
Wie prägt Sprache unser Denken und wie bestimmt sie unsere Politik? In ihrem Buchdebüt sucht Kübra Gümüşay nach einem „neuen Sprechen“, das die Menschen nicht auf Kategorien reduziert, sondern „in ihrem Facettenreichtum existieren lässt“.
Am 27. Jänner 2020 ist der Langessay Sprache und Sein von Kübra Gümüşay erschienen. Ein Beweggrund der zweisprachig aufgewachsenen Aktivistin war ihr eigener Alltag, der von Debatten um Rassismus durchdrungen war. Sie selbst hat die Erfahrung gemacht, „gegen die Grenzen und Mauern einer Sprache gelaufen zu sein“.
Wie Sprache unsere Welt öffnet und eingrenzt.
Kübra Gümüşay stellt den Leser*innen viele offene Fragen zu sozialen Ungleichheiten. Dabei gelingt es der Autorin aufzuzeigen, wie Sprache uns die Welt öffnet, aber gleichzeitig in unserer Wahrnehmung eingrenzen kann.
Wer sind wir eigentlich in den Sprachen die wir sprechen?
„Türkisch ist für mich die Sprache der Liebe und Melancholie. Arabisch eine mystische, spirituelle Melodie. Deutsch die Sprache des Intellekts und der Sehnsucht. Englisch die Sprache der Freiheit“, verrät die Autorin. Im Anschluss erwähnt sie „Prestigesprachen“, wie Englisch, Spanisch oder Französisch. Also jene, die als wichtig und als Zeichen von Intelligenz wahrgenommen werden. Wenn jedoch ein Kind als zweite Sprache Rumänisch, Polnisch, Türkisch, Farsi, Malaiisch, Zulu oder Arabisch angibt, bringe dies wenig Anerkennung.
Die Macht der Sprache.
Die Autorin hebt in mehreren Kapiteln hervor, dass Sprache stets der eigentliche Akt der alltäglichen Diskriminierung ist. Besonders intensiv setzt sie sich mit Selbst- und Fremdbeschreibungen anhand von Kategorisierungen und Stereotypen auseinander. Dabei betont sie nicht nur die Verantwortung jede*r/s einzelnen, sondern auch die Verantwortung der Medien und Politik.
„Ich bin eine muslimische Frau. Eine, anhand derer versucht wird zu verstehen, wie alle anderen funktionieren.“ „Die muslimische Frau“ sei eine der beliebtesten Kategorisierungen. Unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft oder ihrer Bildung würden sie alle ihrer Stimme und Sichtbarkeit beraubt werden. Stereotype seien wie ein Panzer. Der Panzer schütze jedoch nicht die, die ihn tragen, sondern die Ignoranz der Außenstehenden.
„Stereotype wiegen schwer, sie belasten ihre Träger*innen und zwingen sie in die Knie“. Diese Panzer gilt es aufzubrechen, schließt Gümüşay.
Das Museum der Sprache.
Zur bildhaften Darstellung ihrer Ausführungen führt die Aktivistin die Leser*innen durch das sogenannte „Museum der Sprache“. Dies ist ein Ort, wo die Welt erkundet werden kann und wo alles mit einem Namen und einer Definition versehen ist.
Im Museum gibt es zwei Typen von Menschen „die Unbenannten“ und „die Benannten“.
„Die Unbenannten“ sind jene, die der gesellschaftlichen Norm entsprechen und für die es keinen eigenen Namen braucht. Sie können sich „unbeschwert und frei“ bewegen und die ganze Welt durch das Museum der Sprache ergründen. Sie stoßen nie an die Mauern des Museums und hinterfragen die Definitionen nicht.
Denken und Sprechen in Kategorien.
„Die Benannten“ hingegen sind jene, die von der Norm abweichen und als „fremd“, „anders“, „merkwürdig“ gesehen werden. „Die Unbenannten“ betrachten „die Benannten“ und reduzieren sie auf ganz bestimmte Merkmale. Sie werden im Museum kategorisiert und bekommen eine Definition. Gümüşay äußert sich hierzu in einem Interview: „Ihr Name ist der Glaskäfig, mit dem sie im Museum der Sprache ausgestellt sind. Die Definition ihrer Kategorie bestimmt die Weitläufigkeit ihres Käfigs. Diese Menschen bewegen sich im Museum nicht als Individuen, sondern immer als Kollektiv, als Kategorie.“
„Die Benannten“ werden primär als Kategorien wahrgenommen, wie zum Beispiel: die Geflüchteten, die muslimische Frau, der Schwarze Mann, die Ausländerin. Jeglicher Individualität beraubt, werden die „Benannten“ laut Gümüşay geradezu „entmenschlicht“.
Sprache als Grenze der Wahrnehmung.
