Am Anfang stand eine einfache Aufgabe: Beschreibe dich selbst in fünf Sätzen. Aber ohne Alter, Herkunft, Ausbildung, Äußerlichkeiten oder traumatische Erfahrungen zu nennen. Plötzlich wurde es schwieriger, sich den anderen Teilnehmenden des Workshops vorzustellen. Und zugleich persönlicher. Nicht „Ich bin Studentin“, nicht „Ich komme aus …“, nicht „Ich habe einen Hund und zwei Katzen.“ Sondern Sätze wie: „Am wohlsten fühle ich mich in der Natur“, „Ich bin eine Nachteule“, „Ich bin ein Overthinker.“
Wie nehmen wir eine Person wahr, wenn die Kategorien wegfallen, anhand derer wir sie sonst einordnen? Im ausgebuchten Workshop „In der Schule wird Deutsch gesprochen! Mehrsprachigkeit und Macht(verhältnisse) in der Schule“ des Logopäden und Lehrers Ali Dönmez wurde genau diese Frage zum Ausgangspunkt. Wenn ich weiß, woher die Eltern einer Person kommen, ob sie Geschwister hat oder welche Sprache sie zuhause spricht, kann ich Mutmaßungen treffen. Gerade im Bildungsbereich wird viel mit solchen Einordnungen gearbeitet. Wer weiß, dass ein Schulkind nicht „Deutsch als Erstsprache“ hat, lernt das Kind dadurch nicht automatisch kennen. Diese Kategorien sagen zwar etwas über Menschen aus, aber sie erzählen nicht, wer jemand ist.
„Da sind nur Kinder.“
In einem Video, das Dönmez für den Workshop ausgewählt hat, wird ein Kind gefragt, ob es im Kindergarten „Ausländer“ gebe. Die Antwort: Nein, da sind nur Kinder. Dieser Satz ist stark, weil er etwas sichtbar macht, das Erwachsene oft verlernt haben. Kinder werden einfach als Kinder gesehen, nicht nur als Schüler*innen mit oder ohne „Migrationshintergrund“, mit oder ohne „Deutsch als Erstsprache“, mit oder ohne Förderbedarf.
Solche Kategorien können für Statistiken relevant sein und Bildungsdebatten strukturieren. Dönmez rief typische Schlagzeilen in Erinnerung. Wenn eine solche beispielsweise behauptet, dass an einer Schule „91 Prozent der Kinder nicht mehr Deutsch als Umgangssprache“ haben, klinge das nach Kontrollverlust. Doch Dönmez gibt zu bedenken, dass man dieselbe Zahl auch anders erzählen könnte: als Hinweis darauf, dass sehr viele Kinder mehrsprachig leben. In der öffentlichen Debatte erscheine Mehrsprachigkeit in Schulen jedoch selten als Ressource, sondern viel eher als Problem.
Wo Sprache ihren Platz hat.
Beim Sprachenportrait zeichneten Teilnehmende des Workshops eine Silhouette und trugen ein, welche Sprachen in ihrem Leben eine Rolle spielen. Nicht nur Sprachen, die sie perfekt sprechen. Auch Sprachen, die mit Freundschaften, Religion, Musik oder Erinnerungen verbunden sind. So wird sichtbar: Sprache ist nicht nur Übersetzung. Sprache hängt an Körpern, Orten, Stimmen, Menschen. Deutsch kann Denksprache sein, Englisch Arbeitssprache, Arabisch Gebetssprache. Mehrsprachigkeit beginnt nicht erst dann, wenn jemand drei Sprachen fließend beherrscht. Sie beginnt dort, wo Sprachen Bedeutung tragen.
Deshalb stelle ein Sprachgebot nie nur eine grammatische Fähigkeit in den Vordergrund, so Dönmez. Es treffe eine Einteilung nach der Zugehörigkeit. Wer sagt „Sprich hier nicht so“, sagt schnell auch „Bring diesen Teil von dir hier nicht mit.“ Die Begründungen verfolgen vordergründig pädagogische Ziele: Alle sollen einander verstehen. Niemand soll ausgeschlossen werden. Die Kinder sollen besser Deutsch lernen. Es soll nicht gelästert werden.
Im Workshop wurde diese Zielsetzung hinterfragt. Gute Absichten würden problematische Wirkungen nicht automatisch aufheben. Ein Sprachgebot kann zwar freundlich formuliert sein – „Redet Deutsch“ – und trotzdem dasselbe bewirken, wie ein Sprachverbot, etwa „Türkisch ist verboten“: Bestimmte Kinder lernen, dass ihre Sprache in der Schule keinen Platz hat.
Wenn Gleichbehandlung ungleich wirkt.
