Der erste Artikel zum Thema Arbeit hat sich damit beschäftigt, was Arbeit ist, welche Rolle sie in unserem Leben einnimmt und wie wir darüber sprechen. Ein zentrales Themenfeld wurde dabei jedoch weitestgehend ausgespart: Die geschlechtliche Dimension von Arbeit. Wie in jedem gesellschaftlichen Raum, bestimmen auch in der Arbeitssphäre Geschlechtsidentitäten die Realität. Es dürfte mittlerweile kaum mehr verwundern, dass dies zu Ungunsten von Frauen geschieht. Darauf, wie komplex Arbeit und Geschlecht miteinander verwoben sind, soll im Folgenden eingegangen werden.
Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung.
Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung bezeichnet die geschlechtsspezifische Aufteilung von Aufgaben und Rollen in der Gesellschaft. Auch sie ist der kapitalistischen Produktionslogik unterworfen. Während bezahlte Lohnarbeit produktive Arbeit (also die Produktion von Gütern und Dienstleistungen) verrichtet, ist unbezahlte Sorgearbeit reproduktive Arbeit. Reproduktive Arbeit reproduziert – wie der Name bereits sagt – die Arbeitskraft, welche Güter und Dienstleistungen produziert. Was recht kompliziert klingt, bedeutet, dass der Mensch, wenn er nach der Lohnarbeit nach Hause kommt, noch auf andere Arbeit angewiesen ist, wie etwa Wäsche waschen, kochen, einkaufen, aber auch auf emotionale Arbeit wie Trost, Zuspruch und Liebe. Hinzu kommt noch die wohl greifbarste Komponente von reproduktiver Arbeit: Die Reproduktion selbst, also das Gebären und Aufziehen von Kindern, den Arbeiter*innen der Zukunft. Reproduktive Arbeit wird in überragender Mehrheit von Frauen verrichtet. Somit findet eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung statt: Produktive Lohnarbeit wird – zumindest historisch – hauptsächlich von Männern ausgeübt, Reproduktionsarbeit primär von Frauen.
Gender Care Gap, Gender Pay Gap.
Dieses Modell, in dem der Mann der finanzielle Versorger der nicht-erwerbstätigen Kinder und Frau ist, ist selbstverständlich nicht universell gültig. Weniger durchkapitalisierte Gesellschaften im Globalen Süden entziehen sich bis zu einem gewissen Grad dieser Analyse, obwohl der Kolonialismus einiges dazu beigetragen hat, auch die geschlechtlichen Arbeitsrollen in andere Teile der Welt zu importieren. Und auch im Globalen Norden weicht die typische Arbeitsteilung der heterosexuellen Kernfamilie, welche die Brutkammer des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg war, langsam auf. Mittlerweile gibt es immer mehr erwerbstätige Frauen, ebenso wie Männer, welche die Reproduktionsarbeit erledigen. Doch die Strukturen sind nach wie vor wirkmächtig: In Deutschland verwenden Frauen 44,3% mehr Zeit auf unbezahlte Sorgearbeit als Männer; das sind eine Stunde und 19 Minuten pro Tag mehr Arbeit. Diese Differenz nennt sich Gender Care Gap. Was sich nicht messen lässt, ist die Verhaftung der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung in unserem Denken, welche typische Qualitäten der Reproduktionsarbeit – Fürsorglichkeit, liebevolle Aufmerksamkeit, Nachsicht – als stereotypisch weiblich auffasst. Lohnarbeitstätige Mütter werden selbstverständlich danach gefragt, wie sie Lohnarbeit und Mutterschaft unter einen Hut bekommen, lohnarbeitstätige Väter nicht. Ironischerweise zeigt der Bericht, in dem die Berechnung des Gender Care Gap in Deutschland ausgeführt wird, auch, dass, wenn unbezahlte und bezahlte Arbeit zusammengerechnet wird, Frauen mehr arbeiten als Männer. Dies spiegelt sich aber in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung und Wertschätzung nicht wider. Das hängt damit zusammen, dass sich reproduktive Arbeit dadurch auszeichnet, dass sie nicht durch die Marktlogik organisiert wird, wie es bei der produktiven Arbeit der Fall ist. So wird sie häufig nicht als Arbeit an sich betrachtet. Da also der Wert von Lohnarbeit gesellschaftlich höher wahrgenommen wird als jener von reproduktiver Arbeit, ist die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung Teil der patriarchalen Unterdrückung der Frau, die typisch weibliche Arbeitsbereiche kontinuierlich entwertet. Auch hier zeigt sich die Relevanz eines inklusiven Arbeitsbegriffes: Indem reproduktive Arbeit aktiv als Arbeit bezeichnet wird, wird sie diskursiv auf die gleiche Ebene wie Lohnarbeit gestellt. Dies trägt dazu bei, dass wir sie in unserem Denken nicht länger als weniger wert als produktive Arbeit betrachten.