Anstatt als Individuen wahrgenommen zu werden, erhalten Menschen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen im Alltag und politischen Diskurs also Kollektivnamen. „Wenn ich, eine sichtbare Muslimin, bei Rot über die Straße gehe, gehen mit mir 1,9 Milliarden Muslim*innen bei Rot über die Straße. Eine ganze Weltreligion missachtet gemeinsam mit mir die Verkehrsregeln“, verdeutlicht die Autorin im Buch. Mit der Abbildung will die Autor*in über die Grenzen der Sprache Bewusstsein schaffen. Der eigene Horizont markiere nicht das Ende der Welt, sondern lediglich die Grenze des eigenen Horizonts.
Gerechte versus ächtende Sprache.
Durch die überlegte Wahl der Begriffe, durch eine politisch korrekte Ausdrucksweise könne bereits Widerstand geleistet werden. „So kann selbst das bewusste Nichtverwenden rechter Begriffe Widerstand leisten“. Sprache würde Rassismus erhalten. Jene, die eine „politisch unkorrekte“ Sprache verwenden, seien gegen Gerechtigkeit. Jeder dürfe alles sagen, müsse aber Verantwortung für das eigene Sprechen übernehmen. „Wer auf der Verwendung ächtender Sprache beharrt, der bekennt sich zur Ächtung von Menschen und positioniert sich bewusst gegen Gerechtigkeit, gegen die Gleichstellung von Geschlechtern – für rassistische, sexistische, menschenfeindliche Sprachnutzung“. Besonders unter die Lupe nimmt Gümüşay dabei die Sprache der AfD, einer rechten Partei in Deutschland.
Wie kann „freies Sprechen“ gelingen?
„Wenn wir nicht mehr mit den Augen der anderen auf uns selbst blicken, dann sind wir frei“.
Freies Sprechen würde nur funktionieren, wenn verschiedene Perspektiven gleichberechtigt koexistieren. In einer Welt in der „die Menschlichkeit aller Menschen tatsächlich Anerkennung findet, in der die Perspektive der einen nicht zur Bedrohung für die der anderen wird“. Erst wenn „keine Perspektive über andere Perspektiven herrscht, [sie] unterordnet oder unterdrückt“ können alle Menschen unabhängig von Herkunft, Religion, Sexualität und Geschlecht frei sprechen. „Erst dann werden wir alle sein“, so Kübra Gümüşay.
Ein Zusammenleben auf Augenhöhe.
Im Schlusskapitel „Ein neues Sprechen“ stellt die Autorin den Leser*innen die Frage, was ein gleichberechtigtes Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft bedeutet. Es gehe darum, den marginalisierten Gruppen zuzuhören,deren Probleme anzuerkennen und sie gemeinsam zu lösen. „Weil [es] nicht ihre, nicht fremde, nicht externe Probleme sind, sondern unsere Probleme“. Für ein friedliches Miteinander brauche es zwangsläufig einen Wandel, ein bewusstes Handeln aller. „Wir sind viele verschiedene Länder, Staaten und Nationen, aber nur eine gemeinsame Menschheit auf einer gemeinsamen Erde“.
Da Wandel Angst verursache und nicht sofort passiere, sei es wichtig, jetzt schon Räume zu schaffen, um solche Utopien auszuprobieren. „Wir brauchen inklusive, transparente Diskussionen um die Zukunft unserer Gesellschaft. Neue Formen des gemeinsamen Sprechens und Denkens.“ Ein erster Schritt zur Problemlösung sei stets, auf das Problem hinzuweisen, es zu benennen, ein Bewusstsein über die Missstände zu schaffen.
Verantwortung für das eigene Sprechen übernehmen!
Das Buch gibt einen Anstoß, die Grenzen unseres Sprechens, Denkens, Fühlens und Lebens zu erkennen und daran zu arbeiten. Die Autorin will Anreize schaffen, sich dieser Grenzen bewusst zu werden und eine Gesellschaft mitzugestalten, in der alle gleichberechtigt sprechen und sein können. Obwohl damit die Selbstreflexion der Leser*innen angeregt wird, bleiben viele Fragen am Ende unbeantwortet. Das Buch ist in einer komplexen Sprache geschrieben, wodurch der Inhalt nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich ist. Wenn ein freies und antidiskriminierendes Sprechen tatsächlich das Ziel ist, sollte die Autorin auch diesen Aspekt berücksichtigen. „Ein Wort ist nie nur ein Wort. Jedes Wort hat Wirkung.“, erinnert Gümüsay.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an office@pfz.at.
Weiterführende Links:
-Video: Kübra Gümüşay über „Sprache und Sein“
-Video: Buchpräsentation von Kübra Gümüşay – Sprache und Sein. Wie Worte unser Denken prägen
-Video: BiblioTalk: „Kübra Gümüşay: Sprache und Sein“
-Buchrezension: „Nie mehr intellektuelle Putzfrau“ (Die Zeit)