Welchen Beitrag leistet Fairtrade, um Ernährungssouveränität zu verwirklichen? Inwiefern verbessert Fairtrade die Stellung von Frauen* im globalen Agrar- und Ernährungssystem? Wie realistisch ist ein ernährungssouveränes Agrar- und Landwirtschaftssystem und was braucht es dafür?
Diesen Fragen zum Verhältnis von Ernährungssouveränität und Fairtrade widmete sich Patricia Dolak in ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Birne statt Banane“ und teilte ihre Ergebnisse in einem Online-Vortrag am 29. März 2021. Durch den langjährigen Konsum von Fairtrade Produkten kam Dolak auf die Frage: Wie nachhaltig ist Fairtrade wirklich? Das Konzept von Ernährungssouveränität sah Dolak als Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema: „Ich habe Ernährungssouveränität als Art Brille genommen, um auf die soziale Bewegung Fairtrade zu blicken“, erklärte sie.
Die Veranstaltung wurde von der Frauenhetz in Kooperation mit der Frauen*solidarität organisiert und von Sabine Prokop (Uni Wien) moderiert. Während des Vortrags wurden Fragen im Chat gesammelt, die Patricia Dolak am Ende beantwortete und sich dazu positionierte.
Ernährungssouveränität und Fairtrade? Was ist das?
Ernährungssouveränität ist ein politisches Konzept mit Ursprung in Brasilien. Die grundlegende Forderung ist es, Menschen eine gesunde, sichere und kulturell angepasste Ernährungsweise zu gewährleisten. Dafür solle die Produktion nachhaltig, regional und für Mensch und Umwelt tragbar sein. Ernährungssouveräne Bewegungen beschäftigen sich zudem mit den globalen Wirtschafts- und Handelssystem und den Ungleichheiten, die daraus resultieren. „Der wichtigste Punkt meiner Meinung nach ist, dass ernährungssouveräne Bewegungen die Veränderung von gesellschaftlichen Verhältnissen fordern und globale Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufzeigen“, führte Patricia Dolak aus.
Fairtrade hingegen ist eine sehr breite und heterogene Bewegung, die aus unterschiedlichen Zugängen zu fairem Handel entstanden ist. Aufgrund der diversen Positionen zu fairem Handel hat sich Patricia Dolak auf die Organisation „Fairtrade International“ fokussiert. Fairtrade International arbeitet mit einem Zertifizierungsansatz und politischer Bildungsarbeit. Ziel ist die Verbesserung der Arbeitssituation von kleinbäuerlichem Produzenten*innen im globalen Süden.
Welchen Beitrag leistet Fairtrade, um Ernährungssouveränität zu verwirklichen?
Ein essentieller Punkt im ernährungssouveränen Ansatz sei die Selbstbestimmtheit und Autonomie der bäuerlichen Produzent*innen. Förderlich dafür ist der Fairtrade Preis, welcher unabhängig vom Weltmarkt die Kostendeckung sichern soll. Demokratie und Mitspracherecht für alle gelten als soziale Standards von Fairtrade International. Diese Standards sieht Dolak als bedeutenden Teil der Selbstbestimmtheit „In der jährlichen Generalversammlung müssen 50 Prozent der dortigen Teilnehmer*innen und Repräsentant*innen aus Kleinbäuerlichen Kooperativen sein“, unterstrich Dolak.
Demgegenüber müsse aber auch klargestellt werden, dass Fairtrade International Teil des Welthandelssystems sei. Ein System, dass export- und nachfrageorientiert ist. „Im Prinzip bestimmen dann Fairtrade Produzent*innen nicht was sie anbauen und wie sie es anbauen“, so Dolak. Ein Ziel von Fairtrade ist es, Produzent*innen von Zwischenhändlern, wie Kreditunternehmern unabhängig zu machen. Nach Patricia Dolak seien diese nicht befreit, sondern die Abhängigkeit verschiebe sich nur. Nach wie vor seien Produzent*innen davon abhängig, ihre Ware zu verkaufen.
Geschlechtergerechtigkeit durch Fairtrade?
Frauen leisten einen Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit im globalen Süden. Gleichzeitig seien enorme Unterschiede in Einkommens- und Eigentumsverhältnissen zwischen Männern und Frauen sichtbar. Diese Missstände sollen Fairtrade-Regelungen wie Diskriminierungsverbot, Arbeitsrechte für Frauen oder Kinderbetreuungs-Projekte mindern. Nach Dolak reiche dies aus Ernährungssouveräner Perspektive aber nicht aus, wenn betrachtet wird, dass nur ein Viertel der Prodzent*innen bei Fairtrade Frauen sind. „Kulturelle und soziale Diskriminierung macht auch vor dem Fairtrade System nicht halt“, argumentierte Dolak.
Die ernährungssouveräne Kritik an Fairtrade.
„In meiner Masterarbeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Fairtrades Beitrag für die Umsetzung von Ernährungssouveränität minimal ist“, schlussfolgerte Dolak gegen Ende der Veranstaltung.
Aufgrund der marktwirtschaftlichen Ausprägung der Organisation stünden die Interessen von westlichen Konsument*innen im Vordergrund. Auch die Fokusverschiebung von politischer Bildung zum Verkauf sei aus ernährungssouveräner Perspektive bedenklich. Dolak kritisierte die Reduktion auf ökonomische Ermächtigung wohingegen rechtliche Ermächtigung längerfristig nachhaltiger sei. Darüber hinaus basiere die im Globalen Norden gegründete Organisation auf eurozentrischen Denkweisen. Die Umsetzung sei so oftmals nicht an die Lebensrealitäten von kleinbäuerlichen Produzent*innen im Globalen Süden angepasst. „Der wichtigste Punkt für mich und aus einer ernährungssouveränen Perspektive war einfach die Selektivität und begrenzte Reichweite von Fairtrade“, schloss Patricia Dolak ihre Kritik.
Wie kann ein ernährungssouveränes System aussehen?
Ein globales ernährungssouveränes System ist nach Patricia Dolak schwer umsetzbar. Ihrer Meinung nach wären mehrere regionale Systeme, die in Austausch miteinander stehen, eine Möglichkeit, um Ernährungssouveränität zu gewährleisten. Dafür brauche es unter anderem faire Handelspolitiken, rechtliche Absicherung für Produzent*innen, Regulierung von globalen Märkten, Infrastruktur, Klimaadaptive Maßnahmen und nachhaltige Konsummuster.
So kam Patricia Dolak zu ihrem Schluss und gleichzeitig zum Titel ihrer Masterarbeit: Regionale Birne statt Fairtrade Banane.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Ernährungssouveränität in Österreich
Fairtrade International
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