Auch rechtlich ist eine sanktionierte Deutschpflicht in Pausen problematisch, dennoch wurden in Österreich auf Bundesländerebene bereits Absichtserklärungen zur Einführung dieser in Arbeitsübereinkommen von Regierungsparteien festgehalten. Deutsch als Unterrichtssprache ist unbestritten. Etwas anderes ist es aber, wenn Schüler*innen auch außerhalb des Unterrichts dazu verpflichtet werden, ausschließlich Deutsch zu sprechen – etwa in Pausen, am Gang oder am Schulhof. Dann gehe es nicht mehr nur um Unterrichtsorganisation, so Dönmez, sondern um die Frage, ob Kindern der Gebrauch ihrer Erstsprache verboten oder sanktioniert wird.
Genau hier wird es heikel: Eine Deutschpflicht in Schulpausen kann eine mittelbare Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit darstellen. Denn formal gilt die Regel vielleicht für alle, praktisch trifft sie aber nur jene Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Besonders problematisch wird es, wenn Verstöße bestraft werden: durch Strafarbeiten, Sitzpausen oder Ausschluss vom Spielen. Damit wird Sprache nicht gefördert, sondern überwacht.
Welche Sprachen gelten als wertvoll?
Kaum jemand fordert ernsthaft, Schule solle einsprachig sein. Englisch, Französisch oder Spanisch sind mit Vorstellungen von Bildung, Chancen, Weltoffenheit verbunden. Als problematisch werden meist andere Sprachen wahrgenommen: Türkisch, Arabisch, BKS, Albanisch, Kurdisch, Farsi. Darin zeigt sich, dass es selten nur um Sprache geht. Es gehe darum, wer spricht. Ein „Stefan Müller“, der Türkisch lernt, werde anders gelesen als ein Kind, das Türkisch von zuhause mitbringt, so Dönmez als Beispiel.
Sprache hängt an sozialen Ordnungen. Manche Sprecher*innen werden aufgewertet, andere abgewertet. Genau hier setzt der Begriff Linguizismus an: Diskriminierung über Sprache. Linguizismen können rassistisch wirken, wenn bestimmte Sprachen mit „Fremdheit“ markiert werden, klassistisch, wenn Dialekte abgewertet werden, oder ableistisch, wenn Sprechweisen als Zeichen geringerer Intelligenz gelesen werden.
Wenn Sprache von eigentlichen Problemen ablenkt.
Eine der stärksten Leitfragen des Workshops lautete: Wie würde ich einen Konflikt lösen, wenn alle Beteiligten Deutsch als Erstsprache hätten? Diese Frage entlarvt vieles. So verschiebt sich nämlich der Diskurs weg von der Problematik von Fremdsprachen hin zu einer Analyse von problematischem Verhalten. Wenn Kinder lästern oder jemanden ausschließen, ist das ein zwischenmenschlicher Konflikt. Entscheidend sei, welches Verhalten unangebracht ist und nicht, welche Sprache gesprochen werde. Ali Dönmez vergleicht hier mit dem Parlament: Auch da werde Deutsch gesprochen, ohne dass daraus automatisch Respekt oder Miteinander entstehen.
Natürlich ist Deutsch in Österreich Unterrichts- und Bildungssprache. Kinder sollen in der Schule die Möglichkeit bekommen, Deutsch zu lernen, um sich darin auszudrücken. Sprachförderung entsteht aber nicht durch Sprachverbot. Wer die Erstsprache eines Kindes abwertet, stärkt nicht automatisch Deutsch. Oft schwächt man damit vielmehr das Selbstverständnis des Kindes. Forschung zu Mehrsprachigkeit zeigt zudem seit Langem, dass gut entwickelte Erstsprachen den Erwerb der Schulsprache nicht behindern, sondern ihn stützen können. Genau diese pädagogische Arbeit brauche es auch in mehrsprachigen Klassen.
Macht im Klassenzimmer.
Lehrpersonen arbeiten in einem System aus Lehrplänen und Tests. Gleichzeitig haben sie im Klassenzimmer enorme Wirkungsmacht. Sie können Regeln bestimmen, Kinder schützen oder beschämen, Konflikte deuten, Macht delegieren, Sprachverbote setzen. Oder sie können ihre Autorität nutzen, um ein anderes Klima zu schaffen.
Vielleicht beginnt die pädagogische Arbeit in mehrsprachigen Klassen genau dort: nicht bei der perfekten Methode, sondern bei der Sensibilität dafür, welche Ordnung durch das eigene Handeln entsteht. Bewirke ich ein sprachliches Miteinander – oder eine sprachliche Unterordnung?
„In der Schule wird Deutsch gesprochen!“ klingt nach Klarheit, Ordnung und Gemeinsamkeit. Aber Gemeinsamkeit entsteht nicht dadurch, dass manche Kinder Teile ihrer Identität verleugnen müssen. So kann man nicht bloß sagen „Redet Deutsch“ und Frieden herrscht. Man muss nachfragen, vermitteln, Grenzen setzen und Beziehung herstellen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Markus Winkler, pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/holz-typografie-schule-fliesen-18512802/)
Weiterführende Links:
Zum Workshopreferenten Ali Dönmez
Zur Fachtagung Migrationspädagogik
Instagram @migpaed_institut