SORRY, WE MISSED YOU erzählt vom finanziellen Überlebenskampf einer Familie im Nordosten Englands und den Auswirkungen von prekären Arbeitsbedingungen in einem wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystem. Das Portrait einer Lebensrealität, die viele Menschen weltweit teilen.
Schuldenabbau durch Selbstausbeutung.
Die Folgen der Finanzkrise 2008 haben Protagonisten Ricky Turner und seine Familie mit Schulden belastet, die Ricky nun durch einen neuen Job als Paketzulieferer abbauen will. Der Job scheint vielversprechend: als selbstständiger Fahrer mit eigenem Van kann er unabhängig arbeiten. Die Arbeit entpuppt sich aber als prekäre Scheinselbstständigkeit, die Ricky sechs Tage pro Woche für je 14 Stunden lang schuften lässt. Für Fehlzeiten gibt es Geldstrafen, sofern er keine*n Ersatzfahrer*in findet. Um den Van zu finanzieren, muss das Auto seiner Frau Abbie verkauft werden. Sie arbeitet im mobilen Pflegedienst als Krankenschwester und muss täglich weite Strecken zu ihren Patient*innen, die im Film als „Kund*innen“ bezeichnet werden, zurücklegen. Bezahlt wird sie nicht nach Stunden, sondern nach Anzahl der betreuten Klient*innen. Während sich die beiden Kinder Lisa Jane und Seb zunehmend vernachlässigt fühlen und unter der Erschöpfung der Eltern leiden, wird das Zusammenleben als Familie immer angespannter.
Unabhängig und flexibel vs. unsicher und ungleich.
Bereits wie Ken Loachs letzter Film und großer Erfolg „I, Daniel Blake“ (2016), spielt auch „Sorry, we missed you“ (dt.: Tut mir Leid, wir haben Sie verpasst) in Newcastle im Norden Englands. Das Kohlebergbaugebiet um Newcastle war zentral für die von Großbritannien ausgehende Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Während die Minenbesitzer*innen immer reicher wurden, blieb den Arbeiter*innen jedoch nicht viel von der harten Tätigkeit in den Minen. Die Arbeit selbst hat sich zwar verändert, nicht aber die Ausbeutungsverhältnisse. Ken Loachs Filme werfen einen realistischen Blick auf die unmenschlichen Bedingungen in einer flexibilisierten Arbeitswelt, in der der Wert des Menschen an seiner Produktivität und Effizienz gemessen wird.
Die filmische Ästhetik ist dabei sehr direkt und nüchtern. In diskretem, dokumentarischen Stil, folgt die Kamera den Figuren im Film durch deren Alltag. Dabei wird ungeschönt eine Realität gezeigt, die immer mehr Menschen der sogenannten „Mittelklasse“ trifft: Rickys Job als scheinselbstständiger Paketauslieferer ist Teil der sogenannten Gig Economy (dt.: Auftritts-Wirtschaft). Damit wird ein Teil des Arbeitsmarktes beschrieben, bei dem Arbeitsaufträge (oft über Onlineplattformen) kurzfristig an unabhängige Selbstständige vergeben werden. Die Plattformen vermitteln zwischen Dienstleister*in und Kund*in, während die Betreiber*innen der jeweiligen Plattform eine anteilige Provision pro Auftrag erhalten.
Keine Zeit für Menschlichkeit.
Der Druck, der auf den Zusteller*innen lastet, ist enorm. An seinem ersten Tag wird Ricky mit den Arbeitsbedingungen und -abläufen vertraut gemacht. Ein hilfsbereiter Kollege empfiehlt ihm, immer eine große, leere Plastikflasche im Lieferauto dabei zu haben. Zeit für Pinkelpausen gäbe es nämlich keine. Wird die Tür bei der zu beliefernden Adresse nicht rasch genug geöffnet, wird die Nachricht „Sorry, we missed you“ an die jeweilige Tür geklebt. Das Sprichwort „Zeit ist Geld“ hinterlässt in diesem Kontext einen besonders bitteren Nachgeschmack. Für Menschlichkeit ist es hier bereits zu spät.
Die Lage zu Hause sowie bei der Arbeit spitzt sich für Familie Turner zu, als Sohn Seb beim Sprayen von Graffiti und Schule Schwänzen erwischt wird. Die beiden überarbeiteten Eltern sind überfordert. Die anklagende Frage „Weißt du, wie viel du uns heute gekostet hast?“ von Ricky an seinen Sohn, bringt die beklemmende Lage der Familie auf den Punkt. Zeit, um sich um den pubertierenden und rebellierenden Sohn zu kümmern, können sich die Eltern nicht leisten. Als die jüngere Tochter aus Verzweiflung den Schlüssel des Lieferautos versteckt, und Ricky dadurch nicht arbeiten kann, eskaliert die Lage.
Aufstieg durch Bildung?
Ken Loach gilt als ein Altmeister realistischer Sozialdramen. Diesem Genre bleibt er auch in „Sorry, we missed you“ treu. Wer dabei ungezügelte Gewalt, Drogenkonsum und Armuts-Voyeurismus vermutet, liegt falsch. Der Film zeigt schlicht den Alltag einer Familie, die in einer (selbst)ausbeuterischen Arbeitswelt unter den Auswüchsen des kapitalistischen Systems leidet. Den einzigen Ausweg aus der Misere für ihre Kinder, sehen die beiden Eltern im sozialen Aufstieg durch Bildung. Frei nach dem neoliberalen Credo „Wenn du dich nur genug anstrengst“, reden Mutter und Vater auf den Sohn ein, der längst erkannt hat, dass diese Rechnung nicht aufgehen wird. Bildung wird nach wie vor zu einem Großteil vererbt, wie der Bericht „Bildung auf einen Blick“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2018 zeigt. Der berufliche und soziale Status der Eltern sei nach wie vor der wichtigste Faktor, der die Teilnahme an Bildung sowie wirtschaftlichen und sozialen Erfolg beeinflusse. Da der Bildungsgrad oft den sozialen Status bestimmt, wird auch dieser vererbt und soziale Ungleichheit somit reproduziert.
Unbequem und realistisch bis zum Schluss.
„Sorry, we missed you“ spielt zwar in Großbritannien, die zunehmende Entwicklung von unsicherer Arbeit und Selbstausbeutung lässt sich aber global beobachten. Ohne auf Pathos zu setzen, verzichtet der Film auf ein Happy End und bleibt so der schonungslosen aber authentischen Darstellung prekärer Lebensumstände treu. Die Verbindung des Films mit einer Kampagne zur Unterstützung von Menschen, die in der Gig Economy beschäftigt sind, macht die Bemühungen des Regisseurs auch abseits der Leinwand glaubhaft.
Die Autorin studiert Gender Studies an der Uni Wien und ist Teil des Redaktionsteams des Paulo Freire Zentrums.
Foto © Sorry, we missed you.
Weiterführende Links:
Website zum Film
Trailer zum Film
Kampagne zur Unterstützung von Gig-Arbeiter*innen
Bildung auf einen Blick, OECD 2018