Eine Frage, die oft lapidar in den Raum gestellt wird und dabei ein strukturelles Gesellschaftsproblem verkennt: Femizide und im Speziellen Intimizide. Im Jahr 2020 wurden laut einer UN-Erhebung rund 47.000 Frauen und Mädchen weltweit aufgrund ihres Geschlechts ermordet. Im Durchschnitt ist das eine Frau oder ein Mädchen alle 11 Minuten.
Oft sind Frauen* betroffen, die in toxischen Beziehungen steck(t)en und häufig schon verstanden hatten, dass sie sich daraus befreien sollten, aber nicht immer wussten, wie. Zu oft war es dann zu spät.
Yvonne Widler präsentierte am 20. Oktober in der Fachbuchhandlung des ÖGB ihr im September erschienenes Buch „Heimat bist du toter Töchter. Warum Männer Frauen ermorden – und wir nicht mehr wegsehen dürfen“. Auf eine eloquente und fundierte Art legte sie in einem Dialog mit Lisa Sinowatz das Ausmaß sowie die Abgründe des Femizids und insbesondere des Intimizids in unserer Gesellschaft dar.
Buchpräsentation.
Zu Beginn der Buchpräsentation waren genau fünf Männer anwesend. Die große Mehrheit der Besucher*innen waren Frauen. Einer der Männer hatte die Leitung der Fachbuchhandlung inne und machte bei der Begrüßung darauf aufmerksam, dass die Präsentation letztendlich aufgrund von Drängen aus den eigenen Reihen stattgefunden hätte. Die ersten Reaktionen, die in Bezug auf die geplante Veranstaltung gefallen seien, hätten sich fast ausschließlich auf die Herkunft der Täter bezogen. Reaktionen, die in erster Linie vom eigentlichen Thema ablenken. Denn den Veranstalter*innen ginge es um die Sensibilisierung für Femizide als ein Problem, das patriarchale Gesellschaften generell betrifft und sich nicht nur auf eine Beziehung oder die Täterherkunft beschränkt.
Lisa Sinowatz übernahm anschließend die Moderation und stellte Yvonne Widler vor, die sich als Journalistin auf gesellschaftskritische Reportagen spezialisiert hat. Ihr kürzlich erschienenes Buch deckt in sechs Kapiteln strukturelle Probleme der österreichischen Gesellschaft auf.
Femizide und Intimizide.
Yvonne Widler beschränkt sich in ihrem Buch auf Intimizide, die den Großteil, über 80 %, der Femizide ausmachen. Es ist von einem Intimizid die Rede, wenn der Partner oder Ex-Partner mordet. Aber: „Es ist nicht einfach nur ein Mord“. In den seltensten Fällen werde aus Affekt gehandelt. Die Tat würde dennoch oft heruntergespielt werden, um eine Strafmilderung zu erlangen. Jedoch sieht die Wahrheit meistens anders aus. Denn Intimizide seien oft geplant und von Rachegedanken geleitet. Sie gleichen vielmehr einer Hinrichtung, die durch ein sogenanntes Übertöten gekennzeichnet ist. Der ermordeten Frau* wurde offensichtlich mehr Gewalt zugefügt, als für die eigentliche Tötung notwendig gewesen wäre.
Femizide hingegen umfassen ein breiteres Spektrum von Gewalttaten an Frauen*. In der Vienna Declaration on Femicide, die am 26. November 2012 im Rahmen eines Symposiums im Wiener UN-Büro verabschiedet wurde, sind Kriterien definiert, die einen Frauenmord zum Femizid machen. Ganz oben auf der Liste stehen die Morde durch den Partner oder Ex-Partner. Darüber hinaus gelten weiblicher Kindsmord und die Abtreibung weiblicher Babys oder Föten aufgrund ihres Geschlechts als Femizide. Beim Durchlesen der Deklaration wird einem die Dimension des Begriffs vor Augen geführt und es wird schnell klar, dass Femizid ein globales Verbrechen ist.
Die Datenlage.
Das Bewusstsein, dass Femizide eine der vielen negativen Auswirkungen des Patriarchats sind, ist jedoch nicht in allen Gesellschaften gleichermaßen vorhanden. In Österreich hat sich das Thema erst in den letzten Jahren aufgrund des Engagements feministischer Organisationen in der Wissenschaft etabliert. Auf die Agenda der politischen Entscheidungsträger*innen ist es auch nur durch den Druck von Vertreter*innen der Zivilgesellschaft gelangt, die im Jahr 2021 nach mehr als 30 Femiziden vehement einen bundesweiten Gewaltschutzgipfel einforderten. Im Rahmen dieses Gipfels, der schlussendlich am 23. November 2021 stattfand, präsentierte die damalige Frauenministerin Susanne Raab die Ergebnisse der neuesten Studie zu Tötungen an Frauen. Dabei wurden Morde und Mordversuche an Frauen in den vergangenen elf Jahren (von 2010 bis 2020) untersucht. Laut der Studie gab es in diesem Zeitraum 319 Morde und 458 Mordversuche in Österreich. Auf diese erste quantitative Übersicht soll eine weitere Auswertung der Gerichtsakten von 2016 bis 2020 erfolgen. Es steht zu hoffen, dass sie noch dieses Jahr abgeschlossen wird.
Immer dieselben Motive.
