„Geschichte wird auch durch gewöhnliche Menschen geschrieben“, ist eine der ersten Aussagen, die der Dokumentarfilm Amuka von Antonio Spanò an seine Zusehenden richtet. Der Film beschäftigt sich mit den Realitäten von Kleinbäuer*innen in der Demokratischen Republik Kongo und begleitet dabei mehrere Personen, die durch die Produktion von Milch, Palmöl, Kaffee oder Reis ihren Lebensunterhalt verdienen. Dabei macht er auf Herausforderungen und globale Ungleichheiten aufmerksam, aber auch auf Chancen zu Veränderung. Die Handlungsmacht liegt hierbei bei „gewöhnlichen“ Menschen, die sich aktiv für eine Veränderung einsetzen. Amuka feierte im Rahmen der 12.Filmtage zum Recht auf Nahrung Hunger.Macht.Profite am 13.10. im Top Kino in Wien seine Österreich-Premiere und wird bis Ende November noch an weiteren Spielorten in den Bundesländern gezeigt. Im Anschluss fand eine Diskussion mit Johannes Knierzinger vom Institut für internationale Entwicklung und Franziskus Forster von ÖBV Via Campesina statt, welche von Lukas Schmidt (FIAN Österreich) moderiert wurde.
Von historischen Krisen geprägt.
Der Film zeigt die Problematiken im Kongo, wie etwa Korruption, fehlende Infrastruktur und lokale und globale Preispolitik, aus der Perspektive derjenigen, die sie selbst erfahren. Die Situationen werden sowohl durch die Begleitung der betroffenen Kleinbäuer*innen in ihrem Alltag, als auch durch das direkte zu Wortkommen dieser dargestellt. Ohne den übermäßigen Einsatz von Musik oder eine besondere Skandalisierung der Ereignisse, vermittelt der Film die Lebensrealitäten der Kleinbäuer*innen im Kongo. Dabei gelingt es dem Film auf nüchterne Weise das Gewicht von seit Jahrhunderten gewachsenen Problemen zu verdeutlichen.
Siebzig Prozent der Bevölkerung im Kongo sind Kleinbäuer*innen. Alleine durch ihre Produktion könnte fast die Hälfte der Weltbevölkerung ernährt werden. Trotzdem hungern dreizehn Millionen Menschen im Kongo. Die Kleinbäuer*innen, die im Film zu Wort kommen, berichten an mehreren Stellen davon, welche Auswirkungen das politische System im Kongo auf ihr Leben hat. Vor den Wahlen machten die Politiker viele Versprechen. Sie würden die Infrastruktur des Landes verbessern und sich für das Wohlergehen der Bevölkerung einsetzen. Nach den Wahlen sind allerdings weder die politischen Entscheidungsträger für ebendiese Bevölkerung sichtbar noch deren Entscheidungen spürbar. Auch sind etwa die Straßen weiterhin in so schlechtem Zustand, dass der Transport von Waren erheblich erschwert wird. Die Steuern, die die Bevölkerung zahlt, werden zu Gunsten der politischen Entscheidungsträger selbst eingesetzt, anstatt Verbesserungen für alle Menschen zu initiieren.
Diese Probleme sind nicht in luftleerem Raum entstanden. Der Film gibt zu Beginn einen Überblick über die politische Situation im Kongo seit der Unabhängigkeitserklärung 1960. Nach der Ermordung des Premierministers Lumumba, der ein Hoffnungsträger für den Aufbau eines demokratischen politischen Systems im Kongo war, übernimmt nur wenige Monate später der von Belgien und den USA unterstützte Mobutu die Macht und etabliert eine Diktatur. wobei die Absetzung und Ermordung Lumumbas auch auf Bestreben des US-Präsidenten und des belgischen Königs hin erfolgte. Durch das Regime von Mobutu wird das Land unter den politischen Entscheidungsträgern aufgeteilt und Korruption gehört zum Alltag. 1997 kommt L. D. Kabila an die Macht, und Kriege prägen die folgenden Jahre, was auch die Zerstörung der ohnehin schwachen sozio-ökonomischen Struktur des Landes zur Folge hat. Außerdem halten bewaffnete Konflikte darüber hinaus an. Unter diesen Bedingungen leben die Kleinbäuer*innen, die der Film begleitet, heute. Sie sprechen von der Wut und den Sorgen, die mit dieser Situation verbunden sind. Ihre Leben und die ihrer Familien sind alleine von der Produktion bestimmter Waren abhängig und davon, wie gut sie ihre Produkte verkaufen können. Doch das politische System innerhalb des Landes ist nicht der einzige Faktor, der die Lebensbedingungen der Kleinbäuer*innen beeinflusst.
Der Kampf um die Preise.
