Was ist Feminismus und wofür lohnt es sich zu kämpfen? In der feministischen Bewegung stehen sich unterschiedliche Strömungen gegenüber – im besten Fall nebeneinander. Aber gerade in Zeiten starken rechtspopulistischen Drucks ist es umso wichtiger, miteinander ins Gespräch zu kommen, Allianzen zu bilden und das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen.
Mit dieser Motivation organisierte die Frauenhetz am 21. März 2023 eine Veranstaltung im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung. Am Podium diskutierten Flora Alvarado-Dupuy, Eva Geber, Ishraga Mustafa Hamid, Barbara Grubner, Hanna Hacker und Zoe* Steinsberger aus der Sicht unterschiedlicher feministischer Strömungen. Durch den spannenden und auch durchaus hitzigen Abend führte Fanny Rasul. Ist es überhaupt möglich, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen?
Den einen Feminismus gibt es nicht.
Zu Beginn des Abends blickte das Podium auf die unterschiedlichen Zugänge. Rasch wurde dem zahlreich erschienenen Publikum klar, wie breit gefächert Feminismus ist. „Für mich sind Geschlechterverhältnisse ganz stark verwoben mit kapitalistischen Prozessen der Ausbeutung“, verortet sich Zoe* im Transfeministischen Marxismus. Für Vertreter*innen dieser Strömung ist das Ende der patriarchalen Ausbeutung und der derzeitigen Geschlechterordnung nicht ohne das Ende des Kapitalismus denkbar. „Das was wir als biologisches Geschlecht bezeichnen, ist immer eingebettet in gesellschaftliche Machtverhältnisse und koloniale Unterwerfungen“.
Lücken im Antidiskriminierungsrecht überwinden.
Flora Alvarado-Dupuy sprach aus rechtlicher Perspektive. Die feministische Rechtswissenschaft hätte das Konzept von Intersektionalität mitentwickelt. Dass Betroffene verschiedenen Diskriminierungsformen ausgesetzt sind, solle rechtlich bekämpft werden können. „Wir wollen den größtmöglichen Schutz für Betroffene schaffen. Das bedeutet für uns, Lücken, die es im Recht gibt, zu überwinden“.
Psychoanalyse als Instrument.
Die klassische Psychoanalyse sieht sich oft mit feministischer Kritik konfrontiert, da sie etwa von zwei Geschlechtern als binären Polen ausgeht. Dennoch betonte Barbara Grubner: „Wir brauchen die Psychoanalyse heute ganz dringend für Fragen wie: Was ist Geschlecht, und warum hält sich die Geschlechterhierarchie so hartnäckig?“ Im Differenzfeminismus gehe es um ein Fehlen von Differenz in einer Gesellschaftsordnung, in der das männliche Subjekt eine vereinnahmende Position einnimmt. „Ich verstehe Feminismus mit Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, also wie eine Gesellschaft gebaut ist, sodass sie systematisch zur Benachteiligung von Frauen* führt“.
Ist Queerfeminismus nach wie vor umstritten?
Queerfeminismus – ein in der Vergangenheit kontroverser und viel kritisierter Begriff. Die Zweifel und Skepsis innerhalb der feministischen Bewegung seien groß gewesen, erzählte Hanna Hacker. Im Lauf der 1990er Jahre hätten sich diese dann jedoch langsam harmonisiert. Somit „haben queer feministische Zugänge es auf eine neue Weise ermöglicht, in Frage zu stellen, was Normativität, bezogen auf Sexualität und Geschlecht, ist“.
„Ich nehme dich wahr, wie du bist“.
Ishraga Mustafa Hamid brachte eine globale Perspektive in die Debatte ein. Sie wuchs im Sudan auf und hatte schon als Kind Berührungspunkte mit dem Feminismus. Im arabischen Raum sei Feminismus breit gefächert und werde unterschiedlich interpretiert, erzählte sie. „Für mich bedeutet Feminismus Solidarität, sich auszutauschen und über eigene Erfahrungen zu sprechen. Ich nehme dich wahr, wie du bist. Suchen wir zusammen nach unseren Gemeinsamkeiten.“ Frauen*, die Krieg erlebt haben, hätten ganz andere Positionierungen als jene, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Die Ausbeutung in „Nord“ und „Süd“ sei ganz unterschiedlich.
