Fotos: © Paulo Freire Zentrum.

Fakt oder Fiktion? Wie Migration in der Bevölkerung wahrgenommen wird.

„Wahrnehmung, Stereotype und Wissenslücken bei EU Bürgerinnen und Bürgern über Migration“. Wie wird Migration in Österreich wahrgenommen und welchen Einfluss haben die Medien auf diese Wahrnehmung? Das war Thema der Südwind-Studienpräsentation und anschließenden Podiumsdiskussion im C3 Zentrum für Internationale Entwicklung am 11. Oktober 2019.

Das von der EU geförderte Projekt CIAK MigrACTION! will Negativschlagzeilen über Flucht und Migration entgegenwirken und die einseitige Darstellung durch eine (mediale) Perspektivenvielfalt ersetzen. Südwind hat im Rahmen dieses Projekts 1000 Österreicher*innen zu ihrer Einstellung über Migration befragt.

Ergebnis: Uns geht’s eh gut – aber Migrant*innen bedrohen uns.

Österreicher*innen sind, so das Ergebnis der Studie, im Großen und Ganzen zufrieden. Sowohl die wirtschaftliche Situation des Landes, als auch die eigene finanzielle und berufliche Situation befinden mehr als zwei Drittel als eher gut. Migration sehen Österreicher*innen als eine der größten Herausforderungen für das Land; auf der Top-fünf Liste an Herausforderungen schafft es das Thema Platz zwei. Die Auswirkungen von Migration würden von der einen Hälfte der Befragten als positiv, von der anderen Hälfte als negativ bewertet. Dies könne als Hinweis auf die Spaltung der Gesellschaft gedeutet werden, die durch Debatten um Migration verstärkt werde, so Stefan Grasgruber-Kerl. Mehr als 40 Prozent fühlen sich von Migrant*innen bedroht; 20 Prozent sind sogar der Meinung, Österreich müsse geflüchtete Menschen wieder in ihre Herkunftsländer zurück schicken – auch wenn das Leben koste.

Wahrnehmung oder Realität: der Einfluss der Medien.

Österreicher*innen haben eine verzerrte Wahrnehmung wenn es um den Anteil der Migrant*innen in der Bevölkerung geht. So glauben die Befragten, dass von 100 Personen, 35 Migrant*innen sind – und liegen mit dieser Einschätzung 19 Prozentpunkte über dem tatsächlichen Anteil von 16 Prozent. Bei Muslim*innen ragt die Wahrnehmungsschere noch weiter auseinander: Der wahrgenommene Anteil von 26 Prozent liegt fast vier Mal so hoch wie der tatsächliche Anteil von sieben Prozent.
Ob diese verschobene Wahrnehmung von der einseitigen Darstellung auf Migration in den Medien herrührt, wurde nicht weiter erörtert. Allerdings vertrauen nur 27 Prozent der Berichterstattung in Zeitungen und Fernsehen; mehr als ein Drittel ist sogar der Meinung, diese berichteten bewusst negativ über Migrant*innen. Und nur ein Fünftel der Befragten findet, das Migrant*innen genug zu Wort kommen. Das Ergebnis der Studie, es brauche sowohl mehr persönliche als auch mediale Kontakte mit Migrant*innen, um Vorurteile abzubauen, wurde dann auch vom anschließenden Podium geteilt.

Migration nicht verkürzt darstellen.

Marian Benbow-Pfisterer, Leiterin des Landesbüros für Österreich der Internationalen Organisation für Migration (IOM), sieht die Darstellung von Migration in den Medien gemischt. „Es gibt Beispiele von ausgewogener und sachlicher Darstellung“, so Benbow-Pfisterer. Migration werde aber auch oft verkürzt dargestellt und auf „irreguläre Migration und Asyl“ reduziert. Themen wie Arbeitsmarktmigration oder Familienzusammenführung bekämen oftmals zu wenig Platz in der Berichterstattung.
Marie-Claire Sowinetz, Pressesprecherin des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) Österreich meint, dass Flucht abseits von den gängigen Narrativen erzählt werden sollte. Ein gelungenes Beispiel sieht sie im Refugee Olympics Team. Hier würden geflüchtete Menschen nicht auf ihre Flucht reduziert, sondern als Sportler*innen wahrgenommen.
Katja Horninger vom Fonds Soziales Wien setzt auf Dialog. „Begegnung nimmt Angst“, so Horninger. Es gebe kaum reale Orte, wo unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Es brauche mehr Orte und Projekte, wie etwa die von Medienhäusern initiierte Aktion „Deutschland spricht“, wo Dialog aktiv gefördert werde.

Migrant*innen in Medien und den Diskurs einbinden.

Richard Solder, Chefredakteur des Südwind-Magazins, meint, es sei wichtig, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Redaktionen müssten diverser gestaltet werden. Diese seien sehr klassisch aufgestellt, nur wenige Migrant*innen seien Teil des Teams.
Auch Ramin Siawash, Journalist bei Radio Orange, ist der Meinung dass Migrant*innen in den Redaktionen mitarbeiten sollten. Der Status der sogenannten Expert*innen müsse hinterfragt werden. Geflüchtete Menschen haben persönliche Erfahrungen mit dem Thema Flucht und Migration. Medien sollten diese „Quelle“ nutzen, so der Journalist.
Lediglich eine gute Geschichte über Migrant*innen zu erzählen, sieht Siawash, nicht als Lösung an. Es müssten sowohl die positiven als auch die negativen Seiten der Migration dargestellt werden. Meldungen aus dem Publikum teilten diese Meinung. Rassismus und Diskriminierung werde normalisiert; positive Berichte alleine würden nicht ausreichen. Vielmehr sollten auch migrantische Vereine gefördert werden. Diese sollten die Möglichkeit haben, sich gegen negative, verunglimpfende Berichterstattungen wehren zu können.

Wie erreicht man die Massen?

Letztendlich war noch die Frage, wie der im Raum vorherrschende „Good-Will“ (dt. Wohlwollen) auch die große Masse erreichen könne. Hier gingen die Meinungen auseinander. Von politischer Bildung, über eine gelungene Kommunikationsstrategie bis hin zur Förderung kleinerer Medienprojekte. Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer*innen vor allem bei einem Punkt: Migration ist komplex.

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Fotos: © Paulo Freire Zentrum.

Weiterführende Links:

Südwind/CIAK MigrACTION
Download der gesamten Studie
Radio Orange/Ramin Siawash
Stadt Wien/CORE

Veröffentlicht in Themen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.