2020_06_10_Bittere Ernte (c) Mira Film

Filmrezension: Bittere Ernte.

Im Rahmen der 10. Filmtage zum Recht auf Nahrung „Hunger. Macht. Profite“ brachte FIAN Filme über Ernährung und globale Landwirtschaft online in Österreichs Wohnzimmer. Am 30. April wurde der Film „Bittere Ernte – Bauern weltweit in Not“ ausgestrahlt und in einem Filmgespräch diskutiert.

Der 76 Minuten lange Dokumentarfilm von Mathieu Roy zeigt Bilder aus Indien, der Schweiz und Kanada und macht deutlich, dass der Markt und multinationale Konzerne die Landwirtschaft regieren, während Landwirt*innen zunehmend in Not geraten. „Die Kontrolle hat entweder der Himmel, der Monsun, oder der Markt. Der Bauer hat keinen Einfluss“, resümiert ein indischer Journalist im Film.

Bäuer*innen unter Druck.

Preisschwankungen, widrige Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und Mangelernährung sind Themen, mit denen sich Bäuer*innen rund um den Globus konfrontieren müssen. Aufgrund der Klimakrise haben sie zusätzlich mit Dürren und Missernten zu kämpfen. In den letzten zehn Jahren musste in Europa ein Viertel aller Bauernhöfe schließen. Die Zahl der Selbstmorde unter den Bäuer*innen ist um ein Vielfaches gestiegen. Es muss sich etwas ändern. Der Regisseur gibt Betroffenen eine Stimme. Auch wenn neben den Landwirt*innen ebenso Journalist*innen und Ökonom*innen zu Wort kommen, stehen erstere im Mittelpunkt.

Rolle der Kleinbäuer*innen im globalen Ernährungssystem.

Franziskus Forster (ÖBV-Via Campesina Austria) und Simone Peter (Brot für die Welt) diskutierten unter der Moderation von Andreea Zelinka (FIAN, Food First Information and Action Network Österreich) die aktuelle Situation von Bäuer*innen weltweit. Im online-Gespräch waren sie sich einig, dass der Film zeigt, welch entscheidende Rolle Kleinbäuer*innen für die Welternährung einnehmen. Diese würden unter enormen Druck stehen. Besonders deutlich werde, wie ungleich das globale Lebensmittelsystem aufgebaut ist.

Wirtschaftssystem als Ursache der „Entrechtung“ von Landarbeiter*innen.

Insgesamt verdeutlicht der Film, dass der globalisierte Kapitalismus Ungleichheiten mit sich bringt. Konzerne und die Agrarindustrie verankern ihre Macht über internationale Handelsabkommen und in der Agrarpolitik. Wert wird beim Handeln abgeschöpft, die Landarbeiter*innen profitieren von der Marktwirtschaft am wenigsten. Ein Bauer in Indien erklärt: Eine Jeans, für die 400 Gramm Baumwolle benötigt wird, kostet 80 Dollar. Der Baumwollproduzent in Indien bekommt dafür nicht einmal einen Dollar. „Sie bezahlen 80 Dollar in Ihrem Land. Von diesen 80 Dollar fließen 10 oder 15 Dollar in unsere Wirtschaft in Mumbai, und nur ein Dollar fließt in mein Dorf. Ich erzeuge Reichtum. Mein Dorf, unsere Bauern tun das. Doch reich werden Europa und Amerika, Mumbai, Delhi, Kalkutta,…und die Dörfer werden weiterhin ausgebeutet.“

Auswirkungen der Coronakrise auf Hungernde.

Krisen, wie die Corona-Pandemie, treffen Kleinbäuer*innen besonders hart, wurde im Filmgespräch mehrfach erwähnt. Es wird sichtbar, dass Landwirt*innen von migrantischen Arbeitskräften, die unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten, abhängig sind. Kleinbäuer*innen würden ihren Zugang zu Märkten verlieren. Bauernmärkte werden beispielsweise geschlossen, wodurch wichtige Einkommensmöglichkeiten verloren gehen. Außerdem komme es zu enormen Preisschwankungen. Simone Peter verwies zusätzlich auf die Schulschließungen, denn für viele Kinder wäre die Schule der Ort, wo sie Nahrung und gesundes Essen bekommen. Dies treffe vor allem die unteren Einkommensschichten im Globalen Süden. Diese Entwicklungen fordern Maßnahmen.

„Die Zukunft der Agrarpolitik wird nicht an der Supermarktkassa entschieden“.

„Über richtiges Einkaufen in Supermärkten die Welt zu verändern, das wird nicht funktionieren“, so Peter. Der bitter notwendige Wandel könne nicht nur von Konsument*innen kommen. Vielmehr brauche es eine agrarökologische Landwirtschaft, die sich auf lokale Märkte orientiert. In Zeiten der Klimakrise sei dies besonders effizient. Insgesamt gehe es darum, eine Lebensmittelpolitik herzustellen, die nicht mehr darauf fixiert ist, eine möglichst billige und exportorientierte Form der Landwirtschaft zu fördern. In Folge würde sie dann auch die Rolle des Welthandels verändern. „Es braucht eine Agrarpolitik, die nicht auf Kosten anderer geht“, so Forster.

Was können wir tun?

Die Stärkung der Menschenrechte, sowie die internationale Vernetzung der Zivilgesellschaft sind von großer Bedeutung, um Ungleichheiten im Ernährungssystem zu reduzieren, schlossen die Diskutant*innen. „Wir brauchen Allianzen, wir brauchen Unterstützung. Wir brauchen Solidarität, und zwar weltweit“, ist Forster überzeugt. Ein bisher gelungenes Beispiel sei die Nyéléni-Bewegung, eine weltweit aktive Bewegung für Ernährungssouveränität. Diese setze sich für mehr Demokratie im Ernährungssystem ein, für bessere Produktionsbedingungen und mehr Gerechtigkeit in der Verteilung und Konsumtion von Lebensmittel.

Aufnahmen, die unter die Haut gehen.

Mathieu Roy löst mit seiner gelungen Dokumentation Emotionen bei den Zuseher*innen aus und rüttelt wach. In langen Standbildern wird die harte Arbeit am Feld gezeigt. Diese Aufnahmen gehen in Begleitung dramatischer Hintergrundmusik besonders unter die Haut und machen es notwendig, über Ungleichheiten im globalen Ernährungssystem nachzudenken. Während Roy mit dem Film eine pessimistische Vision ohne Antworten präsentiert, wurden im von FIAN veranstalteten online-Filmgespräch inspirierende Lösungswege illustriert. Vor allem in Zeiten der Corona- und Klimakrise bleibt das Thema Landwirtschaft brisant. Der Abend endete nichtsdestotrotz mit einem positiven Statement Zelinkas: „Wenn wir uns dafür einsetzen, ist eine andere Politik möglich“.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Foto: Filmstill Bittere Ernte © Mira Film.

Weiterführende Links:

Hunger. Macht. Profite.

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