„Wir bestimmen unseren Weg!“ Alternative Perspektiven zur Entwicklung in Serbien

Wie ist es möglich, dass ein Land, das vor ein paar Jahrzehnten noch ein prosperierender ArbeiterInnenselbstverwaltungsstaat war, heute ökonomisch zerstört und sozial disparat ist? Wie kann es sein, dass in einer Region, die als „Kornkammer“ bekannt ist, ein beträchtlicher Bevölkerungsanteil sich die Lebensmittel nicht mehr leisten kann? Und welche alternativen Perspektiven könnten Wege der Veränderung eröffnen?

Diese Fragen thematisierte der Aktionsradius Wien im Rahmen seiner Osteuropa-Reihe Osterheiterung abgesagt am 13. März 2012. Der Titel der Veranstaltung Wir bestimmen unseren Weg entstammt einem Dokumentarfilm über einen von ArbeiterInnen selbst verwalteten Betrieb im serbischen Zrenjanin, der auch an diesem Abend gezeigt wurde. Der Jugoslawien-Experte Hannes Hofbauer gab einen Überblick über die neoliberale Wende in Ex-Jugoslawien. Wie sich diese in einem Dorf in der Vojvodina auswirkt und welche alternativen Perspektiven es dazu gibt, diskutierten mit ihm die Sozialaktivistin Elisabeth Ettmann und der Agrarökonom Haroun Moalla. Der Film und die Entwicklungsbestrebungen der Gemeinde Secanj gaben an diesem Abend Anlass zu einem Funken Hoffnung für ein Land, das sich in keiner leichten Situation befindet.

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Folgen der neoliberalen Wende

Die Arbeitslosigkeit in Serbien beziffert Hannes Hofbauer mit 25 %. Einen Arbeitsplatz zu haben bedeutet aber nicht unbedingt, dass mit dem Einkommen die Grundbedürfnisse gedeckt werden können. Einem Durchschnittslohn von rund 300 Euro stehen Preise auf westeuropäischem Niveau gegenüber. Die durch die Schuldenpolitik des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank aufoktroyieDSC_0040.JPGrten Sparmaßnahmen haben die Löhne gedrückt und das soziale Netz Jugoslawiens gelockert, sodass neben Arbeitslosen vor allem PensionistInnen in der Armutsfalle landen. Nach 20 Jahren Krieg und Misswirtschaft haben sich Perspektivenlosigkeit und Resignation ausgebreitet. Die meist einzige Perspektive der Jungen ist die Migration in den Norden. Mit dem Zerfall Jugoslawiens, erklärte Hannes Hofbauer, wurden die ehemaligen Staatsbetriebe aussortiert: Die Hälfte, an die 10.000 Unternehmen, wurde geschlossen, während private InvestorInnen, oft Milosevic-treue ParteigängerInnen, die profitablen Betriebe erwarben. Die Übernahmen liefen meist völlig intransparent ab.

 

Der Kampf für das Recht auf Arbeit

Im Dokumentarfilm über den selbst verwalteten Pharmabetrieb Jugoremedija äußert ein Arbeiter und Aktivist seine Wut gegenüber der Trias aus Wirtschaft, Politik und Verbrechen. Er spricht damit vielen SerbInnen aus dem Herzen. Doch anders als gewohnt, führt der Unmut über die übermächtigen und verflochtenen Eliten hier nicht zur Resignation. Die ArbeiterInnen von Jugoremedija verwandelten ihn in Mut zur Gegenwehr und Eigeninitiative. Sie protestierten gegen den Verkauf des staatlichen Anteils an einen Privatier. Denn dieser, bald von der Interpol wegen Zigarettenschmuggels gesucht, hatte nur zum Ziel, Gewinn aus dem Verkauf des betrieblichen Wertbestands zu lukrieren.

Ein langer, zäher Rechtsstreit, um den Verkauf rückgängig zu machen und die Lizenzen zu genehmigen, wurde schließlich von den ArbeiterInnen gewonnen. Als KleinaktionärInnen haben sie ihren Betrieb wiedererstanden und verwalten ihn nun selbst. Der beachtliche Erfolg wird aber getrübt von heftigen wirtschaftlichen und persönlichen Repressionen, die darauf abzielen, den Widerstand der hartnäckigen ArbeiterInnen zu brechen. Doch der Kampf für das Recht auf Beschäftigung und Selbstbestimmung geht weiter.

Brasilianische Verhältnisse vor der Haustür Europas

Von einer anderen Bewegung, nur wenige Kilometer von der ehemaligen Industriestadt Zrenjanin entfernt, berichteten die Sozialaktivistin Elisabeth Ettmann und der Agrarökonom Haroun Moalla. Die beiden assistieren einem Entwicklungsprozess in einem Dorf nahe der rumänischen Grenze. Ettmann erklärte ihre Grundmotivation für ihr Engagement mit der inspirierenden Wirkung von Migration: In ihrer langjährigen Tätigkeit in der niederschwelligen Sozialarbeit im 15. Wiener Bezirk stellte sie sich die Frage nach den Ausgangsbedingungen der MigrantInnen in Wien und lernte das Heimatdorf ihres serbischen Kollegen kennen: Secanj. Es wurden Kontakte geknüpft, Beziehungen entwickelt und Netzwerke aufgebaut, die im Lichte der gemeinsamen Suche nach Perspektiven für eine nachhaltige Lokalentwicklung standen.

Dabei fiel der Blick bald auf die extrem ungleichen landwirtschaftlichen Verhältnisse. Fast jede Familie ist angesichts der hohen Lebensmittelkosten auf die Eigenversorgung in ihren Gärten angewiesen, während sich 80 % der landwirtschaftlichen Fläche in der Gemeinde Secanj im Besitz von nur einer Person befinden. Mit der Privatisierung der serbischen Landwirtschaft im Jahr 2005 und den enormen globalen Preissteigerungen der Nahrungsmittel in den darauffolgenden Jahren entdecken immer mehr GroßinvestorInnen die Kornkammer Vojvodina als lukratives Geschäftsfeld. Die rasant wachsenden Exportstatistiken dienen der serbischen Politik als Belege ihrer Entwicklungserfolge.

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Aber wem dient diese Entwicklung?

Diese Frage steht für Ettmann und Moalla im Zentrum. Sie unterstützen deshalb die Suche nach alternativen Wegen der Regionalentwicklung, die aus den Potentialen der Menschen vor Ort wachsen und eine gerechte Teilhabe ermöglichen, unabhängig von sozialer, ökonomischer und kultureller Herkunft. Ettmann kenne die Resignation gegenüber der im Film erwähnten Trias aus Politik, Wirtschaft und Kriminalität von den BewohnerInnen Secanjs leider nur allzu gut.

Deshalb bestehe ein bedeutender erster Schritt in dem Erlangen von Hoffnung, selbst etwas verändern zu können. Die ersten Früchte dieser Hoffnung reifen bereits: Im Moment läuft ein Antrag der Gemeinde für ein Projekt des Wissenstransfers, der die Stärkung der SelbstversorgerInnen zum Ziel hat. Der Prozess ist erst am Anfang, aber Wege entstehen beim Gehen, ist die Sozialaktivistin überzeugt. Und sie lädt Interessierte ein, ein Stück mitzugehen.

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Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.