Was macht ein gutes Leben wirklich aus – und warum gerät diese Frage innerhalb unseres Wirtschaftssystems immer wieder aus dem Blick? Martin Oettings Dokumentarfilm Purpose (Kinopremiere am 4. Juni 2025 in Wien) widmet sich genau dieser Frage. Der Film verknüpft persönliche Erlebnisse mit einer kritischen Auseinandersetzung mit unserem Wirtschaftssystem und versucht Antworten aufzuzeigen, wie eine Wirtschaft gestaltet werden könnte, die nicht auf Wachstum beruht – sondern auf Wohlergehen von Mensch und Natur.
Persönliche Reflexion und systemische Kritik.
Anders als erwartet beginnt der Film nicht mit einem Appell zur Klimakrise oder einem nüchternen Bericht ökologischer Fakten, sondern mit einer persönlichen Szene: Oettings Vater, geboren 1937, fährt durch eine verschneite Landschaft und betritt eine alte Holzhütte. Aus dem Off erinnert sich der Sohn an die Worte seines Vaters, gesprochen kurz vor der deutschen Wiedervereinigung: „Lass uns hoffen, dass der Kapitalismus jetzt nicht über Tische und Bänke geht“. Diese leise Warnung wird zum Ausgangspunkt eines Films, der autobiografisch beginnt – und sich zu einer tiefgreifenden Analyse globaler Wirtschaftssysteme entwickelt.
Oetting blickt zunächst auf sein eigenes Leben zurück: Zwei Jahrzehnte war er in der Werbebranche tätig – als Autofan, Wachstumstreiber, Botschafter des Konsums. Erst mit zunehmender Umweltzerstörung, politischen Erschütterungen wie Trump, Brexit und dem weltweiten Rechtsruck beginnt seine Selbstreflexion. „Die Welt schien voller Angst und Wut. Ich verstand nicht, warum. Ich dachte, es würde allen besser gehen, solange die Wirtschaft brummt.“ Diese existenzielle Frage wird zum roten Faden des Films: Warum nimmt das gesamtgesellschaftliche Wohlbefinden nicht zu, obwohl die Wirtschaft wächst? Warum steigen Angst, Stress und mentale Belastung – obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst?
Was misst das BIP?
Das BIP versucht, einen simplen Sachverhalt darzustellen: die Summe aller wirtschaftlichen Aktivitäten innerhalb eines Landes. Wenn diese im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent steigen, gilt das als Wachstum – unabhängig davon, ob dieses durch nachhaltige Investitionen, Umweltzerstörung oder Rüstungsausgaben zustande kommt. Ökonomin Maja Göpel kommt im Film als Expertin zu Wort und ordnet ein: Das BIP entstand in Kriegszeiten, um zu berechnen, wie viel wirtschaftliche Leistung ein Land kurzfristig mobilisieren kann. „Es wurde nie dafür gemacht, um das Wohlergehen einer Gesellschaft zu messen“. Die historische Deutung als Fortschrittsanzeiger bezeichnet sie als Missverständnis – oder als politisches Kalkül.
Doch es gibt Alternativen: Der „Genuine Progress Indicator“ (GPI) etwa berücksichtigt auch soziale und ökologische Folgekosten wirtschaftlicher Aktivitäten. Während das BIP stetig wuchs, zeigt der GPI: Der tatsächliche gesellschaftliche Fortschritt stagnierte und ging zurück – seit etwa 1978. Das zeigt: Mehr Freiheit für die Wirtschaft nützt insbesondere jenen, die Kapital besitzen und investieren können. Für viele andere hingegen steigen die Mieten und die prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu – wodurch die Angst vor Armut steigt. Aber Purpose ist nicht bloß eine düstere Skizze der heutigen Probleme. In der zweiten Hälfte des Films richtet sich der Blick nach vorn: auf Alternativen, auf Menschen, die andere Wege suchen.
Zwei Protagonist*innen des Wandels.
Der Film begleitet zwei Persönlichkeiten: die australische Politökonomin Katherine Trebeck, die in Schottland lebt, und Lorenzo Fioramonti, Professor für politische Ökonomie in Südafrika. Katherine verfolgt das ambitionierte Ziel, ein Bündnis von Regierungen zusammenzustellen, die sich dem Wohlergehen von Mensch und Erde verpflichtet fühlen – eine sogenannte Wellbeing Economy Governance (WEGo), die ein Gegenmodell zu den G7 abbilden soll. Statt ökonomischem Wachstum steht hier das Wohlergehen der Menschen, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit im Zentrum der politischen Agenda. Um das zu erreichen, arbeitet sie gemeinsam mit der Wellbeing Economy Alliance an der Vorbereitung eines Gipfels, der Slowenien, Schottland und Costa Rica als die ersten Länder zusammenbringen soll, die sich von einer reinen Wachstumslogik verabschieden wollen.
Costa Rica erscheint dabei als Hoffnungsträger: Fast hundert Prozent des Stroms stammt aus erneuerbaren Energien, es gibt keine Armee, die Lebenserwartung liegt über der vieler Industrienationen. Laut des „Happy Planet Index“ belegt Costa Rica den ersten Platz im Hinblick auf nachhaltiges Wohlergehen. Doch auch hier bleiben Rückschläge nicht aus: Als ein zentraler Vermittler des Landes aus dem Regierungsprojekt entlassen wird, zieht sich Costa Rica aus dem Projekt und dem geplanten Gipfel zurück. Ebenso Slowenien. Der Film zeigt einen Verlauf von Rückschlägen, doch das Team rund um Trebeck gibt nicht auf. Nach und nach stoßen andere Länder dazu: Neuseeland, Island, später auch Wales und Finnland. Kanada und Australien beginnen erste Schritte der Zusammenarbeit.
