Unsere Gegenwart ist stark geprägt von sozialer Ungleichheit, gewaltsamen Konflikten und Umweltzerstörung – diese Krisen verstärken einander, werden aber oft isoliert betrachtet. Der Workshop „Wie Klimagerechtigkeit und Friedensarbeit verknüpfen?“, geleitet von Sophia Stanger vom Austrian Centre for Peace und Juliana Krohn von der Universität Graz, widmete sich im Rahmen der Entwicklungstagung in Innsbruck der Frage, wie Frieden neu, ganzheitlich und ökologisch gedacht werden kann. Im Zentrum standen zwei Projekte: EnviPeace, ein Trainingskonzept für „Environmental Peacebuilding“ (deutsch: „Umweltfriedensarbeit“) und HAWA, ein Kapazitätsentwicklungsprojekt für humanitäre Akteur*innen in Westafrika. Beide verbindet die Erkenntnis, dass Frieden nicht allein zwischen Menschen verhandelt werden sollte, sondern auch die Beziehung zu Ökosystemen einbeziehen muss.
Mensch und Natur – eine künstliche Trennung.
Zu Beginn machten interaktive Methoden sichtbar, wie Frieden, Natur und Verantwortung wahrgenommen werden. Ein Positionsbarometer zeigte breite Zustimmung, dass es ohne Umweltschutz keinen nachhaltigen Frieden geben könne. Gleichzeitig fiel es vielen schwerer, den eigenen Handlungsspielraum klar zu benennen. Eine anschließende Imaginationsübung lud die Teilnehmenden ein, sich vorzustellen, was sie unter „Natur“ verstehen. Die Antworten ähnelten sich: Unberührte Wälder mit intakter Vegetation, viele Insekten, plätschernde Bäche, Osttiroler Berglandschaften – Menschen kamen nicht darin vor.
Dies spiegelt eine stark verankerte westliche Trennung zwischen Mensch und Natur wider – ein Graben, der auch in der Friedensarbeit fortbesteht, obwohl längst klar ist: Umweltzerstörung verschärft bestehende Konflikte und kann neue, intensivere entstehen lassen.
Frieden wird oft als Zustand oder Prozess zwischen Akteur*innen verstanden, denen üblicherweise Handlungsmacht zugesprochen wird: Staaten, Gruppen, Individuen. Auch mediale Berichterstattung trägt zu dieser Spaltung bei – soziale und ökologische Bewegungen werden häufig getrennt voneinander dargestellt, statt ihre Verflechtungen sichtbarer zu machen. Unsichtbar bleibt dabei Frieden über uns Menschen hinaus – mit Tieren, Ökosystemen, dem Planeten. Genau hier setzt „Environmental Peacebuilding“ an: Es versteht auch nicht-menschliche Aspekte als Mitgestaltende, die Konfliktdynamiken beeinflussen und bei Friedensbemühungen mitgedacht werden müssen.
Gewalt neu denken – Militär, Ökozid und planetare Krisen.
Ein erweitertes Friedensverständnis braucht auch ein erweitertes Gewaltverständnis. Gewalt zeigt sich aber nicht immer direkt – der Begriff „slow violence“ beschreibt schleichende, über Raum und Zeit verteilte Zerstörung. Militarisierung und Kriege befeuern die Klimakrise, auch wenn ihre Auswirkungen oft unsichtbar bleiben: Laut einer Studie von 2024 ist das Militär für etwa 5,5 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich – und gleichzeitig der einzige Sektor ohne Transparenzpflicht. Wäre das weltweite Militär ein Land, hätte es den viertgrößten CO2-Fußabdruck, gleich hinter China, den USA und Indien. Die freiwillige und unvollständige Berichterstattung über militärische Emissionen verschleiert so die Verantwortung, die Staaten mit hohen Rüstungsausgaben für das Klima tragen.
Unser Ökosystem ist oft ein stilles Opfer von Kriegen: Ein eindrückliches Beispiel lieferte die Zerstörung des Kakhovka-Staudamms in der Ukraine. Obwohl die Ukraine weniger als 6 Prozent der europäischen Landfläche einnimmt, beherbergt sie rund 35 Prozent der europäischen Biodiversität, welche durch den Krieg bedroht sind. Die Folgen werden sich über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte auswirken und sind in ihrem Umfang noch nicht einschätzbar. Vögel müssen aufgrund von Drohnen riesige Umwege zu ihren Brutplätzen fliegen und sterben oft vor Erschöpfung. Über Tiere und Natur zu sprechen, während Menschen sterben, mag zynisch wirken – doch wir sind mit dem Ökosystem verbunden. Dessen Zerstörung wirkt direkt auf unser Leben zurück. Um diese Wechselwirkungen sichtbarer zu machen, gibt es den Vorschlag, statt von einer Klimakrise von drei planetaren, einander verstärkenden Krisen zu sprechen: Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung.
