar“, so Geschäftsführer Georg Hubmann. Als drei grundlegende Bereiche zum Vergleich zwischen den Ländern nannte er Einkommen und Vermögen, Demokratie und Beteiligung sowie Ressourcenverbrauch. Hubmann erwähnte, dass zwischen Wien und der Slowakei der drittgrößte Lohnunterschied weltweit herrsche. An diesem Beispiel würde deutlich, dass Ungleichheiten innerhalb von Europa, auch am globalen Maßstab gemessen, sehr groß seien. Doch obwohl innerhalb der EU rund 120 Millionen Menschen armutsgefährdet sind, würde es diesem Teil der Bevölkerung global gesehen immer noch relativ gut gehen, so Hubmann. Problematisch sei, dass die politische Diskussion über Ungleichheitsdimensionen immer national geführt würde. „Wir wissen, dass gleichere Gesellschaften glücklichere sind. Deshalb müsste man die Diskussion auf der EU Ebene führen, um zu einem gleicheren Europa mit mehr Konvergenz zu kommen“, betonte Hubmann.

Wie nationale Grenzen den Blick auf Ungleichheiten verzerren.

Stefanie Hürtgen knüpfte daran an, indem sie das Wettbewerbsdenken innerhalb des neoliberalen Systems ansprach. Sie kritisierte, dass es keine sozialpolitische Angleichung mehr zwischen den Nationalstaaten gebe. Einzelne Länder würden sich als Wettbewerbsstaaten profilieren, die in Konkurrenz zueinander stehen. Konkurrenz meint laut Hürtgen „die fundamentale Zerstörung leiblicher, ökologischer und sozialer Bedürfnisse“ zugunsten der Profitabilität. Diese Argumentationen veranschaulichte Hürtgen mit dem Beispiel der Transnationalisierung von Produktionsverhältnissen: Aus dieser Entwicklung würde eine ökonomische Integration bei zunehmender sozialer Desintegration resultieren.

Mögliche Lösungswege um Ungleichheiten zu reduzieren.

Im Anschluss an die Beiträge der geladenen Gäste eröffnete Karin Fischer die Publikumsdiskussion, in der vor allem darauf eingegangen wurde, wie wir auf Ungleichheiten reagieren können. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass die Abkehr von der Idee der Marktlogik zentral sei. Statt dem klassischen Standortwettbewerb, sollte ein Wettbewerb der Ideen stattfinden, ergänzte Exenberger. Hürtgen plädierte für ein Loslösen von dominanten rassifizierten Diskursen. Es sollte nicht vom „Wir“ oder dem „globalen Norden“ gesprochen werden, da Ungleichheiten auch innerhalb der Länder Europas existieren. „Es gibt nicht immer nur jemanden, dem es besser geht. Es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht (…) und das macht Angst.“, betonte Hürtgen.

Einfache Lösungen gibt es nicht!

Die Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum waren vielfältig: Wer sind die Menschen, die aktuell bestimmen? Wäre das bedingungslose Grundeinkommen eine Option? Gibt es Schnittstellen verschiedener Formen von Ungleichheiten und auf welcher Ebene müssen Strukturen verändert werden, um diese Ungleichheiten zu reduzieren?

Am Ende der Veranstaltung blieben einige Fragen aus dem Publikum offen, was auf die Komplexität des Themas verweise, so Karin Fischer. Exenberger fasste nach Abschluss der Publikumsdiskussion mögliche Lösungsvorschläge zusammen: Eine Änderung des Diskurses, Durchbrechung der sozialen Spaltung, Neubestimmung von Regeln und Zielen, Mobilisierung der Zivilgesellschaft sowie das Aufbrechen von Herrschaftsverhältnissen seien notwendige Schritte. Laut Exenberger wäre ein Europa mit moderatem Wachstum, in dem die Lebensqualität aller im Mittelpunkt steht, wünschenswert. Da zivilgesellschaftliches Engagement besonders wichtig sei, rief er zur Teilnahme an den bevorstehenden EU-Wahlen auf. Er schloss mit einer hoffnungsvollen Frage: „Wo, wenn nicht in Europa, ist eine soziale Marktwirtschaft möglich?“.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 

Fotos © Valentina Duelli, Paulo Freire Zentrum

 


Weiterführende Links:

Projekt Globo

Jahoda Bauer Institut


 

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Themen.