Die Abwertung weiblicher Arbeit zeigt sich auch daran, dass in Sektoren, in denen primär Frauen arbeiten, die Löhne geringer sind als in Bereichen, in denen hauptsächlich Männer tätig sind. Folge davon ist der Gender Pay Gap, also die Differenz zwischen dem Brutto-Stundenlohn von Frauen und Männern. Diese lag 2022 in Österreich bei 18,4%, dem zweithöchsten Wert innerhalb der EU. Positive Gegenbeispiele sind Luxemburg, Italien und Rumänien mit Werten unter 5%. Typisch weiblich dominierte Arbeitsfelder sind beispielsweise Pflegeberufe wie Altenpfleger*innen oder Krankenpfleger*innen, die nicht umsonst lange Zeit als Krankenschwestern bezeichnet wurden. Auch in diesen Berufen wird Sorgearbeit verrichtet; sie müssen jedoch von der vorherigen Analyse ausgenommen werden, da es sich dabei um bezahlte Sorgearbeit handelt. Nichtsdestotrotz ist der gesellschaftlich zugesprochene Wert dieser Tätigkeiten geringer, da auch der ökonomische Mehrwert dieser Arbeit geringer ist: Rein wirtschaftlich betrachtet schafft die Arbeit am Fließband Mehrwert, die Pflege alter Personen nicht.
Ist reproduktive Arbeit in Wirklichkeit produktiv?
Feministische Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen haben auf die Verbindung von Sexismus und Ausbeutung seit Langem hingewiesen und mit Kampagnen wie der „Wages for Housework“-Bewegung (dt. „Löhne für Hausarbeit“) der 1970er Jahre zum fundamentalen Nachdenken über die Rolle von Reproduktionsarbeit in kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen angeregt. In einer zentralen Schrift dieser Bewegung – „Aufstand aus der Küche“ von Silvia Federici – heißt es beispielsweise:
„Denn sobald wir unsere Köpfe von den Socken abwenden, die wir gerade flicken, und dem Essen, das wir gerade kochen, und auf unseren gesamten Arbeitstag blicken, dann sehen wir, dass wir zwar keinen Lohn bekommen, aber nichtsdestotrotz das wertvollste Produkt erschaffen, das am kapitalistischen Markt feilgeboten wird: Arbeitskraft. Hausarbeit ist viel mehr als Putzen. Sie beinhaltet, dem Lohnempfänger physisch, emotional und sexuell zu Diensten zu sein und dafür zur sorgen, dass er am nächsten Tag wieder fit zur Arbeit gehen kann. Sie beinhaltet, sich um die Kinder – die zukünftigen Arbeiter*innen – zu kümmern und sie von Geburt an zu unterstützen, sie durch die Schulzeit zu begleiteten und sicherzustellen, dass sie mal die Leistung erbringen werden, die im Kapitalismus von ihnen erwartet wird. Das bedeutet, das hinter jeder Fabrik, jeder Schule, jedem Büro und jedem Bergwerk die unsichtbare Arbeit von Millionen Frauen steckt, die ihr Leben und ihre Arbeit darauf verwendet haben, diese Arbeitskraft, die in den Fabriken, Schulen, Büros und Bergwerken arbeitet, zu produzieren.“
