Frauen im globalen Ernährungssystem.
Weltweit haben Frauen eine tragende Rolle in der Erzeugung und Produktion von Lebensmitteln. Gleichzeitig sind sie mit 60 Prozent die größte Gruppe aller Menschen, die an Mangelernährung leiden. Ihr Zugang zu gesunden und vielfältigen Lebensmitteln und ihr Recht auf Nahrung sind stark eingeschränkt, besonders im ländlichen Raum. Dass Frauen den Großteil der Nahrungsmittel anbauen und verarbeiten, jedoch nicht konsumieren können, ist zentral für die Diskriminierung von Frauen im patriarchal geprägten Ernährungssystem.
Landwirtschaft in Frauenhand.
Dieses Kernproblem wurde bei der Veranstaltung „Landwirtschaft in Frauenhand: Agrarökologische Alternativen für das Recht auf Nahrung“, am 13. November 2018 in Wien, thematisiert. Über 25 Interessierte folgten der Einladung der internationalen Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung FIAN Österreich, Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung (kfb) und WIDE Österreich – Women in Development Europe (dt.: Frauen in Entwicklung Europa). Der Themenabend fand im Rahmen des Projektes „Mit Menschenrechten gegen Mangelernährung“ statt, welches von der Austrian Development Agency (ADA, dt: österreichische Agentur für Entwicklung) finanziert wird.
Perspektiven aus El Salvador.
Gastrednerin Alina Menjivar schilderte einleitend ihre Tätigkeiten für die Rechte von Frauen im Landwirtschaftssektor in El Salvador. Sie arbeitet als Projektkoordinatorin bei La Colectiva (dt.: Das Kollektiv), einer feministischen Organisation, die agrarökologische Frauenprojekte fördert. Agrarökologie versteht Landwirtschaft umfassend und nachhaltig und bezieht soziale, ethische und entwicklungsbezogene Aspekte und die Umwelt mit ein. In El Salvador sind lediglich 14 Prozent des Bodens rechtlich in Besitz von Frauen, so Menjivar. Somit sind sie in Anbau und Verarbeitung von Männern abhängig. Daraus entsteht ein weltweiter Kreislauf aus fehlenden Mitteln und fehlendem Zugang für die Hungerbekämpfung. Dieses Ungleichgewicht möchte La Colectiva beenden.
La Colectiva – von Frauen für Frauen.
Den Weg zur Geschlechtergerechtigkeit sieht Projektkoordinatorin Menjivar vor allem in der Anerkennung und Teilhabe von Frauen. Bereits 80 Frauen werden durch Bio-Kleingärten auf dem eigenen Grund und Förderung der Selbsterzeugung für eine vielfältige Nahrung unterstützt. Nachhaltige Produktion stärkt Menschen auf individueller Ebene und das gesamte Ökosystem, so die Aktivistin. Sie erklärt, dass die feministische Organisation versucht, auch Frauen für das Thema zu gewinnen, die an strategisch wichtigen Machtpositionen in Politik und Wirtschaft sitzen. Gemeinsam würde versucht, die Situation von Frauen in der Landwirtschaft zu verbessern und das auch in den Gesetzen des Landes zu verankern.
Landwirtschaft in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit.
Den Auftakt am Podium gab Maria-Waltraud Rabitsch, Fachreferentin für Ländliche Entwicklung der ADA. „Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit fördert vor allem traditionelle Landwirtschaft, die im Normalfall ökologisch ist und auf unbehandeltem Land stattfindet“, so Rabitsch. Ähnlich wie Menjivar sieht Rabitsch kleine Hausgärten als effektive Maßnahme für eine Vielfalt gesunder Nahrungsmittel. Eine besondere Herausforderung sieht die ADA-Vertreterin in der Verhaltensänderung der Menschen, die von der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit profitieren sollen. Dass Frauen und Mädchen in vielen Kulturen das Essen zubereiten, jedoch erst nach den männlichen Familienmitgliedern konsumieren, sieht sie als diskriminierende Tradition.
Österreichische Politik für europäische Höfe.
Laut Michaela Schwaiger, Leiterin der Abteilung Agrarpolitik, Datenmanagement und Weiterbildungen im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT), ist ein Strukturwandel in der europäischen Landwirtschaft unaufhaltbar. Teilhabe am wirtschaftlichen Wettbewerb sehe sie als ein Recht von Bäuerinnen und Bauern.
Gekontert wurde diese Aussage von Irmi Salzer, Referentin für Agrarpolitik des österreichischen Abgeordneten zum Europäischen Parlament und Biobäuerin im Burgenland, die erklärte, dass der Strukturwandel durch die europäische Politik nicht im notwendigen Maße geschwächt werde und landwirtschaftliche Betriebe weiterhin zunehmend schließen müssen. Sie forderte eine gemeinsame, europäische Politik für die Landwirtschaft.
Geschlechtergerechtigkeit in der Agrarpolitik.
Auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit wurde angeregt diskutiert. Schwaiger erklärte, dass das BMNT durch geschlechteraggregierte Daten feststellen konnte, dass Kinderbetreuung ein schwieriges Problem für Bäuerinnen darstellt. Das Agrarbudget und das politische Programm stehe jedoch bis 2021 fest und ließe sich leider nur alle sieben Jahre ändern, erklärte die Sachreferentin. Sie hoffe mit 2028 auf eine Besserung für Frauen im österreichischen Agrarsektor.
Welche Form der Landwirtschaft fördern?
Salzer zeigt sich kritisch und erklärte, dass seit langem bekannt sei, dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gefördert werden müssen. Auch aus dem Publikum werden Stimmen laut, die kritisieren, welche Form der Landwirtschaft gefördert und inwieweit das Weltwirtschaftssystem damit untermauert würde. Auch durch Menjivar und Rabitsch wurden Forderungen nach agrarökologischen Lösungen für eine geschlechtergerechte globale Landwirtschaft laut. Die drei einladenden Organisationen setzen sich in ihren Programmen für agrarökologische Maßnahmen weltweit ein und brachten mit dem Themenabend sehr kontroverse Meinungen zur globalen Landwirtschaft an einen Tisch.
Die Autorin arbeitet im Bertalanffy Center for the Study of Systems Science und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– ADA-finanzierte Publikation „Frauen als Protagonistinnen im Kampf gegen Mangel und Hunger“
Fotos: Marina Noemi Noack © Paulo Freire Zentrum