Die Trennung zwischen Mensch und Natur ist auch innerhalb des Friedensbereiches tief verankert. Juliana Krohn berichtete, dass im EnviPeace-Team konkrete Beispiele helfen, diese Sichtweise aufzubrechen: Menschen haben oft eine sehr tiefe Verbindung zu Orten und Natur. Auch für indigene Gemeinschaften ist Natur mehr als Ressource. Ihre Interessen auszublenden – etwa wenn sie im Namen des Naturschutzes vertrieben werden, weil sie als Störfaktor in einem Bild unberührter Natur gelten – bedeutet, nachhaltigen Frieden zu verunmöglichen. Doch es gibt Ansätze, die lokale Gemeinschaften einbeziehen und zu zeigen, dass Naturschutz und menschliche Präsenz nicht im Widerspruch stehen müssen. Wichtig bleibt aber wissenschaftliche Fundierung und Abgrenzung zu Esoterik oder rechten Naturvorstellungen.
HAWA – Klimagerechtigkeit und Frieden in Westafrika.
Sophia Stanger vom Austrian Centre for Peace stellte das Projekt „Capacity Development for Humanitarian Assistance in West Africa“ (HAWA) vor. Die Region ist von multiplen Krisen geprägt: Soziale und politische Konflikte, extremistische Gewalt und extreme Betroffenheit von der Klimakrise. HAWA versucht Kooperationen zu fördern und bietet gezielte Trainings für humanitäre Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, staatlichen Behörden, Militär und Polizei an. Ziel ist es, unmittelbare Krisenhilfe zu ermöglichen und damit eine Basis für Wiederaufbau, Entwicklung, Frieden und Sicherheit zu schaffen.
Ein Beispiel ist Nigeria: Dort führen Überschwemmungen durch Starkregen regelmäßig zu Katastrophen. Die Betroffenheit ist geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Frauen haben oft weniger Zugang zu Radios und anderen Frühwarnsystemen, können seltener schwimmen und sind häufiger zuhause, weil sie Care-Arbeit leisten. Ein Empowerment-Modul stärkt Frauen in der humanitären Hilfe und fördert ihre berufliche Entwicklung. Die Trainings starten bei konkreten Problemen vor Ort und werden von lokalen Trainer*innen aus der Region gestaltet: So kommen Menschen zusammen, ohne über Begrifflichkeiten zu streiten. Europäisch geprägte Arbeitsweisen werden reflektiert, um kulturell angepasste Lösungen zu entwickeln. Friedensarbeit ist Beziehungsarbeit – auch mit Akteur*innen, deren Rolle aus friedenspolitischer Perspektive oft kritisch gesehen wird, wie etwa dem Militär. In Krisenzeiten übernimmt dieses oft Aufgaben im Katastrophenschutz. Anstatt dessen Präsenz zu ignorieren, geht es darum, konstruktiv damit umzugehen. Wenn Friedensansätze nachhaltig wirken sollen, müssen lokale Expertise und Perspektiven mitwirken.
Herausforderungen und Chancen – Reflexion der Teilnehmenden.
Zum Schluss diskutierten die Teilnehmenden Herausforderungen, Chancen und Good-Practice-Beispiele. Als Schwierigkeiten wurden unter anderem negativ aufgeladene Begrifflichkeiten genannt, die Zusammenarbeit erschweren, fehlende Vernetzung zwischen Akteur*innen sowie Ressourcenmangel und Interessenskonflikte. Auch Resignation angesichts multipler globaler Krisen wurde geteilt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass gerade die Verknüpfung mehrerer Krisen auch neue Chancen eröffnet: Sie kann breitere Allianzen zwischen Bewegungen ermöglichen, ein neues Verantwortungsgefühl erzeugen und dadurch neue Methoden und Ansätze entstehen lassen, die ökologische, soziale und friedenspolitische Fragen gemeinsam adressieren.
Der Workshop machte deutlich, dass Klimagerechtigkeit und Friedensarbeit untrennbar miteinander verbunden sind. Die Trennung zwischen Mensch und Natur zu überwinden, Gewalt umfassender zu denken und lokale Perspektiven einzubeziehen, können konkrete Schritte zu nachhaltigem Frieden sein. Dieser kann nur bestehen, wenn ökologische Lebensgrundlagen geschützt und globale Verantwortung mitgedacht wird.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Maike Schönwolff
Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.