in Bewegung: Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt“ mit anschließender Diskussion ins C3 – Centrum für internationale Entwicklung. Die Autorinnen Edma Ajanovic, Judith Goetz, Birge Krondorfer und Mitherausgeberin Juliane Lang sprachen unter der Moderation von Ulrike Lunacek über Erscheinungsformen und Strategien des Antifeminismus und dessen Rezeption in der Öffentlichkeit.
Gender als Kampfbegriff.
Der Begriff Gender kommt aus der englischsprachigen feministischen Debatte und bezeichnet das soziale Geschlecht in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht Sex. Der Begriff impliziert, dass das soziale Geschlecht nicht zwingend vom biologischen Geschlecht abhängt und hierarchische Geschlechterverhältnisse somit nicht naturalisiert werden können.
Edma Ajanovic legte in der Diskussion dar, wie der Kampf gegen Geschlechter- und Gleichstellungspolitik als gemeinsamer Nenner von verschiedenen antifeministischen Gruppen in Österreich fungieren würde. Die Autorin benannte rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppen, katholisch geprägte Rechtskonservative, rechtskatholische, kirchennahe Gruppierungen, Männer und Väterrechtler sowie „besorgte Eltern“. Die genannten Gruppen würden sich punktuell und anlassbezogen zusammenschließen, um gegen Gleichstellungspolitiken und Liberalisierung in Bezug auf Familie, Sexualität und Geschlecht Stimmung zu machen. Die Gender-Debatte würde von diesen Gruppen unter anderem als Genderismus oder Gender-Ideologie bezeichnet, den beziehungsweise die es zu bekämpfen gelte.
Angst vor der Zerstörung der „natürlichen Ordnung“.
Im Diskurs um die sogenannte Gender-Ideologie gebe es vier unterschiedliche Deutungsmuster: So finde man in antifeministischen Narrativen naturalistische Argumente, wobei Gleichstellung als Gefahr für die natürliche Ordnung der Geschlechter angesehen werde. Auch gebe es das Muster des Autoritarismus, der die Gender-Ideologie als Nachfolge kommunistischer und sozialistischer Ideologie darstellen würde, die die Gesellschaft von jeglichen Unterschieden befreien will. Oft komme es zur Darstellung von Männern als Opfer dieser Ideologie der Gleichstellung. Außerdem gebe es die Ansicht, dass der Islam (sic!) von dieser sogenannten Gender-Ideologie profitiere. Begründet werde dies unter anderem mit dem Argument, dass autochthone ÖsterreicherInnen im Schnitt weniger Kinder gebären würden als muslimische Frauen. Hier sei eine Diskursverschmelzung von anti-muslimischem Rassismus und Antifeminismus zu beobachten, so Ajanovic. Generell würden rechtes Gedankengut und antifeministische Einstellungen oft Hand in Hand gehen. Rechte Bewegungen würden das Thema Geschlecht immer wieder aufgreifen.
Antifeminismus, die extreme Rechte und Männerbünde.
„Betrachtet man die Bedeutung von Geschlecht in der Ideologie und dem Handeln von Rechtsextremen, ist es wichtig zu verstehen, dass man nicht über Frauen per se, sondern über Geschlechterverhältnisse spricht“, gab Juliane Lang zu bedenken. Die extreme Rechte greife FeministInnen an seit es Debatten um Gendermainstreaming gibt und sehe Feminismus generell als internationales Feindbild. Diese Ansicht sei auch der Ideologie elitärer Männerbünde inhärent: „Die meisten Schriften und Arbeiten über Männerbünde beschäftigen sich nicht mit Antifeminismus“, erklärte Judith Goetz. Und das, obwohl Antifeminismus neben Antiklerikalismus, Homofeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und dem Lebensbundprinzip einer der inoffiziellen ideologischen Grundsätze vieler Männerbünde sei. Antifeminismus sei hier als unmittelbare Reaktion auf Emanzipationsansprüche von Frauen zu verstehen. Männerbünde fungieren somit als Gegenkonzept zur weiblichen Emanzipation, da diese die Grundlage der Organisationsform eines Männerbundes in Frage stellt.
Umgang mit und Gegenstrategien zu Antifeminismus.
Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum griffen mehrere TeilnehmerInnen in ihren Fragen die Rolle der Frau in antifeministischen Gruppierungen auf. Rechtspopulistische und neu-rechte Bewegungen würden Frauen zwar als Mitglieder anwerben, aber sie gleichzeitig in traditionelle Rollenbilder drängen.
Am Ende der Diskussion stand die Frage, wie man mit AntifeministInnen umgehen soll: „Man muss antifeministische Klischees aufzeigen und bekämpfen, denn das kritische Hinterfragen von Geschlecht kann zu einem Mehr für alle führen“, so Lang. Goetz fügte hinzu, dass die feministischen Kämpfe in Österreich hinsichtlich der aktuellen politischen Lage darauf abzielen müssen, den Status Quo zu erhalten und Rückschritte zu stoppen. Zusätzlich brauche es Solidarität unter FeministInnen – man müsse Verbindendes statt Trennendes in den Vordergrund stellen.
Zwischen Akademia und breiter Öffentlichkeit beispielsweise herrsche oft ein gewisses Spannungsverhältnis. So habe laut Goetz der überheblich anmutende Diskurs von AkademikerInnen wenig Bezug zur Praxis und auch Ajanovic merkte an, dass die akademische Debatte schwer übersetzbar sei. Lang gab zu bedenken, dass man die Diskussion rund um Gender auch außerhalb des Elfenbeinturms der Wissenschaften führen solle und Kronberger plädierte für die Schaffung einer Schnittstelle zwischen Akademie und Alltagswissen.
Die Diskussion um die Buchpräsentation zeigte jedenfalls, dass in Anbetracht der Aktualität antifeministischer Strömungen auch in Österreich ein breiter Zusammenschluss von Feministinnen und Feministen aus allen Bevölkerungsgruppen notwendig ist, um ein gleichberechtiges und solidarisches Miteinander auch in Zukunft leben zu können.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at