
Zur Überwindung des Patriarchats müssen Männer* lernen, zu lieben. Denn eine gerechte Welt für alle Geschlechter erfordert mehr als die faire Verteilung politischer und wirtschaftlicher Macht. In „Männer, Männlichkeit und Liebe“ erinnert bell hooks daran, dass das Festhalten an patriarchalen Denk- und Handlungsmustern auch dramatische Auswirkungen auf Gefühle und damit auf das Leben aller Menschen hat.
„The Will to Change. Men, Masculinity and Love”, so der englischsprachige Titel, erschien im Original zum ersten Mal 2004. Die erst seit 2022 erhältliche deutschsprachige Übersetzung entfaltet jedoch auch heute große Dringlichkeit. Denn hooks Kritik patriarchaler Männlichkeit und ihres Umganges mit Gefühlen kann unbestreitbar von viel zu vielen Menschen nachempfunden werden. Die mutigen Schilderungen der oft traumatischen Erfahrungen, die hooks als Tochter und Partnerin erleben musste, führen die Leser*innen jedoch mit Sicherheit nicht zu der Einschätzung, dass die Urheber dieser Verletzungen von ihrer Machtposition profitiert hätten. Ganz im Gegenteil charakterisiert die Autorin physisch und psychisch gewalttätige Männer* als verzweifelte und widersprüchliche Individuen. Denn nicht nur Frauen* leiden unter dem Patriarchat, macht hooks klar: Nicht lieben zu können, ist Terror für die Seele.
Männliche Emanzipation.
Auf einfühlsame Weise illustriert hooks, wie Männern* der Zugang zu ihren Gefühlen in der patriarchalen Kultur verwehrt ist. Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin bemüht sich dabei um die Entwicklung eines Theoriestranges, der in der öffentlichen Wahrnehmung feministischen Denkens kaum Beachtung findet: eine feministische Perspektive auf Männer* und Männlichkeit. Doch nicht nur konservative Massenmedien und deren Darstellung des Feminismus als anti-männlich haben es Männern* erschwert, sich in ihrer Suche nach Liebe der feministischen Theorie zuzuwenden. Mit einem kritischen Einblick in die feministische Bewegung reflektiert die Autorin, dass dem Wunsch mancher Männer*, ihre Gefühle zu erforschen und zum Ausdruck zu bringen, auch in feministischen Zirkeln mitunter mit Skepsis begegnet wurde.
Doch die Welt braucht Männer*, die sich vom Patriarchat befreien. Daher rührt auch der englischsprachige Titel des Buches, dem im Deutschen nur die Rolle eines Untertitels gegeben wurde: „Der Wille zur Veränderung.“ hooks stellt nämlich klar, dass Feminst*innen Männer* nicht verändern, sie aber in ihrem Entschluss, lieben zu lernen, bestärken können. Dahingehend kann auch das Anliegen ihres Buches verstanden werden: Mit einer Analyse patriarchaler Kultur und ihrer Auswirkungen auf Vater-Sohn-Beziehungen, Arbeit, Sexualität, Gewalt und mediale Repräsentation von Maskulinität schafft sie ein Verständnis für eine der fundamentalen Bedrohungen gleichberechtigten menschlichen Zusammenlebens. Aufbauend auf diesen Bemühungen um Bewusstseinsbildung möchte hooks mit dem Benennen konkreter Möglichkeiten für Veränderung den Wunsch nach einer Emanzipation vom Patriarchat bei Männern* fördern.
Das Patriarchat in einer Matrix der Ungleichheit.
Als eine der Vordenker*innen des Intersektionalitätsbegriffes spricht hooks von imperialist white-supremacist capitalist patriarchy (imperialistisches, auf weißer Vorherrschaft beruhendes, kapitalistisches Patriarchat), wenn sie das System männlicher Macht und Herrschaft anspricht, das staatlich organisierte Gesellschaften im 21. Jahrhundert durchzieht. Auch wenn viele Menschen das Wort „Patriarchat“ nicht kennen würden, lernen wir schon in unseren Ursprungsfamilien mehr über diese als über alle anderen Formen institutionalisierter Ungleichheit. bell hooks weist zudem darauf hin, dass es insbesondere die Mütter seien, die patriarchale Einstellungen an ihre Kinder weitergeben würden, bevor sie in Schulen und religiösen Einrichtungen vertieft werden. In Haushalten alleinerziehender Mütter fehle es darüber hinaus an abschreckenden direkten Erfahrungen mit patriarchalen Männern, was zu einer stärkeren Idealisierung männliche Rollenbilder führe. Eine konkrete Vorstellung über die zahlreichen negativen Auswirkungen patriarchaler Männlichkeit, deren Überwindung der Zusammenarbeit aller Geschlechter bedarf, vermittelt hooks im ersten Teil von „Männer, Männlichkeit und Liebe“. Einige jener Aspekte, die es Männern* besonders erschweren, lieben zu lernen, werden im Zuge dieser Rezension besprochen.
