Soziale Arbeit und Sozialpolitik gegen soziale Ungleichheit (Forum 4)

Welchen Beitrag zur Entwicklungsagenda können Soziale Arbeit und Sozialpolitik leisten? Im Forum vier der Entwicklungstagung beschäftigen sich rund 25 TeilnehmerInnen mit dieser Frage und formulierten konkrete Vorschläge, um die Potentiale der Sozialen Arbeit auch für „soziale Entwicklung“ einzusetzen.

Soziale Arbeit, Sozialpolitik und Entwicklung?

Die Notwendigkeit, sich mit sozialer Ungleichheit zu beschäftigen, stehe sowohl im Diskurs um Soziale Arbeit und Sozialpolitik als auch im „Entwicklungsdiskurs“ im Fokus. Überraschend sei jedoch, dass diese Sphären der Auseinandersetzung bisher wenig interagierten, so Helmut Spitzer (FH Kärnten). Dabei seien Schnittstellen (z.B. die Debatte um Soziale Sicherung im Rahmen der Post-15-Agenda oder der Diskurs um das bedingungslose Grundeinkommen) und Gemeinsamkeiten offensichtlich und mehr Austausch könnte bereichernd sein: Individuelle Lebenssituationen seien „Produkte“ des Gesellschaftssystems und SozialarbeiterInnen, die unmittelbar an diesen Schnittstellen arbeiten, verfügen über wertvolles Wissen zur Interaktion zwischen dem individuellen Mikrokosmos und größeren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Helmut Spitzer rief AkteurInnen der Sozialen Arbeit demnach auf, diese Potentiale zu nutzen und gesellschaftspolitisch aktiv zu sein, Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen und Politiken zu beeinflussen.

Globale Agenda für Soziale Arbeit und Soziale Entwicklung

Eine Rahmenbedingung hierfür solle mit der sogenannten „Globalen Agenda für Soziale Arbeit und soziale Entwicklung“ geschaffen werden. Antoinette Lombard (ASASWEI, IASSW) berichtet von dieser gemeinsamen Initiative der International Federation of Social Workers (IFSW), der International Association of Schools of Social Work (IASSW) und des International Council on Social Welfare (ICSW). Diese gingen von der Erkenntnis aus, dass heutige sozio-ökonomische Strukturen negative Effekte auf Menschen haben: Wirtschaftssysteme streben unreguliert nach Gewinn, beuten dabei Menschen aus, bedrohen kulturelle Diversität und höhlen die, als soziale Sicherung fungierenden, Beziehungsnetze aus. So habe das internationale Netzwerk der Sozialen Arbeit beschlossen, sich Zielen wie „sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit, Würde für alle Menschen, Stärkung des Gemeinwohls durch Beziehungsnetze sowie Nachhaltigkeit“ zu verschreiben.

Soziale Arbeit in Ost-Afrika als Beitrag zu sozialer Entwicklung

Über die vor-Ort-Realitäten der Sozialen Arbeit in Ost-Afrika berichtete Janestic M. Twikirize (Makerere Universität, PROSOWO, IASSW) und betonte, dass aus Sicht der SozialarbeiterInnen ein eindeutiger Anstieg an sozialer Ungleichheit zu erkennen sei. Zu begrüßende Sozialpolitiken wie z.B. den Social assistance grant in Uganda gäbe es zwar, doch mangle es an der Umsetzung. Die Soziale Arbeit leiste in diesem lückenhaften Sozialnetz zentrale Auffang- und Empowerment-Arbeit, sodass Twikirize von einer „Schlüsselrolle der SozialarbeiterInnen“ sprach. Sie müsse jedoch gestärkt werden, um der steigenden sozialen Ungleichheit entgegen wirken zu können. Einen Betrag hierzu leiste das Projekt „PROSOWO“: In Kooperation mit vier ostafrikanischen Partnerinstitutionen gehe es in diesem Projekt um die Erforschung und Förderung des Beitrags Sozialer Arbeit zur Armutsbekämpfung. Einen wichtigen Gedanken hierzu brachte Helmut Spitzer ein, der hervorhob, dass Soziale Arbeit vor allem auf lokalen, kulturellen und spirituellen Sozialpraktiken aufbauen sollte, denn viele Theorien der Sozialen Arbeit sind westlicher Prägung und in anderen Kontexten unbrauchbar. Das Wissen über lokale Sozialpraktiken, das SozialarbeiterInnen „im Feld“ sammeln könnten, sei also ein weiteres zentrales Potential für den „Sozial-Entwicklungs-Diskurs“.

Politischer Einfluss von SozialarbeiterInnen – im Sinne sozialer Entwicklung

Diese Inputs warfen jedoch einige Fragen auf, die anschließend rege diskutiert wurden: Wie kann das Wissen aus Sozialer Arbeit in Sozialpolitik einfließen, wie können EntscheidungsträgerInnen erreicht werden? Welche Machtbeziehungen sind zu berücksichtigen? Welche strukturellen Rahmenbedingungen zu verändern?

Letztlich entstand eine Vorstellung von relevanten Strategien: Prinzipiell solle die sozialkritische Bildung der SozialarbeiterInnen gefördert werden – mit transdisziplinärer Ausrichtung. Außerdem solle mehr wissenschaftliche Forschung geschehen, die dann, in gut verständlicher Sprache, auch dezidiert an politische EntscheidungsträgerInnen gerichtet werden könnte. Es solle also eine stärkere Verbindung zur Politik aufgebaut werden, sowie Möglichkeiten, die „accountability“ (die Verantwortlichkeit) politischer EntscheidungsträgerInnen einzufordern. Um ein einflussreiches Gewicht zu erlangen, müssten die heterogenen AkteurInnen der Sozialen Arbeit jedoch zu mehr „Einheit“ finden und kräftige „Wissensallianzen“ bilden. Bei all dem sollten Machtverhältnisse ständig reflektiert und herausgefordert werden.

Nicht zuletzt müssten auch die Entscheidungsstrukturen der Politik selbst auf Partizipations-Ungleichheit hin in Frage gestellt und Strukturveränderungen gefordert werden, damit BürgerInnen und SozialarbeiterInnen die Sozial- und Entwicklungspolitik besser mitgestalten können.

Laura Magenau studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

The Global Agenda for Social Work and Social Development

Association of South African Social Work Education Institutions“ (ASASWEI)

International Association for Schools of Social Work (IASSW)

International Federation of Social Worker (IFSW)

International Council on Social Welfare (ICSW)

Promotion of Professional Social Work towards Social Development and Poverty Reduction in East Africa (PROSOWO) 

Social protection: A development priority in the post-2015 UN development agenda



Fotos: Michael Straub

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2014, Dokumentation.