Frauenleben in und nach der Krise (c) SPÖ Frauen und Renner-Institut

Auftakt der Gesprächsreihe „Frauen und Corona“.

Wer macht während den Corona-Maßnahmen home schooling mit den Kindern? Wer sind die vielzitierten „Held*innen des Alltags“? Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern werden durch häusliche Kinderbetreuung, Einkommensverluste und die Bewertungsdebatte über wichtige Niedriglohnberufe verstärkt sichtbar.

Das Karl-Renner-Institut startete in Kooperation mit den SPÖ-Frauen am 23. April eine Online-Gesprächsreihe, um jeweils mit einer Person aus Wissenschaft und Politik ein frauenpolitisches Thema zu diskutieren. Bei der Auftaktveranstaltung sprach Moderatorin Angelika Striedinger vom Karl-Renner-Institut mit der Politikwissenschafterin Stefanie Wöhl, die an der Fachhochschule des BFI Wien tätig ist, und der Vorsitzenden der SPÖ-Frauen und Nationalratsabgeordneten Gabriele Heinisch-Hosek darüber, welche Probleme die Corona-Krise speziell für Frauen birgt.

Frauen zwischen finanzieller Abhängigkeit und häuslicher Gewalt.

Stefanie Wöhl machte auf die Vielschichtigkeit der Probleme aufmerksam: Man wisse bereits, dass Frauen, selbst wenn sie vollzeitbeschäftigt sind, in Krisensituationen mehr zusätzlich anfallende Arbeiten wie Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit übernehmen. „Selbst bei Kollegen und Kolleginnen nehme ich das so wahr“, stellte die Wissenschaftlerin fest. Auch zu erwarten sei zunehmende häusliche Gewalt an Frauen und finanzielle Abhängigkeit von Ehepartnern. Hinzu kommt, dass es für Frauen, die stark an den Privathaushalt gebunden sind und in politischen Gremien oft ohnehin schon unterrepräsentiert sind, schwierig ist, sich politisch zu äußern. Besonders stark betroffen von diesen finanziellen und sozialen Ungleichheiten sind Frauen im Niedriglohnsektor wie in der Kinderbetreuung oder an Supermarktkassen. Zumindest werden diese Tätigkeiten mittlerweile als „systemrelevante Berufe“ bezeichnet, politische Maßnahmen gibt es aber nur in Form von Notlösungen.

Pflegerinnen unter Druck.

Pflegerinnen aus Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern sind arbeitsrechtlich kaum abgesichert. Für ihre eigenen Kinder oder pflegebedürftige Angehörige müssen sie wiederum selbst Haushaltshilfen anstellen, die sich in ähnlichen prekären Arbeitsverhältnissen befinden. Dazu kommt, dass die Familienbeihilfe, die die Pflegerinnen in Österreich für ihre Kinder zuhause bekommen, momentan an die Lebenserhaltungskosten im Heimatland angepasst wird und somit deutlich unter der Familienbeihilfe für in Österreich lebende Kinder liegt. Das wird derzeit am Europäischen Gerichtshof wegen Diskriminierung aufgrund von Staatsangehörigkeit geprüft. Prekarität betrifft aber nicht nur osteuropäische Pflegerinnen: Auch in Österreich sind Frauen von Altersarmut betroffen, weil sie jahrelang unbezahlte Pflegetätigkeiten übernommen haben und daher eine unzureichende Pension bekommen.

Mit Gender Budgeting Richtung Gleichstellung.

Beide Expertinnen betonten die Bedeutung von Gender Budgeting, also der Sicherstellung, dass alle staatlichen Ausgaben und Einsparungen beide Geschlechter gleichermaßen erreichen. Dies müsse in allen Sektoren berücksichtigt werden. Außerdem sei es wichtig, die öffentliche Infrastruktur anzupassen, da laut Wöhl gerade in diesem Bereich, wie beispielsweise aktuell im Gesundheitswesen, Frauen oft benachteiligt werden. Heinisch-Hosek kritisierte in diesem Zusammenhang den schlampigen Umgang mit Gender Budgeting im österreichischen Parlament: „Es kann nicht sein, dass nicht in jeder Budgetverhandlung die Genderfrage gestellt wird“, meint die SPÖ-Abgeordnete. Bezüglich erster Maßnahmen zur Milderung der aktuellen Krise nannte Heinisch-Hosek eine Millionärssteuer und die Erhöhung der Mindestsicherung. Auf längere Sicht werde die soziale Frage, also die durch die Industrialisierung entstandenen sozialen Probleme, jedoch grundlegender diskutiert werden müssen, sie denke dabei auch an ein Grundeinkommen.

Ungleichheiten aufzeigen und Forschungsergebnisse berücksichtigen.

Eine Chance sieht Heinisch-Hosek in neuen (Online-)Formaten, wo Frauen sich mitteilen und Politiker*innen auf Ungleichheiten aufmerksam machen können. „Wir profitieren davon, wenn wir als Politiker*innen auch von Projekten der Zivilgesellschaft lernen können und sie in den Gremien, wo wir das diskutieren, einbringen können“, meinte die Nationalratsabgeordnete und appellierte für eine stärkere Vernetzung von Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft. Auch in Nichtregierungsorganisationen (NGOs) können sich Frauen politisch engagieren. Hier hob Heinisch-Hosek die Petition des Österreichischen Frauenrings und des Salzburger Frauenrats hervor, in der unter anderem ein stärkeres Sozialsystem und höhere Entlohnung für systemrelevante Berufe gefordert wird. Politikwissenschafterin Wöhl wünscht sich vor allem, dass Erkenntnisse aus der Forschung in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden: „Es muss in der Zukunft darauf geachtet werden, dass gerade hier [Anm.: in den Medien] auch Wissenschafter*innen zu Wort kommen, um evidenzbasiert argumentieren zu können“.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Videoaufzeichnung des Gesprächs

Link zur Gesprächsreihe

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