Europas Grenzen (Englisch: Limits of Europe) begleitet die tschechische Journalistin Saša Uhlová auf ihrer abenteuerlichen Reise durch die migrantisch geprägten Niedriglohnsektoren Europas. Dabei fungiert Uhlová nicht nur als Protagonistin und Erzählerin. Dank einer Brille mit eingebauter Kamera, mit der sie ihre Arbeit filmt, sieht das Publikum die Handlung fast wörtlich mit ihren Augen. Das Resultat ist ein zutiefst menschliches Porträt oft unmenschlicher Arbeitsverhältnisse in Deutschland, Irland und Frankreich. Der Film der Regisseurin Apolena Rychliková wurde am 9. 12. 2024 im Rahmen des Filmfestivals This Human World im Wiener Top Kino im Originalton auf Tschechisch mit englischen Untertiteln gezeigt.
Europa in Dreieinhalb Stationen.
Die etwas andere Europareise beginnt und endet in Marseille. Der Film beginnt mit Aufnahmen einer Familienreise Uhlovás. Das Publikum wird somit unmittelbar auf ihre komplexe Identität verwiesen. Als osteuropäische Frau taucht sie bei ihren Recherchen zwar unhinterfragt in den verschiedenen Niedriglohnsektoren unter. In ihrem eigenen Leben kennt sie die Schauplätze ihrer Untersuchung allerdings als Urlauberin, nicht als Arbeiterin. Auch der persönliche Zugang des Films zu Uhlovás Untersuchungen wird deutlich, sobald ihre Familie in den Aufnahmen auftaucht. Ihr Privatleben ist durchwegs Teil des Narrativs.
Zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Frankreichaufenthalten reist Uhlová nach Deutschland, England und Irland. Ihr Deutschlandaufenthalt ist der längste. Dort verbringt sie einen Monat auf einem Bauernhof mit fast ausschließlich weiblichen Kolleginnen aus Polen. Auch die Hofbesitzerin, die den Betrieb mit ihrem Mann führt, ist Polin und bildet somit einen Anknüpfungspunkt für die Arbeiterinnen und ein frühes Anzeichen für die Komplexität der Herrschaftsverhältnisse, die diese transnationalen Arbeitswelten prägen. Nach einer kurzen Rückkehr nach Tschechien zieht Uhlová weiter nach Großbritannien. Ohne Arbeitsgenehmigung erhält sie dort allerdings keine Arbeit – die Folgen des Brexit machen sich spürbar. Dennoch begegnet sie auch hier prekären Umständen in einem Hostel in Manchester. Manche ihrer acht Zimmergenoss*innen leben bereits seit über einem Jahr dort, weil sie sich keine andere Unterkunft leisten können, erzählt sie.
Uhlovás nächste Station ist Irland. Dort arbeitet sie in einem kleinen Hotel in einem Team bestehend aus hauptsächlich jungen Slovak*innen. Die Arbeit ist auch hier anstrengend und geprägt von langen, hektischen Tagen. Sie bleibt nur kurz. Zum Abschied verrät sie einem jungen Paar ihre Identität. Aus dem Off erklärt sie, sie könne in ihrer Muttersprache nichts vorspielen. Letztlich begleitet der Film sie wieder nach Frankreich. Während ihr in Deutschland und Irland vor ihrer Anreise bereits durch eine polnische, respektive slowakische Agentur einen Job vermittelt wurde, beginnt die Suche hier erst vor Ort. Sie macht sich zuerst im informellen Sektor selbstständig, bevor sie von einer Agentur angenommen wird. Aufgrund mangelnder Ausbildung wird sie trotz unentgeltlicher Pflegeerfahrung nur für Assistenztätigkeiten zugelassen.
Ausbeutung – Traditionell und digital.
Alle drei Arbeitsfelder sind belastend – körperlich und emotional. Uhlová merkt an, dass die Arbeit in dem deutschen Großbetrieb ihr körperlich zusetzt. Dabei ist sie eine der jüngsten dort. Ihren Aufenthalt in Irland beendet sie frühzeitig – auch weil sie nach einer Handverletzung weitere Unfälle befürchtet. Mangelnde Einführung in die Arbeitsprozesse und enormer Zeitdruck lassen das Risiko hierfür hoch erscheinen. In Frankreich scheint die emotionale Belastung am größten: für die alten Menschen, die sie pflegt, ist Uhlová teilweise der einzige soziale Kontakt, für ihre Angehörigen die einzige Unterstützung. Dabei fehlt es ständig an Zeit, um der damit einhergehenden Verantwortung gerecht zu werden. Statt unterstützt fühlt sich Uhlová isoliert, denn sie hat keinen Kontakt zu Kolleg*innen und kaum zur Agentur. Dabei nutzt sie es hier am meisten aus, dass sie nicht auf das Einkommen aus dieser Niedriglohnarbeit angewiesen ist. Sie bricht Regeln, um mit Patient*innen gemeinsam zu essen und Geschenke anzunehmen. Für Pfleger*innen, die nicht hauptberuflich Journalist*innen sind, dürfte diese Arbeit noch entmenschlichter sein.
Ein weiterer, enormer Belastungsfaktor, der sich durch die Erfahrungen Uhlovás zieht, ist ständige Intransparenz und die damit einhergehende Unsicherheit. Nie wird mit den Arbeitenden klar oder offen kommuniziert; einen Überblick zu erhalten scheint unmöglich. Wodurch dieser Zustand bedingt wird, variiert. Auf dem deutschen Bauernhof zeigt die Uhr die falsche Zeit an. Aufgaben und Zeiteinteilungen werden erst in letzter Minute mitgeteilt. Wann ihre Schicht endet, erfahren Uhlová und ihre Kolleginnen an jedem Tag erst, wenn sie bereits vorbei ist. Zumindest werden hier die Arbeiter*innen offen unterbezahlt. Sie führen selbst doppelte Zeitaufzeichnungen, um arbeitsrechtliche Kontrollen zu umgehen. So kommt Uhlová am Ende von vier Wochen, in denen sie sieben Tage ab fünf bis sechs Uhr in der Früh oft vierzehn Stunden gearbeitet hat, auf 1500 Euro Lohn.