Es muss keine Abgrenzungen geben.
Auch Eva Geber äußerte sich klar gegen Abgrenzungen im Feminismus. „Ich verstehe unter Autonomem Feminismus eine Vielfalt von Meinungen. Wenn wir von Diversität reden, gibt es oft das Wort Differenz; doch verstehe ich gar nicht, wieso es Abgrenzungen geben muss. Die Freiheit jeder Person und ihrer Möglichkeiten ist das Wesentliche.“
Und im alltäglichen Handeln?
Im zweiten Teil des Abends ging es darum, wie die Feminist:innen am Podium ihre theoretischen Ansätze in ihrem alltäglichen Handeln umsetzen. Die Antwort: eine lange Schweigepause. Zoe* Steinsberger versuchte die Stille zu erklären: „Unsere Praxis ist in den letzten Jahren sehr in die Wissenschaftstätigkeit rein gegangen. Meine Praxis beschränkt sich stark auf die Fragen: Wie kann ich mit der Institution Universität in all ihren Ausschlüssen, Momente feministischer Solidarität leben?“
Intersektionalität in der Gesetzgebung verankern.
2018 hat der österreichische Verfassungsgerichtshof neben den Kategorien männlich* und weiblich* auch Geschlechtseinträge für intergeschlechtliche Personen zugelassen, erklärte Flora Alvarado-Dupuy. Das bedeutet in der Praxis, dass es für alle von Geschlechterdiskriminierung betroffenen Menschen Beratung geben sollte. Die Rechtstexte seien aber nach wie vor binär formuliert und gehörten erweitert. Gerade Frauen*, die Hijab tragen, sind von Diskriminierung stark betroffen. „Das sehen wir sehr kritisch und dafür setzen wir uns sehr stark ein, diese zu bekämpfen. Wir wollen den intersektionalen Ansatz in die Rechtspraxis umsetzen.“
Die Notwendigkeit, gemeinsam zu kämpfen.
Am Ende des Abends verwies Moderator*in Fanny Rasul auf aktuelle Entwicklungen. Weltweit steigt die Gewalt gegen FLINTA*. In Österreich kommt es zu immer mehr Femiziden. Rechtsextreme Parteien gewinnen überall an Zuspruch. Die Dauerkrise Kapitalismus produziert Armut am laufenden Band. Angesichts der konservativen und rechtsextremen Mobilisierung stellte sie die abschließende Frage: „Wo seht ihr die notwendige Solidarität und den gemeinsamen Kampf?“
Kraft symbolisieren.
„Wichtig ist, dass wir uns zusammenschließen und wissen, was wir bekämpfen müssen“, so Eva Geber. Es brauche an Kampftagen wie dem 8. März einen gemeinsamen Slogan, und einen Flyer, auf dem alle Frauen*gruppen repräsentiert sind. „Damit wir auf der Straße gesehen werden, müssen wir unbedingt zusammenstehen und Kraft symbolisieren. Das unendlich Wichtige ist, dass wir diese Stärke zusammenbringen und dass wir das zeigen“.
Das Gemeinsame vor dem Trennenden.
Trotz unterschiedlicher Ansichten wurde am Ende des Abends klar, dass es doch verbindende Gemeinsamkeiten gibt. Alle Diskutant*innen waren sich einig, dass die Fremdbestimmung von Geschlecht überwunden werden muss. Zudem wurde in der Diskussion mehrfach erwähnt, dass der Kampf gegen den Neoliberalismus von großer Bedeutung ist. Fakt ist: Emanzipatorische Kräfte müssen sich mit ganz bestimmten Zielen zusammenschließen, Bündnisse eingehen und auf gemeinsame Stärke setzen.
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Titelbild © unsplash, Miguel Bruna