Was man dennoch heute schon weiß, ist, dass hinter den Morden immer dieselben Motive stehen. Ein wiederkehrender Erklärungsversuch und zugleich Trugschluss beziehe sich dabei auf die Täterherkunft, so Yvonne Widler. Es sei gewiss nicht verkehrt, sich mit der Herkunft zu beschäftigen, jedoch seien die Morde oder Mordversuche nicht darauf zurückzuführen. Denn wie Yvonne Widler betonte, hätten laut der angeführten Studie nur 33 Prozent der Täter eine ausländische Staatsbürgerschaft, was die Präsenz patriarchaler Denkmuster in der österreichischen Gesellschaft unterstreicht. In jedem einzelnen Fall seien die Motive von Besitzdenken, Eifersucht und Kontrolle gekennzeichnet. Die Annahme, dass Frauen weniger wert als Männer seien, was bis hin zur Misogynie (abgrundtiefer Frauenhass) führen kann, spiele dabei eine besondere Rolle.
Die Rolle der Medien und Berichtserstattung.
Yvonne Widler kritisierte auch die in der medialen Berichterstattung immer wieder verwendeten, verharmlosenden Schlagzeilen, vor allem in den Boulevard-Medien. Über eine junge Frau, die in Wien eine Trafik führte und dort von ihrem Partner auf brutalste Weise ermordet worden war, wurden Schlagzeilen wie „Frau mit Benzin übergossen und angezündet“ veröffentlicht. „Eifersuchtstat“, „Familiendrama“ oder „Ehetragödie“ sind weitere Formulierungen, die im Grunde kaschieren, dass es sich bei der Tat um einen brutalen Mord an einer Frau* handelt. Damit finde häufig eine Täter-Opfer-Umkehr statt, die die Schuld für den Mord beim Opfer sucht.
Die Autorin erhielt im Rahmen der Recherche für ihr Buch einige Interviewabsagen von Angehörigen der Ermordeten. In den meisten Fällen sei der Grund dafür jedoch nicht „nur“ der wiederaufkeimende Trauerschmerz gewesen. Vielmehr war die Absage häufig darauf zurückzuführen, dass Medienberichte unsensibel in Bezug auf die Angehörigen verfasst und gleichzeitig der dahintersteckenden Thematik nicht gerecht wurden.
Wichtig sei es daher, sich immer selbst zu fragen, „wie würde es den Leuten [Angehörigen] gehen, wenn sie das lesen?“ und nicht die Tätersicht zu übernehmen. Denn es gehe nicht nur um einen Mord, sondern um Angehörige, die gemordet haben.
Zum Hintergrund von Tätern und Opfern.
Die Tätergruppe entspreche auf der Grundlage von Yvonne Widlers Recherchen bei Gerichtsverhandlungen dem Rollenbild der toxischen Männlichkeit. Eine Bestrafung erscheine in diesem Männlichkeitsverständnis als angemessen, wenn sich die Frau gegen den Mann wendet. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung sei ein weiteres Indiz für die Tätergruppe und deren Gräueltaten. Bei einigen sei die Tat jedoch nicht zu erwarten gewesen. Die Opfergruppe hingegen sei häufig in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Gewalt als normal erlebt wurde. Die Dynamik in den Beziehungen sei nicht auf ein Problemfeld oder einen einzigen Konflikt zurückzuführen, aber oft werde an der Frau der Frust abgeladen. Wenn es auf der Arbeit zu Konflikten mit dem Chef kommt, dann werde nicht der Chef, sondern die Frau geschlagen.
Die Forderung nach Bewusstseinsbildung.
Wie bereits erwähnt, sind die Motive immer die gleichen. Aus diesem Grund sieht Yvonne Widler die Gesellschaft im Zugzwang, da es sich bei den Taten nicht um Affektmorde handle. Bewusstseinsbildung sei hier ein erster Schritt, sich dem Problem der Femizide und insbesondere der Intimizide zu stellen. In diesem Zusammenhang misst sie der Verwendung von aktiven Formulierungen einen großen Wert bei: etwa indem sie schreibt „Mann hat seine Frau erschlagen“ statt „Frau wurde von ihrem Mann erschlagen“. In Spanien werde dieser Thematik als strukturelles Gesellschaftsproblem bei Weitem mehr Aufmerksamkeit geschenkt und Kinder werden bereits in der Schule über femicidios aufgeklärt. So könne in einigen Bereichen etwas zur Stärkung des Bewusstseins über die schwerwiegende Problematik getan werden. Eine verantwortungsbewusste mediale Berichtserstattung, finanzielle Mittel und vor allem die Erziehung und Aufklärung über Femizide sowie patriarchales Denken sind unerlässlich, um systemische Gewalt an Frauen* endlich zu beenden.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Infos:
Hilfsstellen:
Bundesweite Frauenhelpline: 0800 222 555
Opfernotruf Weißer Ring: 0800 112 112
Wiener Interventionsstelle: 01 585 32 88
Frauen- und Mädchenberatungsstellen in Österreich:
www.netzwerk-frauenberatung.at
Notruf der Wiener Frauenhäuser: 05 77 22
Krisentelefon für Männer: 0800 400 777
Männerinfo-Telefon: 0720 704 400
Helpchat: www.haltdergewalt.at
Beratung Sexuelle Gewalt: www.sexuellegewalt.at
Polizei-Notruf: 133, Euro-Notruf: 112
Stiller Notruf: via Smartphone-App DEC112
Notruf-SMS für Gehörlose an 0800 133 133
Der VFR Verlag für Rechtsjournalismus ordnet Femizide aus einer strafrechtlichen Perspektive ein. Hier geht es zum Ratgeber-Artikel.
Quellen:
United Nations Economic and Social Council. 2013. Statement submitted by the Academic Council on the United Nations System, a non-governmental organization in consultative status with the Economic and Social Council: Vienna Declaration on Femicide, E/CN.15/2013/NGO1, Wien.
United Nations, Office on Drugs and Crime. 2020. Killings of women and girls by their intimate partner or other family members Global estimates 2020.
Titelbild © Viola Auth