Über 20 Autorinnen haben mit ihren persönlichen Erlebnissen zu dem Sammelband beigetragen. Ihr Ziel sei es gewesen, Meilensteine in der Geschichte des feministischen Aktivismus in Österreich nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Damit soll ein Zeichen gesetzt werden gegen die Tatsache, dass in historischen Berichten fast ausschließlich männliche Persönlichkeiten beleuchtet werden. Errungenschaften von Frauen beziehungsweise für Frauen würden dagegen selten aufgegriffen. Gerade weil die Rechte und die gleichwertige Rolle der Frau auch heute noch ganz offen oder unterschwellig durch Verhaltensweisen in Frage gestellt werden, möchte das Kollektiv auf feministischen Aktivismus und dessen lange Tradition aufmerksam machen. Die verbesserte Position, die Frauen heute in unserer Gesellschaft haben, sei hart erkämpft worden und auch jetzt keineswegs gesichert.
Selbstbewusst als Frau.
Das Buch erzählt vor allem von der Aktion Unabhängiger Frauen (AUF), die sich 1972 in Wien zusammengeschlossen hat. Ein wesentlicher Ansporn für ihren Aktionismus war der Austausch unter Frauen unterschiedlicher Herkunft. Während sich viele der AUF-Mitglieder zuvor schon in anderen politischen Gruppen engagiert hatten, war die spezifische Lebensrealität von Frauen dort kein Thema. Erst im Austausch bei reinen Frauentreffen kristallisierte sich heraus, wie ähnlich die Teilnehmerinnen von ihren Eltern und ihrem Umfeld erzogen und geprägt wurden. Dabei machte es keinen bedeutenden Unterschied, aus welchen sozioökonomischen Verhältnissen einzelne Frauen kamen: Alle waren sie stets gelehrt worden, lieb zu sein, ruhig zu sein, hübsch und höflich. Schrille, laute Charaktere waren auf der Seite des sogenannten „schönen Geschlechts“ gar nicht gerne gesehen. Eine Frau, die auch in politischen Diskussionen das Wort ergriff oder persönliche, womöglich unkonventionelle Standpunkte äußerte, wurde in der breiten Gesellschaft geradezu als Provokation empfunden. Umso wichtiger schien es den Aktivistinnen, sich dauerhaft zu vernetzen und politische Arbeit zu leisten, um diese diskriminierenden Geschlechterrollen aufzubrechen.
Der weibliche Körper: Ein umkämpftes Terrain.
Achtsamkeit und Folgsamkeit wurde von Frauen auch in Bezug auf ihren eigenen Körper und ihre Sexualität erwartet. Verhütung galt ganz klar als Verantwortung der Frauen. Im Falle einer ungewollten Schwangerschaft wurde die Schuld daran allein der betroffenen Frau zugeschrieben. Sogar wenn es um den eigenen Körper ging, wurde Frauen durch patriarchale Konventionen ein schlechtes Gewissen eingeredet. Gleichzeitig war Abtreibung damals nicht nur illegal, sondern wurde sogar aktiv bekämpft. Vorwiegend männliche, bürgerliche und/oder katholische Gruppierungen stellten in diesem Diskurs einen Anspruch auf die Verfügungsgewalt über den Frauenkörper. Dabei wurde dieser zum Spielball vielfältiger Interessen: Der rechtsextreme Bund Nationaler Studenten stellte sich gegen die Abtreibungsbefürworterinnen, da man „mehr Deutsche“ brauche. In der Politik wurde das Thema Abtreibung instrumentalisiert, um gegen andere Parteien zu hetzen, und auch im Namen der katholischen Kirche mischte man(n) mit der „Aktion Leben“ lauthals mit. Zuguterletzt waren es auch Ärzt*innen, die mit einer Demonstration gegen die Entkriminalisierung von Abtreibung mobil machten. Immerhin waren sie diejenigen, die bis dato horrende Summen für illegal durchgeführte Abtreibungen verlangen konnten. Gegen diese Bevormundung und den fremden Anspruch auf den eigenen Körper setzte sich die AUF vehement ein. Schließlich konnte – wider der Aggression und Niedertracht der Abtreibungsgegner*innen – eine Straffreiheit innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate erwirkt werden.
Lust am Widerstand.
Doch die auf allen Ebenen institutionalisierte Vorrangstellung des Mannes gegenüber der (Ehe-)Frau ließen und lassen die AUF-Aktivistinnen nicht auf sich sitzen. Dem Chauvinismus entgegneten sie mit allerlei gewagten wie originellen Aktionen – „pfiffig und selbstgewusst“, wie sie selbst sagen. Besonders empört waren die Aktivistinnen beispielsweise, als sie Plakate sahen, die die damals in den 70er Jahren einsetzende sexuelle Befreiung zu pervertieren versuchten. Mit Farbbomben zeigten sie bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion, was sie davon hielten. Bei der zuvor erwähnten Ärzt*innen-Demo schloss sich eine Aktivistin im Ärztinnenkittel an mit einem Schild, wonach sie „Abtreibung nur für höhere Honorare“ akzeptieren wolle. Die unverhohlen zynische Forderung schien unter den anderen streikenden Ärzt*innen wenig Anstoß zu erregen. Die Aktivistin war lange Teil der Demonstration, bis ein Polizist den Boycott schließlich als solchen verstand und sie aus der Menge holte. Des Weiteren war die AUF an der Arena-Besetzung in den 1970er Jahren beteiligt. Eine der fulminantesten Aktionen bleibt aber wohl diese: In einer sehr bekannten österreichischen Tageszeitung erschien ein Artikel über den Gerichtsprozess einer homosexuellen Frau, welcher mit „Herr Carla“ betitelt wurde. Als Protest gegen diese Schmach marschierten einige AUF-Aktivistinnen kurzerhand in die Redaktion besagter Zeitung und verkündete deren Beschlagnahmung. Der für die Morgenausgabe geplante weitere Artikel wurde herausgenommen.
Zündstoff für heute.
„Zündende Funken“ zeigt nicht nur, dass die Gleichstellung der Frau seit jeher von reaktionären Strukturen und Institutionen untergraben wurde und noch immer wird. Auch demonstriert RitClique, dass aus Wut über diese Ungerechtigkeit auch Spaß am Widerstand werden kann. Das „Ärmel hochkremplen“, aber auch das Radikale, das Unberechenbare, das Lustvolle und Gewitzte zeichnet die Wiener Feministinnen der 70er aus – ein Funke, der beim Lesen definitiv überspringt.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at