Diese Passage unterstreicht die enorme Relevanz, die weibliche Reproduktionsarbeit für die kapitalistische Produktionsweise hat. Doch sie tut noch viel mehr. Sie hebt den verborgenen Charakter dieser Arbeit hervor. Wie Federici schreibt, steckt die Arbeit der Millionen Frauen hinter den Fabriken und Schulen, hinter den Büros und Bergwerken. Dass der Lohn, der Lohnarbeitern gezahlt wird, diese diszipliniert, scheint recht naheliegend. Erscheint man nicht zur Arbeit oder arbeitet man schlecht, wird der Lohn gekürzt oder fällt weg. Doch dass ebenjener Lohn auch gerade die nicht entlohnte Arbeit – also die Reproduktionsarbeit – ordnet, ist schwerer ersichtlich. Diese Beziehung ist verschleiert, mystifiziert: „Die Frauenarbeit erscheint daher als persönliche Dienstleistung außerhalb des Kapitals.“ Doch das ist sie nicht: Produktive Arbeit im Sinne der von Marx vorgenommenen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft ist diejenige Arbeit, die für das Kapital einen Mehrwert produziert und dafür Lohn erhält. Diesen Mehrwert schafft Reproduktionsarbeit wie waschen, putzen oder kochen auf den ersten Blick nicht. Auf den zweiten Blick befreit sie jedoch den Lohnarbeiter von genau diesen Arbeiten, sodass dieser mehr Zeit auf produktive Lohnarbeit im klassischen Sinn verwenden kann. Gesamtgesellschaftlich trägt die weiblich assoziierte Hausarbeit also zum geschaffenen Mehrwert einer Gesellschaft bei und ist somit produktiv. Der Unterschied ist nur, dass sich das Kapital den Wert der reproduktiven Arbeit kostenlos aneignet, während es die produktive Arbeit entlohnt. Daher ist reproduktive Arbeit den kapitalistischen Strukturen und Zwängen genauso unterworfen wie „produktive“ Lohnarbeit, nur auf verschleierte Art und Weise.
Fazit.
Eine Betonung des produktiven Charakters von Reproduktionsarbeit ist von zentraler Relevanz, um die gesellschaftliche Wahrnehmung dieser oft unsichtbar gemachten Sphäre von Arbeit zu erhöhen und dem Primat von Lohnarbeit entgegenzuwirken. Bei all der Bedeutung dieser Verbindung von Geschlecht und Arbeit darf aber nicht vergessen werden, dass die Analyse vergeschlechtlichter Arbeitsteilung Gefahr laufen kann, eine binäre Frau-Mann-Schablone auf gesellschaftliche (Re-)produktionsverhältnisse anzulegen. Nicht-binäre Geschlechtsidentitäten erfahren in vielen dieser Debatten nicht genügend Beachtung. Daher kann und muss vergeschlechtlichte Arbeitsteilung noch weitergedacht werden, um emanzipatorischen und nicht-diskriminierenden Verständnissen von Geschlecht und Gender gerecht zu werden.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
- Grafiken und Fakten zu vergeschlechtlichter Arbeitsteilung vom Momentum Institut.
- SILVIA FEDERICI „Counter-planning from the kitchen” (dt. Aufstand aus der Küche) 1975.
- Berechnung des Gender Care Gap durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Deutschland).
- MARIAROSA DALLA COSTA „Die Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“, in: „Internationale Marxistische Diskussion“ Teil 36, 1973.
- FRIGGA HAUG „Feministisch arbeiten mit Marx“, in: UTOPIE kreativ, Sonderheft zur PDS-Programmdiskussion 2000, S. 140-152.
- Podcast „Wohlstand für Alle“, Episode 182: Der Gender Pay Gap – wieso Frauen weniger verdienen.
- Podcast „Wohlstand für Alle“, Episode 191: Braucht der Kapitalismus das Patriarchat?
- Podcast „Wohlstand für Alle“, Episode 199: Wieso Lohn für Hausarbeit eine schlechte Idee ist.
Titelbild © Desola Lanre-Ologun, unsplash