Ein Gespräch von Nadja Schuster (VIDC) mit Annette Mukiga, Expertin für Gender and Development, über die Auswirkungen der Pandemie auf sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRHR) von Frauen in Ruanda und die Möglichkeit einer feministischen Antwort auf die Krise.
Ich möchte mit einem kurzen generellen Überblick über die Situation in Ruanda in Bezug auf COVID-19 beginnen. Interessanterweise ist Ruanda das einzige afrikanische Land ohne Corona-bezogene Reisebeschränkungen nach Österreich. Wie kommt Ruanda mit der COVID-19 Krise zurecht?
Tatsächlich hat Ruanda das Privileg, eines der Länder zu sein, das keinen Reisebeschränkungen unterliegt, speziell nach Europa. Das Land hat nach den ersten Fällen im April sofort einen Lockdown verhängt, und auch jetzt gibt es noch eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit, besonders in Kigali. Es wurde eine Ausgangssperre erlassen und man muss um 19 Uhr zu Hause sein. Die Schulen sind noch immer geschlossen. Zur Teilnahme an Meetings, Konferenzen oder Hochzeiten wird ein COVID-19 Test verlangt. Dies hat unsere Arbeit sehr erschwert, besonders die Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Organisationen wie Trainings und persönlichen Treffen.
Wie hat COVID-19 die sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) von Frauen und Mädchen in Ruanda beeinflusst?
Die gesamte Situation hat sich definitiv auf SRHR ausgewirkt. Unsere größte Besorgnis ist, dass sich Services und UNterstützungsmaßnahmen auf COVID-19 konzentrieren, sodass wir andere Gesundheitsprobleme aus den Augen verlieren. Das Risiko für Teenager-Schwangerschaften ist angestiegen, da die Jugendlichen nicht zur Schule gehen. Die negativen Effekte auf SRHR stehen auch im Zusammenhang mit Armut und wirtschaftlichen Belastungen. Wenn die Beiträge zur generellen Gesundheitversicherung sinken, könnte es für den Staat schwierig werden, die Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen.
Wenn Menschen in wirtschaftliche Nöte geraten, sind sie gezwungen, sich auf Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wasser zu konzentrieren, und ignorieren dabei andere Bedürfnisse wie Menstruationshygieneartikel. Es gibt auch systemische Barrieren im Zusammenhang mit Religion, besonders weil wir in Ruanda viele Gesundheitszentren haben, die von glaubensgestützten Organisationen betrieben werden. Wenn diese keine SRHR-Unterstützung, insbesondere in Bezug auf Abtreibungen, anbieten, müssen Frauen und Mädchen auf andere Orte ausweichen. Die aktuellen Mobilitätseinschränkungen beeinträchtigen jedoch den Zugang zu alternativen Kliniken.
Wie steht es um den Zugang zu und die Leistbarkeit von Verhütungsmitteln in Ruanda generell und während des Lockdowns?
Der Zugang zu Verhütungsmitteln ist keine Kostenfrage, außer bei der „Pille danach“, die sehr teuer ist. Andere Verhütungsmittel und zusätzliche Services sind Teil der kostenlosen öffentlichen Gesundheitsversorgung. Das Problem ist, dass viele Menschen die Gesundheitszentren nicht regelmäßig besuchen und das Personal dort überlastet ist. Eine große Herausforderung besteht auch darin, die Verwendung von Verhütungsmitteln in Vorstellungen und Normen junger Menschen zu verankern. Teenager-Schwangerschaften waren schon vor der Krise ein Problem, und die Situation verschlimmert sich jetzt. Wir sind noch nicht an einem Punkt angelangt, an dem wir dies realistisch einschätzen und Kampagnen, die rein auf Enthaltsamkeit abzielen, mit umfangreicher Aufklärung ersetzen.
Was sind die größten Herausforderungen für Frauen und Mädchen in Ruanda bezüglich SRHR und insbesondere im Hinblick auf die Implikationen von COVID-19?
Ich denke, wir müssen in inklusive Wiederaufbauprogramme investieren. Wir müssen sicherstellen, dass gefährdete Gruppen eingebunden werden: Menschen mit Behinderung, junge Frauen, Jugendliche. Es gab zuvor bereits eine geringe Beteiligung der Zivilgesellschaft, und von Frauen und Mädchen generell. Lokale Behörden müssen sich der speziellen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen während einer Krise bewusst werden. Ich verlange ein Gender Audit der Strategien zum Wiederaufbau, das uns helfen kann, unsere Regierung und andere Institutionen zu überprüfen und zur Rechenschaft zu ziehen. Wir benötigen auch eine größere Berücksichtigung von Frauen und jungen Menschen im Plan zur wirtschaftlichen Erholung. Die Soforthilfe in Bezug auf die Gesundheit und die Rechte von Frauen und Mädchen, wie Hygieneartikel und relevante Informationen, muss erhöht werden.
Was kann der globale Norden tun, um Frauen und Mädchen und deren Zugang zu SRHR in Ruanda zu unterstützen?
Um die COVID-19 Krise zu lösen, müssen wir solidarisch handeln. Alles, was in einem Land passiert, betrifft auch alle anderen. Ich sehe durchaus Zusammenarbeit mit dem Norden; insbesondere Regierungen und Interessensvertretungen unterstützen unsere Arbeit in Bezug auf die Reduktion der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 auf Frauen und Mädchen, denn was auch immer mit der ökonomischen Situation von Frauen und Mädchen geschieht, beeinflusst auch SRHR.
Wir müssen uns auch mit dem erhöhten Risiko von Teenager-Schwangerschaften, Schulabbruch und Zwangsverheiratung beschäftigen. Dies ist ein bestehendes, aber wenig beachtetes Problem. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, weiter zu investieren, bestehende Normen in Frage zu stellen; zu sehen, welche Mechanismen funktionieren können, und damit zu beginnen, jugendgerechte Dienste anzubieten und Informationen über sicheren, legalen Schwangerschaftsabbruch zu verbreiten. Ebenso wichtig wäre die Unterstützung von Organisationen der Zivilgesellschaft bei der Überwachung der Aktivitäten zur wirtschaftlichen Erholung, insbesondere im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Gesundheits- und Bildungssysteme. Zuletzt ist es von großer Bedeutung, positive Männlichkeiten zu fördern und Männer dazu zu bringen, sich an der Care-Arbeit zu beteiligen, damit alle Familienmitglieder wirksam und produktiv zum Wohlergehen der Familie beitragen können.
Die Originalversion dieses Interviews erschien am 1. September 2020 auf Englisch im Online Magazin des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC). Übersetzung und Bearbeitung von David Untersmayr.
Foto © IPPF/Jane Mingay