Die Frage nach dem Geschlecht wird nach wie vor nach der Geburt gestellt und meist, aber nicht immer, vermeintlich klar beantwortet. Kaum eine Kategorie strukturiert die Gesellschaft so stark wie Geschlecht. Welche Bedeutung das für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt hat und wie im Bildungsbereich mit mehrfachen Vielfaltsdimensionen umgegangen werden sollte, wurde im Südwind Online-Talk diskutiert.
Am 5. Mai 2021 veranstaltete Südwind einen Online-Talk zum Thema „Diversitätsbewusste Pädagogik“. Gabriele Rothuber, Geschäftsführerin der Fachstelle Selbstbewusst und Sexualpädagogin, hielt einen Vortrag zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Susanne Paschke, Leiterin der Südwind Regionalstelle Wien und des Projekts „Vielfalt gemeinsam verstehen“ gab Einblicke in diversitätsbewusste Methoden für den Bildungsbereich. Moderiert wurde die zweistündige Veranstaltung von Téclaire Ngo Tam (Südwind).
Das Gender-Unicorn.
Im ersten Teil des Talks wurde den Teilnehmenden Sachkompetenz zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt vermittelt. Als Grundlage für Gabriele Rothubers Vortrag diente das Gender-Unicorn (dt.: Geschlechter-Einhorn), das vier Ebenen von Geschlecht visualisiert: Im Kopf des Einhorns sei die Geschlechtsidentität verortet, die die Frage nach der emotionalen Zugehörigkeit stellt. Diese Zugehörigkeit kann, muss aber nicht, mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmen, betonte Rothuber. Im Herz des Gender-Unicorns sei die sexuelle und romantische Orientierung verankert. Auf dieser Ebene könne zwischen Homo-, Hetero-, Bi- und Pansexualität unterschieden werden. Letzteres beschreibe eine sexuelle Orientierung, bei der die Partner*innenwahl gar nicht nach dem biologischen Geschlecht oder der Geschlechtsidentität getroffen wird. Der dritte Aspekt sei das biologische Geschlecht, das kurz nach der Geburt anhand der primären Geschlechtsorgane zugewiesen wird. Bis 2019 konnte dabei ausschließlich zwischen männlich und weiblich unterschieden werden und jene Kinder, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden konnten, wurden einem medizinischen Eingriff unterzogen. Mittlerweile werden ein bis zwei Säuglinge von 1000 Geburten als intersexuell eingetragen. Als vierte Ebene führte Rothuber den Geschlechtsausdruck an: Hierbei stelle sich die Frage, wie eine Person gelesen beziehungsweise gesehen werden möchte.
Das Problem mit der Heteronormativität.
Auf allen vier Ebenen des Gender-Unicorns manifestiert sich Heteronormativität, führte Rothuber aus. Heteronormativität beschreibe die weit verbreiteten Annahmen, dass es nur zwei Geschlechter – nämlich männlich und weiblich – gebe und Heterosexualität die Norm darstelle. Außerdem sollten diese beiden Geschlechter vom äußerlichen Erscheinungsbild eindeutig voneinander unterscheidbar sein. Heteronormativität beruhe auch auf der Annahme, dass sich jeder Mensch mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht identifiziere. Durch diese Annahmen werde eine gesellschaftliche Norm geschaffen und es entstehe die Notwendigkeit eines Coming-Outs (dt.: herauskommen) all jener, die sich nicht mit der konstruierten Norm identifizieren. Während das innere Coming-Out oft früh stattfinde, passiere das äußere, öffentliche Coming-Out meist deutlich später. Laut Rothuber liege das in den befürchteten sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen für die Betroffenen begründet: Mobbing und Ausgrenzung seien häufige Folgen eines Coming-Outs im sozialen Umfeld und der Familie. Diesem sozialen Druck können viele Jugendliche und junge Erwachsene nicht standhalten. Das Suizidrisiko unter homosexuellen Jugendlichen sei siebenfach erhöht, zitierte Rothuber aus einer amerikanischen Studie.
Daher braucht es einen diversitätsbewussten Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Neben Sachkompetenz und Methodenkompetenz sei auch eine selbstreflexive Haltung sowie Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit bei der Arbeit mit Jugendlichen zentral.
Juristin raus, Pornodarsteller rein.
Im zweiten Teil des Talks vermittelte Susanne Paschke auf interaktivem Weg pädagogische Methoden für den Umgang mit mehrfachen Diversitätsdimensionen. Sie gab eine Einführung in eine Methodenplattform, die im Rahmen des Projekts „Vielfalt gemeinsam verstehen“ gestaltet wird und Materialien für diversitätsbewussten Unterricht bietet. Als Beispiel einer Übung, die sich mit intersektionalen Diskriminierungsformen beschäftigt, wurde das Spiel „Ein neuer Anfang“ angeleitet. Die Teilnehmenden bekamen die Aufgabe, zunächst individuell und anschließend in vier Gruppen acht Personen zu bestimmen, die sie auf eine unbesiedelte Insel mitnehmen würden. Diese acht Personen mussten aus einer Liste mit 20 Menschen, bei denen jeweils Merkmale wie Beruf, Staatsangehörigkeit oder Krankheiten vermerkt waren, ausgewählt werden.
In der anschließenden Diskussion wurde sichtbar, dass die Selektion der Personen entlang des zugeschriebenen „Nutzens“ für eine neue Gesellschaft getroffen wurde. Die Teilnehmenden bestimmten gesellschaftliche Bereiche wie Technik, Ernährung, Gesundheit und Unterhaltung und wählten pro Bereich eine Person aus der Liste aus. Daher waren in allen Gruppen der arbeitslose Ingenieur, die oberösterreichische Bio-Bäuerin, der schwule Heilpraktiker und der afrodeutsche Musiker vertreten. Die Wertung, welche Personen für die Gesellschaft nützlich wären, erfolgte entlang der beruflichen Qualifikationen und schneller, essentialisierender Zuschreibungen. Um dieser Wertung bewusst entgegen zu treten, entschied eine Gruppe, die afghanische Juristin von ihrer Liste zu streichen und stattdessen den ehemaligen Pornodarsteller auf die Insel mitzunehmen. Weiters wurde entlang von Alter und Geschlecht selektiert, um eine möglichst ausgeglichene Gesellschaft zu bilden. Ziel der Übung war es, den Teilnehmenden ihre eigenen Zuschreibungen und Wertungen bewusst zu machen und diese anschließend zu dekonstruieren.
Gewisse Zuschreibungen und Kategorien könnten zwar helfen, sich leichter im Alltag zu orientieren. Sie würden aber auch zur Reproduktion von Heteronormativität führen und damit jenen, die sich nicht in die vermeintliche „Norm“ eingliedern können und wollen, das Leben erschweren. Daher schloss Susanne Paschke die Veranstaltung mit dem Plädoyer, Kategorisierungen stets zu hinterfragen und zu dekonstruieren.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Südwind Online Talks
Infos zum Gender Unicorn
Fachstelle Selbstbewusst
Projekt „Vielfalt gemeinsam verstehen“ von Südwind
Titelbild © mmi9, Pixabay License