Feminismus in Indien: Gouvernementalität und das Selbst im neoliberalen Zeitalter.

Indien war kürzlich vor allem wegen der verheerenden Auswirkungen des Klimawandels im Fokus der internationalen Medienberichterstattung. Dabei wären jedoch auch die Frauen- und LGBTQI+-Bewegungen von hohem Interesse, da sie die unüberschaubare Diversität ihres Landes widerspiegeln. Im Rahmen der jährlichen Vorträge des Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien der University of Warwick stellte Srila Roy am 1. Juni 2022 ihr im Herbst erscheinendes Buch „Changing the Subject: Feminist and Queer Politics in Neoliberal India“ vor. Dabei beschäftigte sie sich mit dem sich verändernden Terrain der feministischen und queeren Politik in Indien im Zusammenhang mit der Liberalisierung der indischen Wirtschaft.

Feminismus in Indien: Eine Bestandsaufnahme.

Wie sieht der indische Feminismus konkret aus? Seit wann gibt es diesen? Und welchen Problemen und Herausforderungen muss er sich stellen?
Die indische Frauenbewegung, die vor allem in den 1990er Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich zog, umfasst kraftvolle kollektive Aktionen und Mobilisierungen von Frauengruppen in verschiedenen Formen und zu vielen Themen, etwa Preiserhöhungen, Landrechte, Gewalt, Gesundheit, Rechtsreformen, Kommunalismus oder Identitäten. Die Aktivitäten konzentrieren sich dabei sowohl auf Empowerment (dt.: Ermächtigung), als auch auf den Bereich „Entwicklung“. Die Aktionen der Bewegung wurden stark von indischen Feminismen und feministischer Wissenschaft beeinflusst, die sich wiederum durch ständige Interaktionen mit der Arbeit der Bewegung vor Ort konstituiert und weiterentwickelt haben. Roy betonte die Heterogenität der Bewegungen bezüglich ihrer Wurzeln – von losen feministischen Kollektiven und den Frauenflügeln linker politischer Parteien bis hin zu staatlich unterstützten, gemeindebasierten Organisationen sowie zivilgesellschaftlich finanzierten feministischen NGOs, die mit unterschiedlichen Ideologien, aber oft mit gleichgerichteten Strategien arbeiten würden. Wichtig sei es auch zu wissen, dass Frauenrechtsorganisationen in der Regel ein hybrides Modell verfolgten. Das bedeutet, dass sie sowohl autonom an ihrer eigenen Agenda als auch im Rahmen von Projekten mit Geber*innen und dem Staat arbeiten. Dabei fördern sie sowohl die praktischen als auch die strategischen Interessen von Frauen.

„NGOization“ und Kooptation.

Jedoch gibt es auch einige Herausforderungen für die Gender- und Frauenrechtsbewegung in Indien. Roy zufolge werde von unterschiedlichen Akteur*innen die Sorge geäußert, dass die Bewegung aufgrund der pluralen Problemstellungen entpolitisiert werde. Dieser Vorwurf spiegle sich auch in Debatten über die „NGOization“ und die Professionalisierung des feministischen Aktivismus wider, und tauche auch wegen der Vereinnahmung des Feminismus durch Staat und Medien immer wieder auf. Besonders mir der „NGOization“ und der damit einhergehenden Kooptation, die vor allem mit der Jahrtausendwende aufkamen, beschäftigt sich Roy. Bei der „NGOization“ handle es sich um den Prozess der Institutionalisierung, Professionalisierung, Entpolitisierung und Demobilisierung von Bewegungen, die für soziale und ökologische Veränderungen eintreten. NGOs seien außerdem zunehmend zu Kanälen für Entwicklungszusammenarbeit und zu direkten Empfängern derselben über monetäre Zuwendungen geworden. Bei der Kooptation handle es sich um die Vereinnahmung der Frauenbewegungen durch andere Akteur*innen. Durch die Verwendung des Begriffes versuchten laut Roy einige Feminist*innen aufzuzeigen, wie Feminismus immer mehr zum Mainstream werde und dadurch ebenso entpolitisiert werden könne.

Wie hat sich der indische Feminismus im Lichte des Neoliberalismus verändert?