Auch in Irland und Frankreich werden Mindestlöhne mit Manipulationen der Arbeitszeiten umgangen, allerdings ohne Einbezug der Arbeiter*innen. In Irland führt nur der Besitzer Buch über die gearbeiteten Stunden; die Angestellten haben keine Einsicht. Zudem werden Aufgaben zeitlich zu knapp bemessen, so dass Angestellte in ihre Freizeit hineinarbeiten müssen. Über WhatsApp senden der Manager und seine Tochter dabei dauernd neue Anweisungen, denen unmittelbar Folge zu leisten ist. Die Nachrichtenapp dient auch der ständigen Überwachung der Angestellten. In Frankreich ist es ein Diensthandy, das den Arbeitsalltag kontrolliert. Mit ihm muss Uhlová ihre Arbeit dokumentieren und erhält oft in der Früh noch weitere Dienste für den Tag. Dabei fehlt es ihr an Auskünften und Ressourcen. Oft ist nicht eindeutig, was die zu Pflegenden benötigen. Die Telefonnummer ihrer Vorgesetzen, die sie für solche Fälle erhalten hat, ist nicht vergeben. Zudem wird nicht nur für Aufgaben und Wegstrecken zu wenig Zeit bemessen, auch für zu kochende Mahlzeiten gibt es wiederholt keine Zutaten. Bei ihrer Kündigung erfährt Uhlová von einer stolzen Agenturmitarbeiterin, dass von Pflegekräfte in solchen Situationen erwartet wird, selbst einzuspringen. Die Abhängigkeit der Patient*innen wird ausgenutzt, um von Pfleger*innen mehr Arbeit zu verlangen, als ausbezahlt wird. Hier verdient Uhlová in zehn Tagen, an denen sie meist von 09:00 bis 19:30 arbeitet, 500 Euro.
Persönliche Nähe statt Objektivitätsanspruch.
Der Film versucht nicht, Distanz zwischen seiner Protagonistin, ihrem Innenleben und seinem Untersuchungsgegenstand aufzubauen. Dadurch gelingt ein Einblick in die emotionale Belastung, die eine Trennung von der eigenen Familie bedeutet. Mehrfach werden zärtliche Videotelefonate gezeigt, die Uhlová so oft wie möglich mit ihrem Mann führt. Ihr Mann ist mit dem jüngsten Sohn in Deutschland, während der ältere in Tschechien bleibt. Zudem kümmerte sich Uhlová vor Antritt ihrer Reise um ihren Vater, um den sie sich während ihrer Abwesenheit große Sorgen macht. Es nimmt sie sichtlich mit, dass dieser während ihres Aufenthalts in England verstirbt. Derartige Familientrennungen sind eine zusätzlich belastende Dimension der transnationalen Arbeitsverhältnisse für ihre Kolleg*innen in Deutschland und Irland. Viele haben in der Heimat Familie, die sie zurücklassen mussten, um sie zu ernähren, oder ihnen eine bessere sozio-ökonomische Situation zu bieten. Die Belastung, die damit einhergeht, kann nicht aus diesen Arbeitssituationen weggedacht werden.
Der distanzlose Zugang erlaubt dem Film zudem, Uhlovás Kolleg*innen und Klient*innen in ihren komplexen Persönlichkeiten und Handlungsstrategien zu zeigen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit schafft er es, die Ausbeutung dieser Co-Protagonist*innen zu zeigen, ohne sie jemals auf Opferrollen zu reduzieren. Dabei befindet der Film sich auf einer schmalen Gratwanderung. Schließlich wurden sie ohne ihr Einverständnis oder Wissen gefilmt. Gerade die polnischen Arbeiterinnen in Deutschland wurden auch in ihrer begrenzten Freizeit in ihren mehr oder minder privaten Quartieren aufgenommen, bei intimen Momenten des Beisammenseins. Somit ist auch die Position des Films selbst in den komplexen Ausbeutungsverhältnissen nicht ohne Ambiguität. Dennoch entstand im Kino nie der Eindruck, dass hier Voyeurismus betrieben wurde. Denn niemand wurde so exponiert gezeigt wie Uhlová selbst. Es entstand der Eindruck, dass die Beteiligten um einen respektvollen Umgang bemüht waren. Die Gesichter der alten Leute, die Uhlová in Frankreich pflegt, etwa, sind nie zu sehen.
Die große Stärke des Filmes ist die Menschlichkeit, mit der sich Rychliková und Uhlová dem Thema nähern. Es sind die verwackelten Aufnahmen der verschiedenen Arbeitsrealitäten, die einen Einblick in eine Welt schaffen, von dem das europäische Bürgertum normalerweise sehr abgeschottet lebt. Unverhohlen politisch lädt der Film dazu ein, die gesellschaftlichen Strukturen, die die europäischen Niedriglohnsektoren bedingen und die Leben ihrer Protagonist*innen prägen, zu hinterfragen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild zeigt Uhlová in ihrer tschechischen Wohnung. ©
Weiterführende Links:
Hier ist der Eintrag des Films auf der Website des This Human World Festivals zu finden.
Zum Trailer von Limits of Europe auf YouTube.