Photo © Jenny Olaya-Pleickner, LEFÖ

NGOs in der Krise: Migrant*innenberatung.

Wie gehen zivilgesellschaftliche Selbstorganisationen mit finanzieller Unsicherheit um? Ein Vortrag der Veranstaltungsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGBP) gab Einblicke in die Existenzkämpfe der Organisation LEFÖ (Lateinamerikanische exilierte Frauen in Österreich), die Migrant*innen in Österreich berät, betreut und begleitet.

Am 20. November 2019 fand der dritte Termin der Veranstaltungsreihe „NGOs und Selbstorganisationen im Umbruch – Auswirkungen auf die politische Erwachsenenbildung“ im Depot statt. Elisabeth Harrasser, langjährige Mitarbeiterin der feministisch-migrantischen Selbstorganisation LEFÖ auf Team-, Unterrichts- und Leitungsebene, gab dabei einen Überblick über die historische Entwicklung von LEFÖ, machte Krisen sichtbar und erläuterte Lösungsansätze und Erfolge.

Arbeitsbereiche und Inhalte.

Die von LEFÖ angebotenen Leistungen umfassen eine Beratungsstelle für lateinamerikanische Frauen*, ein Lernzentrum für Migrant*innen, Informations-, Beratungs- und Gesundheitspräventionsarbeit für Migrant*innen in der Sexarbeit, eine Interventionsstelle für Betroffene von Frauen*handel sowie den Bereich für Öffentlichkeits-, Sensibilisierungs- und Lobbyingarbeit. Darüber hinaus ist LEFÖ bemüht um Erfahrungsaustausch und Wissensvermittlung mit und an Multiplikator*innen. Im Rahmen dessen werden Fortbildungen und Workshops für verschiedene Einrichtungen, Institutionen und Organisationen, aber auch für Lehrende, Studierende und Interessierte angeboten.

Aus der Krise entstanden.

Seit der Entstehung LEFÖs in einer Notsituation, hätten Krisen, deren Lösung und Transformationen, den Verein begleitet, so Harrasser. Als in den 70er Jahren Frauen* aus ehemaligen lateinamerikanischen Diktaturen nach Österreich flüchteten, fanden sie keinerlei Angebote, die sie in ihrer neuen, ungewohnten und oft auch schwierigen Situation unterstützt hätten oder wo sie Anschluss gefunden hätten. Kurzerhand nahmen die Frauen* ihre „individuellen Krisen“ zum Anlass und gründeten 1985 ihren eigenen Verein: LEFÖ war geboren.

Erste Transformationen.

Was vorerst als Selbsthilfeprojekt angedacht war, nahm bald größere Ausmaße an. Bereits ein Jahr später, 1986, boten die Gründerinnen ein erstes Kursprojekt für lateinamerikanische Frauen* an. Im Zuge der ‚Aktion 8000‘, einem Programm zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit durch die Schaffung von 8000 Jobs in Gemeinden oder gemeinnützigen Organisationen, entstanden drei einjährige Anstellungen für LEFÖ-Mitarbeiterinnen, die 1987 um ein halbes Jahr verlängert wurden. Auch fanden zu dieser Zeit die ersten interkulturellen Deutschstunden und Alphabetisierung statt, sowie Vernetzung mit anderen Migrant*innenorganisationen und immer wieder kulturelle Aktivitäten im Kommunikationszentrum, dem zentralen Begegnungsraum für Frauen*. 1989 erschien außerdem erstmals die Vereinszeitschrift „Lefita“.

Professionalisierung und Vernetzung.

Mitte der 90er Jahre kam es zu europaweiter Vernetzung und Professionalisierung. 1994 baute LEFÖ einen eigenen Arbeitsbereich zu Frauenhandel auf und reichte das erste Projekt zu diesem Thema auf EU-Ebene ein, das erfolgreich finanziert wurde. Mit diesen Mitteln wurde ein eigener Arbeitsbereich für Öffentlichkeitsarbeit geschaffen und Inhalte differenzierter und expliziter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Außerdem arbeitete LEFÖ bei der UN Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 an einem konkreten Aktionsplan gegen Frauenhandel mit.

Auf und ab.

Nach der EU-Förderung kam es aufgrund einer bundesweiten Budgetkonsolidierung zu einem Einbruch der nationalen Förderungen.
Aufgrund der beharrlichen Verhandlungspraxis erhielt LEFÖ für die kommenden Jahre Art Basisfinanzierung des Frauenministeriums und des Frauenservice Wien (MA 57). Die nächste budgetäre Notsituation 2005 konnte durch eine starke Vernetzung überstanden werden. 2006 folgte die Öffnung des Lernzentrums für Frauen* aus aller Welt, welches bis heute ein umfassendes Basisbildungsangebot von Schreiben und Lesen auf unterschiedlichen Niveaus bis hin zu digitaler Kompetenz für Frauen aus bildungsbenachteiligten Milieus bietet.

Harrassers Fazit: Notsituationen und Hürden kommen immer wieder vor. Errungenschaften müssen erkämpft werden. Und die Existenz zivilgesellschaftlicher Selbstorganisationen ist oftmals nicht langfristig abgesichert. Doch die damit einhergehende Wachheit und Sensibilität für rechtliche, politische und finanzielle Möglichkeiten sowie Transformationen formen diese Organisationen mit zu dem, was sie sind.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Photo © Jenny Olaya-Pleickner, LEFÖ.

Weiterführende Links:

LEFÖ
Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Genderungerechtigkeit, Themen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.