Beim Verkauf der Produkte bildet der Film vor allem zwei Herausforderungen ab. Die Dynamik zwischen Kleinbäuer*innen und Zwischenhändler*innen und die Rolle des globalen Nordens. Wenn die Kleinbäuer*innen ihre Produkte verkaufen, müssen sie hart mit den Zwischenhändler*innen um den Preis verhandeln, denn letztere sind auf einen niedrigeren Preis angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das liegt auch daran, dass die Waren im Globalen Norden so billig verkauft werden. Der Verkauf auf lokalen Märkten ist auch nur eingeschränkt möglich, da auch Produkte aus anderen Ländern importiert werden, was die Nachfrage nach lokal produzierten Lebensmitteln schwächt. Auch wenn die Kleinbäuer*innen den beschwerlichen Weg in eine größere Stadt auf sich nehmen, um ihre Produkte zu verkaufen, finden sie dort nur niedrige Preise vor, mit denen sich kaum Gewinne erzielen lassen. Das Einkommen der Kleinbäuer*innen steht somit in keinem Verhältnis zu dem Aufwand und der körperlichen Anstrengung, die mit ihrer Arbeit verbunden sind. Hinzu kommt noch die Gefährdung durch Arbeitsunfälle oder Krankheit, gegen die sie auch nicht versichert sind.
Der Film zeigt am Rand auch geschlechterspezifische Ungleichheiten auf. Die Palmölproduzentinnen* Chantal und Colette erzählen beispielsweise davon, dass die Verantwortung für die Versorgung des Haushalts in ihrem Dorf vor allem auf die Frauen* ausgelagert wird. Gleichzeitig wird ihre Arbeit aber oft weniger hoch angesehen, und wenn Männer* die Frauen* bei ihren Arbeiten unterstützen, werden sie dafür von der Gesellschaft verhöhnt.
Die Handlungsmacht von „gewöhnlichen“ Menschen.
Nicht zuletzt sprechen die Kleinbäuer*innen aber auch von Chancen zur Verbesserung. Der Reisproduzent* Biaba ist überzeugt davon, dass die Kleinbäuer*innen im Kongo die Bevölkerung ernähren und Wohlstand für das Land erwirken könnten. Damit das gelingen kann, ist es notwendig, dass sich die vielen kleinen Produzent*innen zusammenschließen und gegenseitig unterstützen. Bereits jetzt organisieren sie sich zunehmend in Kooperativen, kaufen gemeinsam mit anderen Kleinbäuer*innen Land, oder verkaufen ihre Waren gemeinschaftlich, um eine bessere Verhandlungsposition zu erzielen. Der Film schließt mit den Worten „Jedes Erwachen ist eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden“ und erinnert die Zusehenden damit daran, dass Veränderungen oft aus den kleinen Schritten „gewöhnlicher“ Menschen hervorgehen.
Dikussion: Die Verantwortung des Globalen Norden.
Der Film erinnert auch eindrücklich an die Verantwortung des Globalen Nordens. Dessen Rolle wird auf subtile Weise durch den Alltag der Kleinbäuer*innen und deren Aussagen sichtbar. Dieser Aspekt wurde auch in der anschließenden Diskussion zum Thema. Der globale Norden hat die historisch gewachsenen Krisen, die heute noch den Kongo betreffen, überhaupt erst hervorgebracht. Vor der Kolonialherrschaft und der damit einhergehenden Sklaverei war der Kongo ein wohlhabendes Land und auch nach der Unabhängigkeit setzten reiche Staaten wie Belgien oder die USA ihre wirtschaftlichen Interessen weiterhin mit Gewalt durch. Außerdem zwingt die Preispolitik im globalen Norden Kleinbäuer*innen dazu, miteinander in Konkurrenz zu treten, anstatt sich zu organisieren. Der globale Norden ist auf diese Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse angewiesen, um billig konsumieren zu können. Es sind Kleinbäuer*innen auf der ganzen Welt, die uns ernähren, und trotzdem keinen angemessenen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Doch eine Veränderung des Konsumverhaltens der Menschen im globalen Norden alleine wird die Situation nicht grundlegend verbessern. Aus der Diskussion geht hervor, dass es wichtig ist, dass Länder auch für den eigenen Bedarf produzieren. Darüber hinaus muss das globale Wirtschaftssystem neu gedacht werden, indem Ernährung nicht als Mittel zur Profitsteigerung, sondern als Menschenrecht verstanden wird.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
FIAN Österreich zeigt im Rahmen der Filmtage Hunger.Macht.Profite noch bis November 2023 Amuka und drei andere Filme zum Thema Ernährung und globale Landwirtschaft in Oberösterreich,Tirol und der Steiermark. https://www.hungermachtprofite.at/