Die oben genannten Herausforderungen bilden den Punkt, an dem Roys Buch ansetzt. Sie hat sich über zehn Jahre mit zwei unterschiedlichen Organisationen aus dem Blickwinkel der Veränderungen durch den zunehmenden Einfluss des Neoliberalismus beschäftigt. Roy meint, die wirtschaftliche Liberalisierung Indiens signalisiere nicht nur die Kooptation und Entpolitisierung der Kämpfe um Geschlecht und Sexualität, sondern verstärke auch deren Sichtbarkeit und Vitalisierung auf unerwartete Weise. Wenn die indische Frauenbewegung als Beleg für den erstgenannten Trend gelte, so sei die Entstehung eines neuen Terrains des Aktivismus um Sexualität – bestehend aus Sexarbeiter*innen und Queer-Politiker*innen – der andere. Außerdem deklariert sie, dass die Bedrohung durch Kooptation Personen dazu zwinge, sich mit der Frage „Wer sind eigentlich Feminist*innen?“ auseinanderzusetzen. Zusätzlich gab sie zu bedenken, dass es nicht den einen, „reinen Feminismus“ gebe, sondern dass dieser seit Anbeginn der Zeit von anderen Strömungen mitvereinnahmt werden würde.

In ihrem Buch argumentiert sie, dass Feminismus zum einen als Gouvernementalität immer schon in historische und aktuelle Machtverhältnisse verstrickt gewesen sei. Zum anderen könne er auch als ein Verhalten, im weitesten Sinne als eine Technologie, zur Neugestaltung des Selbst verstanden werden. Bei ersterem Argument bezieht sie sich auf Foucault, der unter Gouvernementalität die diversen Erscheinungen von Macht- und Herrschaftsformen versteht, die durch unterschiedliche Institutionen und Akteur*innen aufrechterhalten werden und sich auf die unterschiedlichen Individuen eines Staates auswirken. Eins der wichtigsten Argumente Roys ist daher, dass Feminismus sowohl kooptiert werden, als auch als eine kreative und transformative Kraft in der Welt gelten könne. Die queer-feministische Gouvernmentalität offenbare eine tiefe und dynamische historische Architektur, die zwar in den globalen Neoliberalismus verstrickt ist, aber nicht auf diesen reduziert werden könne.

Governementalität und das Selbst.

Roy sieht also im Feminismus eine Gouvernementalität im staatlichen wie im privaten Sinne, die somit die Dualität von privater und öffentlicher Sphäre, welche von vielen Feminist*innen angeprangert wurde, überwinden könne. Als Gouvernementalität habe der Feminismus eine lange Geschichte in Indien – geprägt von mehreren, sogar widersprüchlichen Linien der Governance-Modelle. Der Feminismus würde aber von seinen eigenen historischen Ansprüchen der Reinheit verfolgt werden, gab Roy zu bedenken. Er produziere jedoch auch Subjekte, Subjektivität und Fürsorge für das Selbst. Letzteres sogar mehr als für Andere. Außerdem biete der Feminismus Ressourcen für persönliche Projekte der Selbstgestaltung und Transformation, welche jedoch nicht direkt ein Ort des Widerstands sein müssten. In seinen Funktionen als Gouvernementalität und Ressource für das Selbst gerät der Feminismus auch in Konflikt zu den verstärkten neoliberalen Tendenzen in Indien.

Fazit.

Die Forderungen nach stärkerem Widerstand, die schon durch Kooptation und „NGOization“ aufkamen, nähmen durch das Erstarken des Neoliberalismus weiter zu. Dies geschehe laut Roys Nachforschungen auch zu Recht. Sie nähmen in den Gender- und LGBTQI+-Bewegungen vermehrt überhand. Gleichzeitig empfänden viele Feminist*innen die Entlohnung und die geregelten Arbeitszeiten, die mit der „NGOizsation“ einhergehen, als positiv. Trotzdem sieht Roy in diesen Prozessen auch, dass der Staat sich vermehrt seiner Verantwortung entziehe. Genau deswegen sei es so wichtig, Feminismus als Governance-Modell anzuerkennen. Wie dies genau geschehen soll, steht jedoch noch offen. Die Ungewissheit, betonte Roy abschließend, sollte jedoch dem Stillstand vorgezogen werden.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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Veröffentlicht in Genderungerechtigkeit.