Digitale Gewalt: Backlash gegen die feministische Öffentlichkeit.

Die zunehmende Sichtbarkeit von Frauen* in der (digitalen) Öffentlichkeit erzeugt auch antifeministische Gegenreaktionen: sprachliche Überschreitungen, gegenseitiges Aufhetzen und Hate Speech (dt. Hassrede) sind Beispiele von digitaler Gewalt. Im Kern dieser Übergriffe steht der Kampf um die Deutungshoheit von Normen, Werten und Praktiken innerhalb der Gesellschaft. Die hegemoniale Männlichkeit fühlt sich in ihrer Machposition bedroht – deshalb kommt es zum Backlash gegen feministische Bestrebungen.

Hassrede – oder Hate Speech – zeigt auf, wie brutal Menschen im Internet miteinander umgehen können. Gemeint ist dabei eine Form der sprachlichen Gewalt, bei der bestimmte Personen oder Personengruppen durch menschenverachtende Aussagen herabgewürdigt werden. Den Rahmen für solche Interaktionen bieten meist schlecht oder gar nicht moderierte digitale Medien wie Twitter, Facebook, Instagram & Co.

Als Teil der Veranstaltungsreihe „feministische Öffentlichkeit“ hielt die Kommunikationswissenschaftlerin Ricarda Drüeke in der Frauenhetz einen Vortrag mit dem Titel „Love is Stronger than Hate?!“ zu Antifeminismus im digitalen Raum. Darin erklärte sie, wie hasserfüllte Kommunikation und digitale Gewalt gegenüber Frauen* und queeren Menschen funktionieren und wie sie sich verbreiten.

Antifeministische Radikalisierung im Internet.

Antifeminismus sei im Netz überall zu finden, so Drüeke, jedoch ließen sich misogyne online-Subkulturen ausmachen, in denen ein besonders hohes Radikalisierungspotenzial bestehe: Sogenannte Incels (involuntary celibacy – Eigenbezeichnung für unfreiwillig zölibatär lebende Menschen) bilden eine Gruppe aus heterosexuellen Männern, deren Weltansichten von tiefer Misogynie und rassistischen Vorstellungen durchzogen seien. Auch die Gaming-Szene stelle laut der Kommunikationswissenschaftlerin eine in dieser Hinsicht auffällige Gruppierung dar. Gefährlich bei beiden Communities sei vor allem, dass es sich um geschlossene Kreise handle, in denen sich menschenverachtende und misogyne Ansichten verfestigen könnten. Manifestieren würden sich die antifeministischen Inhalte auf Image-Boards und „Memes“ in eigener Sprache beziehungsweise eigenen Codes, sowie in direkter Weise als Bedrohungen, Erpressungen oder durch die Verbreitung persönlicher Daten.

Antifeminismus: inhaltliche Klammer zu anderen diskriminierenden Diskursen.

Hate-Speech gegen Frauen* kann auf verschiedenen Ebenen stattfinde, etwa durch direkte Angriffe in Form von Beleidigungen gegen Individuen. Aber auch institutionelle Verankerungen, wie Organisationen und Forschungseinrichtungen im Bereich der Gender- oder Post-Colonial Studies, sowie die Präsenz von Frauen* in Politik und Journalismus könnten Ziele sprachlicher Gewalt sein. Außerdem würden durch identitätspolitische Diskriminierung bestimmte Gruppen konstruiert und abgewertet. Besonders entscheidend ist laut Drüeke allerdings die epistemische Dimension. Hier würden rassistische, antisemitische und sexistische Denkformationen wirken und unter dem Dach antifeministischer Diskurse inhaltlich zusammengeführt werden.

Die Folgen digitaler Gewalt seien schließlich breit wirksam: Starker  psychischer Druck und heftige Gefühle der Angst und Ablehnung. Dadurch kann es auch zum Silencing (dt. Zum Schweigen bringen) von Frauen* kommen, bei dem sich die Betroffenen aus dem digitalen Raum zurückziehen, um sich nicht weiter dem Hass aussetzen zu müssen. Außerdem bestehe stets die Möglichkeit, dass sich die Bedrohung aus der digitalen Welt in die physische Realität verschiebt.

Was tun bei antifeministischem Hass im Netz?

Einen wichtigen Bestandteil des Vortrags machte auch die Frage aus, wie im konkreten Fall auf digitale Gewalt reagiert werden kann. Dazu stellte Ricarda Drüeke einige Initiativen und Organisationen vor, die es sich zum Ziel gemacht haben, Widerstand gegen antifeministische Hate-Speech zu leisten. Die Strategien der Unterstützung unterschieden sich dabei durch ihren jeweiligen Zugang. „#ich bin hier“ ist eine Facebook-Gruppe und Counter-Speech (dt. Gegenrede) Initiative gegen Hass im Netz, bei der auf der individuellen Ebene Solidarität eingefordert werden kann: Übergriffe durch Hate-Speech können in die Gruppe gepostet werden und alle Mitglieder, die gerade online sind, reagieren gemeinsam auf den Post. Eine subversive Strategie haben Personen der LGBTQIA* angewendet, als sie mit dem Hashtag  „#proudboys“ gezielt den Namen der rechten Bewegung der „Proud Boys“ aus den USA unterwandert und auf den digitalen Medien „gekapert“ hatten. Auf ähnliche Weise funktionieren sogenannte Hate Slams, bei denen Hate Speech durch Vorlesen vor Publikum entkontextualisiert und angeeignet wird. Aneignung meint in diesem Zusammenhang, dass Passagen sprachlicher Gewalt ihrem Kontext entrissen und in ihrer Absurdität dargestellt werden. Die Beleidigungen werden also nicht einfach reproduziert, sondern in ihrer Lächerlichkeit bloßgestellt. Auch politische Initiativen und mediale Kampagnen wie „#unhatewomen“ sind Teil der Widerstandsstrategie. Dabei wird der Hashtag unter Posts verwendet, um so sprachliche Gewalt gegen Frauen* an möglichst vielen Orten im Netz sichtbar zu machen.

Abschluss in offener Diskussion.

Zum Schluss der Veranstaltung wurde das Gespräch für alle Zuhörer*innen geöffnet und es fand ein reger Austausch statt. Insbesondere die Frage nach einer differenzierteren gesetzlichen Grundlage und deren Umsetzbarkeit wurde ausführlich diskutiert. Einerseits sei es gut, dass mit dem Hass im Netz-Gesetz seit 2021 ein juristisches Mittel geschaffen wurde, mit dem gegen Hate Speech vorgegangen werden kann. Gleichzeitig wurde aber betont, dass es notwendig sei, genau auf die begriffliche Schärfe zu achten: Sexismus und Antifeminismus müssten als eigenständige und differenzierte Tatbestände in das Gesetz integriert werden, und somit gleichrangig mit den ebenso brennend wichtigen Themen Antirassismus und Antisemitismus behandelt werden.

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Links:

#ichbinhier

PENG! – zerotrollerance

Unhate Women

Titelbild © flickr, Alter1fo.

 

 

 

Veröffentlicht in Genderungerechtigkeit.