Arabische Feminismen – von verschiedenen Ansätzen und gemeinsamen Zielen.

Wie steht es um Frauenbewegungen in der arabischen Welt? Drei starke Frauenstimmen geben Antwort und erläutern anschaulich die Vielfalt arabischer Feminismen.

Drei Referentinnen, 300 Zuhörende – Frauenbewegungen nicht „unerhört“.

Etwa 300 Menschen besuchten die Veranstaltung „Unerhört? Frauenbewegungen in der arabischen Welt“ des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC, dt.: Wiener Institut für internationalen Dialog und Kooperation) am 15. Oktober 2018 in der Hauptbücherei der Stadt Wien. Sybille Straubinger, VIDC-Direktorin, stellte in ihrer Begrüßung fest, dass das Thema vor allem Frauen in die Hauptbibliothek führte und äußerte den Wunsch, dass Frauenbewegungen verstärkt auch zu einem Anliegen von Männern werden sollten.
Am Podium trafen sich drei Aktivistinnen aus verschiedenen arabischen Ländern. Neben der tunesischen Journalistin Safa Belghith waren die palästinensische Professorin Lena Meari sowie Omaima M. Abou Bakr, Universitätsprofessorin und Autorin aus Ägypten, eingeladen.

Feminismen und Aktivismus in Tunesien nach dem arabischen Frühling.

Safa Belghith, Wissenschaftlerin und freischaffende Journalistin mit Fokus auf Politik und Frauenrechte, referierte sehr anschaulich über Frauenbewegungen in Tunesien und deren Entwicklungen im Rahmen der jüngsten Revolution. Die tunesische Revolution, im Jahr 2011, gilt als der Beginn des arabischen Frühlings, einer breiten Protestwelle in vielen arabischen Staaten gegen die jeweiligen Regime und autoritär herrschenden Präsidenten. Belghith unterschied zwischen säkularem Feminismus und islamischen Nichtregierungsorganisationen (NROs) in Tunesien. Zwar stellte die Wissenschaftlerin Spannungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Ansätzen fest, argumentierte jüngste positive Entwicklungen aber als gemeinsamen Nenner aller FeministInnen in ihrem Heimatland. So ist verganges Jahr ein Gesetz verabschiedet worden, das Frauen vor jeglicher Gewalt schützen soll. Dieses Gesetz wurde von allen anwesenden Abgeordneten votiert und steht, so Belghith, für das gemeinsame Ziel aller feministischen Strömungen in Tunesien.

Islamischer Feminismus in Ägypten.

Professorin Omaima Abou Bakr erklärte, dass der Ursprung des ägyptischen Feminismus kein antireligiöser oder antiislamischer sei. Es handle sich um kritischen Feminismus, der sich gegen das Patriarchat richtet, welches im Namen der islamischen Religion ausgeführt wird. Die religiöse Interpretation des Islam in Ägypten sei eine männliche. Ägyptische FeministInnen forderten eine Reinterpretation unter Einbeziehung weiblicher Perspektiven. Die Religionswissenschaftlerin unterschied, auch auf Ägypten bezogen, verschiedene Feminismen. So erklärte sie, dass es sowohl einen ideologischen, als auch einen problembezogenen Feminismus gäbe. Eine gemeinsame Basis sehe Abou Bakr aber im Wunsch die gesellschaftlichen Probleme von Frauen, wie sexuelle Gewalt und ein ungleiches Eherecht, zu lösen. Als einen Meilenstein des feministischen Aktivismus in Ägypten wertet Abou Bakr eine Stellungnahme der Al-Azhar, im August diesen Jahres. Die Azhar ist eine der einflussreichsten islamischen, wissenschaftlichen Institutionen Ägyptens. Als Reaktion auf die zunehmende Berichterstattung von Gewalt an Frauen, veröffentlichte die Azhar im August 2018 eine Stellungnahme, dass jegliche sexuelle Belästigung „haram“, also verboten und unheilig vor dem islamischen Gesetz sei.

Kritische Stimmen aus Palästina.

Lena Meari verglich den Befreiungskampf Palästinas mit einem Antikolonialisierungskampf. Sie sprach vor allem von der Post-Oslo-Kolonialisierung Palästinas, also der Zeit, nach dem Oslo-Friedensprozess im Jahr 1993. Meari erklärte, dass eine westliche NRO-isierung des politischen Aktivismus die damals bestehenden Grassroot-Organisationen (dt.: Graswurzelorganisationen) ausgerottet habe. Grassroot-Organisationen sind gesellschaftliche Initiativen, die aus der Basis der Bevölkerung entstehen. So wurden marginalisierte, palästinensische Frauen zu Opfern gemacht, statt sie in eine Form von problembasiertem, feministischem Aktivismus einzubinden. Die Sozialwissenschaftlerin kritisierte auch, dass Bewegungen heute in Palästina vor allem diese Zielgruppe der marginalisierten Frauen fokussierten, statt das System zu kritisieren. Dies bewertet Meari als eine Entpolitisierung von Frauenkämpfen, also ein Entziehen dieser Kämpfe aus dem politischen Einflussbereich. Statt arabischen Feminismus auf den orientalistischen Diskurs zu reduzieren, fordert Meari Frauenkämpfe in Palästina unter dem Einfluss von Neokolonialismus und Neoliberalismus zu betrachten.

Antikoloniale und antikapitalistische Solidarität.

In der abschließenden Diskussion brachten sich viele der zahlreichen BesucherInnen ein. Wie können Menschen in Europa Frauenbewegungen in der arabischen Welt unterstützen? lautete eine der Fragen aus dem Publikum. Omaima Abou Bakr rief zu Respekt vor den Problemen und den eigenen, kontextuellen Lösungsansätzen der Frauen in der arabischen Welt auf. Die aktive Unterstützung von Menschen in Europa sei wichtig, ebenso wie die Prävention und das Beenden von Islamophobie. Lena Meari wünscht sich die Gründung von radikalen Organisationen in Europa, die eine antikoloniale und antikapitalistische Solidarität mit der arabischen Welt etablieren. Safa Belghith erklärte zum Abschluss, dass die Identitäten der Menschen im arabischen Raum unter Beschuss seien. Sie erläuterte, dass Menschen in Europa und anderen nicht-arabischen Teilen der Welt den Kontext und den Schauplatz von arabischem Feminismus verstehen müssen, um AktivistInnen in der arabischen Welt kein fremdes Bild von Feminismus aufzuerlegen. Sie erklärte den VIDC-Themenabend als eine wichtige Veranstaltung für dieses Verständnis und bedankte sich für das große Interesse an Frauenstimmen aus der arabischen Welt.

Die komplexen Fragen der Teilnehmenden zeigten eine weitreichende Auseinandersetzung und ein starkes Interesse am Thema Frauenbewegungen sowie an der geografischen Verortung, auf welche die Veranstaltung abzielte. Zumindest an diesem Abend schienen Frauenbewegungen in der arabischen Welt nicht unerhört zu bleiben.

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