Dimensionen des Patriarchats: Kindheit und Erziehung.
bell hooks beginnt das Nachdenken über die Persistenz patriarchaler Verhaltensweisen mit einem intimen Erforschen ihrer Kindheitserinnerungen in Bezug auf Liebe. Sie sehnte sich in hohem Maße danach, von ihrem Vater, dem unumschränkten Familienoberhaupt, geschätzt und akzeptiert zu werden. Doch die gesamte Familie erlebte ihn nur als zornigen Mann, der nicht lieben konnte. Besonders ihr Bruder, der wie alle Buben in jungem Alter noch Zugang zu seinen Gefühlen hatte, wurde für seine gefühlsbetonten Äußerungen, die nicht den hegemonialen Vorstellungen von Männlichkeit entsprachen, vom Vater verachtet und ausgelacht. Denn in patriarchalen Kulturen ist Wut die einzige akzeptierte Emotion von Männern*, zeigt sich hooks überzeugt. Ihr Bruder musste es schließlich über sich ergehen lassen, durch patriarchale Standards definiert zu werden. Ein zentraler Aspekt dieses Systems ist es, dass Buben lernen müssen, nur für das Erfüllen von Erwartungen, für das Erbringen von Leistungen Liebe erhoffen zu dürfen, nicht für ihre bloße Existenz. Genau diese emotionale Vernachlässigung in der Kindheit führt zu Gewalt bei Erwachsenen, weshalb hooks kritische Erziehung als eine zentrale Chance zur Veränderung wahrnimmt. Anstatt der als normal empfundenen und ubiquitär vorhandenen patriarchalen Pädagogik braucht es Strategien, die emotionales Bewusstsein fördern und jungen Menschen alternative Vorstellungen darüber anbieten, was ein „richtiger Mann*“ ist.
Gewalt und Arbeitswelt.
In seiner hegemonialen Machtposition war hooks Vater gleichzeitig ein Gefangener des Patriarchats. Denn die Autorin betont, dass Männer* in der patriarchalen Kultur aufhören, „richtige Männer*“ zu sein, wenn sie sich trauen, zu lieben. Das Risiko, nicht als männlich eingeschätzt zu werden, konnte ihr Vater nicht eingehen. Denn insbesondere für Männer* aus der Arbeiter*innenklasse, analysiert hooks, ist Gewalt gewissermaßen ein Eintrittsticket zum gesellschaftlichen Männlichkeitswettbewerb, in dem sie aufgrund der fehlenden Möglichkeit, Dominanz in beruflichen Führungspositionen ausüben zu können, ohnehin im Hintertreffen sind. Generell ist Arbeit, und das damit verbundene Gefühl, für abhängige Menschen sorgen zu können, für hooks eine zentrale Basis für patriarchales Selbstwertgefühl. Wie können Männer* Wege finden, die Idealisierung von Unverletzlichkeit und fehlender zwischenmenschlicher Bindung aufgrund langer Arbeitszeiten, die auch in dieser selbstzerstörerischen Vorstellung von Arbeit angelegt ist, zu überwinden?
Feministische Männlichkeit.
Diese profunde Analyse der Dominanz des Patriarchats zeigt, dass seine Überwindung neue Möglichkeiten zur sozialen Konstruktion männlicher Identität verlangt. Die Abwendung von sexistischem Denken und die Zuwendung zu einer feministischen Männlichkeit muss von erhöhter gesellschaftlicher Wertschätzung für Beziehungsaufnahme und Kommunikation getragen werden. Die Veränderung der Werte, die hooks fordert, beinhaltet eine Zurückdrängung des Fokus auf Leistung und Kontrolle. Männer* würden dadurch die Chance erhalten, zu fühlen, dass sie unabhängig von ihrer Leistung geliebt werden und das Verlangen, bestimmen zu müssen, aufgeben können. Insbesondere die Übernahme verantwortungsvoller Kindererziehung sieht hooks als wertvolle Möglichkeit, die Praxis der Liebe zu üben, sodass Männer* jene Fähigkeiten erwerben können, die oft als typisch weiblich angesehen werden. Denn am Ende des Buches besteht kein Zweifel, dass alle Männer* lieben wollen. Damit sie das auch können, müssen sie Liebe erfahren, die sich nicht darauf beschränkt, sexistischen Vorstellungen von Maskulinität und männlicher Identität zu entsprechen. Selbstkritisch erwähnt hooks auch, dass es eine der großen Enttäuschungen des Feminismus ist, nicht ausreichend Strategien für eine alternative Männlichkeit entwickelt zu haben. „Männer, Männlichkeit und Liebe. Der Wille zur Veränderung“ stellt dennoch eine Reihe von höchst wertvollen Ausgangspunkten für den Aufbau einer Zukunft zur Verfügung, in der alle Menschen lernen können, zu lieben.
Ein globales Thema.
bell hooks verfasste das Buch für das US-amerikanische Publikum, ohne dieses direkt als Adressat anzusprechen. Dabei ist ihre Analyse angesichts der globalen Verbreitung patriarchaler Muster nicht nur für den US-Kontext von Relevanz. Gerade zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Werke durch neue Übersetzungen nun auch im deutschsprachigen Raum auf vermehrte Resonanz stoßen, macht es aber Sinn, die Autorin in ihrer herausragenden Bedeutung für die feministische Bewegung in den USA gedanklich einzuordnen. Es bleibt zu hoffen, dass hooks Überlegungen der Überflutung mit traditionellen Botschaften über Männlichkeit und Weiblichkeit etwas entgegensetzen können.
Der Autor ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
In unserem Magazin sind noch weitere Rezensionen der Werke von bell hooks erschienen:
Lieben lernen. Alles über Verbundenheit
Bibliographische Informationen:
bell hooks: Männer, Männlichkeit und Liebe. Der Wille zur Veränderung. München: Elisabeth Sandmann Verlag, 2022.
bell hooks: The Will to Change. Men, Masculinity, and Love. New York City: Washington Square Press, 2004.