Lorenzo Fioramonti: Wandel von innen.
Lorenzo Fioramonti, Initiator der Idee, ein internationales Bündnis jenseits des BIP zu schaffen, ist der zweite Protagonist des Films, der ebenfalls für ein alternatives Wirtschaftssystem einsetzt. Er erhält jedoch unerwartet die Möglichkeit, ein G7-Land von innen heraus zu verändern – als Kandidat der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung. Wir begleiten im Film Lorenzo, wie er in Italien verschiedene politische Stationen durchläuft – vom gescheiterten Anlauf als Wirtschaftsminister über das Amt des Vizeministers für Bildung bis hin zum Bildungsminister. Sein politisches Engagement zielt auf eine grundlegende Reform des Wirtschaftssystems – orientiert an gesellschaftlichem Wohlergehen und sozialer Gerechtigkeit. Sein zentrales Ziel als Bildungsminister: Ein größeres Budget für Schulen und Universitäten zu schaffen, da in den vergangenen zwanzig Jahren in Italien erhebliche Kürzungen im Bildungsbereich vorgenommen wurden. Doch woher soll das Geld kommen?
Lorenzo schlägt eine kontroverse Aktion vor: die Besteuerung von ungesunden und umweltschädlichen Produkten, wie gesüßte Getränke und stark verarbeitete Snacks. Das Vorhaben stößt jedoch auf erheblichen Widerstand – nicht nur seitens der Opposition und der Medien, sondern auch aus den eigenen Reihen. Angesichts der wachsenden politischen Spannungen innerhalb des Kabinetts und der Fünf-Sterne-Bewegung entscheidet sich Lorenzo schließlich zum Rücktritt als Bildungsminister. Trotz dieses Rückschlags zeigt ein weiteres Projekt von Lorenzos die Wirksamkeit einer Einzelperson, die Veränderung anstrebt: Als erstes Land weltweit führte Italien auf seine Initiative hin verpflichtenden Klimaunterricht an allen Schulen ein. Dieses Gesetz ist bis heute in Kraft und dient als Vorbild für zahlreiche andere Länder. Es ist ein bleibendes Vermächtnis von Lorenzos Wirken – ein nachhaltiger Fußabdruck, der weit über seine Amtszeit hinausreicht.
Fazit.
Purpose ist kein Film, der einfache Lösungen präsentiert – und genau darin liegt seine Stärke. Statt fertiger Antworten liefert Martin Oetting eine zutiefst persönliche und zugleich systemische Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist der Sinn und Zweck von Wirtschaft? Was ist ihr Purpose? Diese Frage nach dem Sinn – nicht nur der Wirtschaft, sondern auch unseres Handelns – öffnet Raum für Reflexion, über Bedeutung, Verantwortung und Zukunft. Der Film konfrontiert uns mit der Erkenntnis, dass das BIP kein Maß für Glück, Gesundheit oder Zukunftsfähigkeit ist. Vielmehr zeigt er mit eindrücklichen Beispielen, dass unser aktuelles System die Menschen wie den Planeten gleichermaßen überfordert. Die Verknüpfung von persönlichen Erzählungen und politischen Prozessen beeindruckt besonders: Wir erleben, wie Katherine und Lorenzo konkrete Alternativen formulieren und politisch umsetzen wollen. Ihre Geschichten zeigen, dass Wandel mühsam ist, oft mit Rückschlägen einhergeht – aber dennoch möglich bleibt.
Auch auf emotionaler Ebene schafft es Purpose, die Zuschauer*innen zu berühren: Etwa wenn Lorenzo über seine Enttäuschung in der italienischen Regierungsbildung spricht oder Katherine erkennen muss, dass ein geplanter Gipfel scheitert. Diese Brüche verleihen dem Film Tiefe und machen deutlich, dass echter Wandel nicht linear verläuft – sondern von engagierten Menschen getragen wird, die trotz Widerständen nicht aufgeben. Der Film macht nicht nur Probleme sichtbar, sondern auch Alternativen greifbar. Er vermittelt die leise, aber kraftvolle Botschaft, dass wir das Wirtschaftssystem nicht hinnehmen müssen, wie es ist – weil es menschengemacht ist. Und damit veränderbar: „The economy is man-made. We can make it, unmake it and make it again”.
Oetting gelingt mit Purpose ein berührender und aufrüttelnder Film, der uns einlädt, Wirtschaft neu zu denken – jenseits von Wachstum, Konsum und Konkurrenz. Am Ende steht die Frage: Was wäre, wenn wir Wirtschaft nicht länger dem Wachstum unterordnen, sondern dem Wohlergehen von Mensch und Natur?
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Shot aus dem Film ‘Purpose’, Omnipolis Media 2024
Weiterführende Links:
Hier geht es zur Website des Films.
Die Wellbeing Economy Alliance.
Mehr Infos zu den Hintergründen des BIPs findet ihr hier.
Dieser Bericht illustriert Fioramontis Erfolg, Klimaunterricht in den Lehrplan italienischer Schulen aufzunehmen.