Schreiben, Biografie & Migration – Autorinnen erzählen

Als Teil der Reihe „Bildung im C3ntrum“ fand am 15. Oktober 2013 die Veranstaltung „Schreiben, Biografie & Migration“ statt. Die beiden Autorinnen Seher Çakir und Zdenka Becker gaben einen Einblick in ihr Schaffen und diskutierten anschließend unter der Moderation von Olivera Stajic mit einem 50-köpfigen Publikum über Fremd- und Selbstzuschreibungen, das Gefühl der Zugehörigkeit und die Bedeutung von Sprache.
Nach einer kurzen Begrüßung und einleitenden Worten von Petra Dannecker, außerordentliches Kuratoriumsmitglied der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), stellte Olivera Stajic vom Standard die beiden Autorinnen vor. Seher Çakir las als Einstieg aus ihrer im Verlag „Edition exil“ erschienenen Anthologie „ich bin das festland“. Zdenka Becker gab Auszüge aus ihrem neuen Roman „Der größte Fall meines Vaters“ zum Besten. Zwei Texte, die eigentlich nicht wirklich mit den Migrationserfahrungen der beiden Autorinnen zu tun haben. Und dennoch werden sie oft auf gerade diesen Aspekt ihrer Lebensgeschichte reduziert.

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Olivera Stajic, Seher Çakir, Zdenka Becker (v.l.n.r.)

Schubladen, Stempel und Stereotypen

Bei der Vermarktung der Literatur von AutorInnen mit Migrationshintergrund die Migrationserfahrung der VerfasserInnen hervorzuheben und andere Identitätsaspekte völlig außer Acht zu lassen, scheint gang und gäbe zu sein. Wie aber stehen die Schreibenden selbst zu dieser mitunter fragwürdigen Praxis?

Schreiben_Biographie_Migration_039a.JPGÇakir ist vehement dagegen; Schubladendenken könne sie nicht ausstehen. „Wenn es schon eine Schublade sein muss, dann am ehesten die der Autorin.“ Und die nicht selten aufgestellte Behauptung, dass eine derartige Etikettierung für den Verkauf förderlich sei, könne sie nicht bestätigen. Ein Kompliment in Bezug auf ihre ausgezeichneten Deutschkenntnisse vorbehaltlos anzunehmen, falle ihr schwer: „Die Türkin in mir ist dann stolz; aber die Österreicherin in mir ist beleidigt.“ Die Autorin ist allerdings überzeugt, dass sich an der Betonung ihrer türkischen Herkunft nichts ändern werde, solange sich die Gesellschaft nicht ändere.

Auch Becker wurde und wird in ihrem Alltag immer wieder mit Stereotypen und „Stempeln“ konfrontiert. Besonders ärgerlich finde sie die Frage, ob es ihr „hier bei uns“ gefalle und ob sie vorhabe, für immer „hier bei uns“ zu bleiben. „Wo soll ich denn bitte hingehen? Ich bin seit 30 Jahren in Österreich. Und was soll ,bei uns‘ bedeuten? Bin ich denn nicht ‚bei uns‘?“ Österreich sei für sie nicht das Ausland, genauso wenig wie die ehemalige Tschechoslowakei, in der sie aufgewachsen ist. „Ich komme aus drei Ländern.“ Anfangs habe sie sich fremd und unsicher gefühlt, gab Becker zu, doch das liege in der Vergangenheit, weit entfernt.

Verschiedene Funktionen von Sprache

Je besser Becker nach ihrer Ankunft in Österreich die Sprache beherrschte, desto mehr Sicherheit verspürte sie. Heute sieht sie Deutsch als Teil ihrer Identität. „Deutsch ist auch meine Sprache, nicht nur eine Arbeitssprache“, sagte Becker, die ausschließlich in deutscher Sprache schreibt.

Deutlich wurden im Gespräch mit der Moderatorin auch die unterschiedlichen Bedeutungen und Funktionen, die Sprache für die beiden Autorinnen in ihrem Alltag einnehmen. Sprache dient einerseits als Instrument und Werkzeug, andererseits aber auch als Schutz, denn das Schreiben in einer Sprache, die nicht die „Muttersprache“ ist, kann bei der Abgrenzung und Distanzierung von emotional negativ behafteten Erinnerungen helfen. Und schließlich bietet Sprache auch die Möglichkeit, sich auszudrücken, sich mitzuteilen.

Gleichzeitig ist Sprache auch in gewisser Weise ein Angriffspunkt. Ein Akzent – so nuanciert er auch sein mag – wird häufig negativ bewertet oder führt zumindest oft dazu, dass die Autorinnen in Gesprächen mit anderen auf ihre Migrationserfahrungen angesprochen werden, beziehungsweise sogar darauf begrenzt und in die Rolle „der Migrantin“ gedrängt werden. Eine Rolle, in der sie sich allem Anschein nach nicht wohlfühlen, weil dabei die vielen anderen Aspekte ihrer Identität, wie beispielsweise die Rolle der Mutter oder Freundin, ihrer Bedeutung beraubt und vergessen werden. Natürlich habe die Erfahrung, Schreiben_Biographie_Migration_041a.JPGin ein fremdes Land auszuwandern, ihr Leben geprägt, so Çakir. Doch legitimiere dies nicht, dass man sie auf diese Erfahrung reduziere, denn sie sei eben nur ein Teil ihrer Biografie. Um genau dieser Praxis der Reduktion entgegenzuwirken, habe sie für die Lesung im Rahmen der Veranstaltung bewusst einen Text gewählt, der Migration nicht thematisiert. Eine ähnliche Botschaft vermittelte Becker in ihrem Text „Hautnah“. Dort meinte sie, dass es ihr manchmal vorkäme, als sei ihr Beruf „Ausländerin“, weil die Frage nach ihrer Herkunft beinahe in jeder Konversation falle.

Integration – keine Aufgabe für Autorinnen

Dass in den Köpfen vieler Menschen eine gewisse Tendenz besteht, mit dem Wort der „Migration“ automatisch das der „Integration“ zu assoziieren, zeigten auch die Wortmeldungen aus dem Publikum, die den Abend beschlossen. Auf die Frage nach Vorschlägen für erfolgreiche Integrationsprogramme beziehungsweise Lösungsansätze für das sogenannte „Integrationsproblem“ reagierte Çakir ein wenig verärgert. „Wie soll ich das lösen? Und wieso ich? Ich bin Autorin, nicht Politikerin.“

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Eines konnte die Veranstaltung sehr gut verdeutlichen: Etikettierung, Schubladendenken und Stereotypisierung sind nach wie vor ein Thema. Und dieses Thema gilt es auch weiterhin anzusprechen und bewusst zu machen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Fotos: Bernadette Goldberger. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.