Eine Präsentation des Buches „Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch.“ von Corinna Milborn.

Fragile, schaukelnde, überladene Boote mit erschöpften Flüchtlingen,
mit Beton und Stacheldraht gesicherte Außengrenzen Europas, Bekämpfung
von illegaler Einwanderung durch High Tech-Überwachungssysteme, Leichen
in der "Straße von Gibraltar".
Diese Bilder werden von Fernsehstationen
in die friedlichen Haushalte von europäischen Ländern geliefert.
PolitikerInnen werden befragt, ZuschauerInnen hören, dass es um
Integration gehe, um geregelte Zuwanderung, und dass das Boot voll sei.
Gemeint ist in diesem Fall das Boot "Weißes Europa". Die Journalistin Corinna Milborn und der Fotograf Reiner Riedler haben sich auf die Suche begeben, nach den auswanderungswilligen BewohnerInnen Afrikas, nach den als "integrationsunwillig" titulierten Einwanderinnen und Einwanderern an den Großstadträndern Europas. Allerorts wurden sie von Behörden und Institutionen gewarnt, gefährlich sei es, sich mit Jugendlichen in den Vorstädten von Paris zu treffen, in die Lager von AfrikanerInnen in Marokko zu gehen, überhaupt nach Afrika zu reisen. Getroffen haben sie gastfreundliche Menschen, die von ihrem Leben, ihren Hoffnungen und ihren Ängsten erzählt haben. Der plakative Titel des Buches drängt die Frage auf, wer die so genannte Festung Europa stürmen will.
Wer "stürmt" hier?
Das Ende der öffentlichen "multikulturellen Debatte" Westeuropas lässt sich in etwa mit dem "Fall der Mauer" datieren. Das "Zusammenwachsen" Europas schien auf der Hand zu liegen. Eine Neuordnung der Welt braucht ein neues Vokabular. Das Buch von Corinna Milborn liest sich wie eine Enzyklopädie dieses Vokabulars. Integration, Asylgrund, Asylbescheid, Asylant, kontrollierte Zuwanderung, Illegaler, Schubhäftling, Identität und kulturelle Differenz, staatliche Sicherheit. Diese Worte geistern inflationär durch die Medien. Jenseits Europas heißt das Zauberwort Migration. Corinna Milborn beschreibt am Beispiel Burkina Faso eindrücklich die Auswirkungen der "Politik des reichen Nordens, die Menschen dazu treibt, ihre Heimat zu verlassen". Die Lebensgrundlage von Generationen versickert durch Strukturanpassungsprogramme von Weltbank, IWF oder EU. In Burkina Faso konzentrieren sich die Zielsetzungen der Weltbank und des IWF auf den Export von Baumwolle. Für ein Land in der Sahelzone ein paradoxes Unterfangen. Zurück bleiben Bauern, die den von giftigen Pestiziden getränkten, kargen Boden nicht mehr bewirtschaften können. Spätestens an diesem Punkt der Lektüre wird den Lesenden klar, Auswandern aus Afrika ist keine spontane Sache, es impliziert immer den verzweifelten Versuch, die Familie vor dem Verhungern zu bewahren.
Richtung Europa zu Fuß
Tausende Menschen aus den Ländern südlich der Sahara warten in Marokko auf eine Gelegenheit über die Meerenge oder die spanischen Enklaven von Ceuta und Melilla nach Europa zu gelangen. Corinna Milborn begegnet dem neunzehnjährigen Faly in Ceuta. Als er sich nach Europa aufmachte, war er sechzehn Jahre alt, ein unbegleiteter Flüchtling aus Guinea Bissau in Mali lebend. Zu Fuß bewältigte er den Weg von Mali nach Marokko, durchquerte er die Sahara. Ganze drei Jahre war er unterwegs nach Europa.
Vor etwa zwanzig Jahren war es ein "running gag" in den afrikanischen Communities Österreichs, zu erzählen, man sei "zu Fuß" nach Österreich gekommen. Es erschien absurd, sich zu Fuß von Afrika nach Europa aufzumachen. Sprachlich bewältigt die Autorin die Festschreibung der Absurdität durch einen ständigen Dialog von Fakten und Interviewaussagen. Faly meint lakonisch, er sei im größten "Freiluftgefängnis". Corinna Milborn spricht von Ceuta als dem größten "Warteraum" Europas. Hier warten die Flüchtlinge, die die Flucht über den mit Stacheldraht gesicherten Doppelgrenzzaun überlebt haben, auf ihren Asylbescheid.
Freiheit Gleichheit – Brüderlichkeit
Kein anderes Wort hat eine so rasante Bedeutungsverminderung erfahren, wie das Wort "Asylwerber". Die einzige Möglichkeit in Europa einzuwandern, ist ein Asylantrag. Die Asylanträge im gesamteuropäischen Raum sind rückläufig. Wie in der Wirtschaft gibt es auch ein Ranking der Top Ten Flüchtlingsaufnahmeländer. Keine einzige europäische Nation ist hier vertreten. Kongo, Pakistan und Tansania nehmen die meisten Flüchtlinge auf. Während die Bereitschaft, Flüchtlingen Aufnahme zu gewähren, sinkt, steigen Rassismus und Xenophobie in Europa. Sichtbar Fremde sind täglich Diskriminierungen ausgesetzt, unabhängig davon wie lange sie schon in Europa leben. Die Autorin hat sich an den "Rand der Ränder" begeben. In einer der Vorstadtsiedlungen von Paris begegnet sie Emmanuel. 1962 kam er aus Mali nach Frankreich. Ein ganzes Leben hat er als Bauarbeiter im Gastland gearbeitet, um dann festzustellen, dass er nur Anspruch auf eine Mindestpension hat. Viele Jahre war er nicht zu dem Lohn gemeldet, zu dem er gearbeitet hat. Bei einer Rückkehr nach Mali würde er den ohnehin geringen Pensionsanspruch verlieren. Er ist kein Einzelfall und fasst seine Situation treffend zusammen: "Damals, als sie uns gerufen haben, waren wir willkommen. [] Aber heute ist Frankreich eine Hölle für die Zugewanderten. Ich bereue es jeden Tag meines Lebens, dass ich hergekommen bin." Die brennenden Autos in den Banlieues im November 2005 gaben Einblick in diese Hölle. Der französische Innenminister Sarkozy wollte alle beteiligten "Ausländer" sofort ausweisen. Die Statistik demaskierte die vollmundige Aussage, 94 % der Revoltierenden waren Franzosen. Deutlich wurde, die Säulen der französischen Demokratie, "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" gelten nicht für alle Franzosen und FranzösInnen.
Modell: sozialer Ausschluss
Nicht nur in Frankreich wird die zweite und dritte Generation von Zuwanderinnen und Zuwanderern ausgegrenzt. In London trifft die Autorin auf Mohammed, dessen Eltern aus Somalia geflohen sind, und Ahmed, ein Brite pakistanischer Herkunft. Beide haben keinen einzigen weißen Bekannten. Beide leben von Gelegenheitsjobs, denn die Chance mit einem arabisch klingenden Namen zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, ist gering. Ähnlich ist die Situation in Deutschland. Jugendliche türkischer Herkunft werden zunehmend ausgegrenzt. Eingebürgerte Deutsche wie etwa der Islamwissenschafter Bassam Tibi bestätigen die Tendenz zur Ausgrenzung: "Hier bleibt man immer Ausländer", sagt er in einem Interview. Das mit Abstand restriktivste Staatsbürgerschaftsgesetz Europas hat Österreich. Mit der Novelle des Gesetzes 2005 wurde etwa beschlossen, wenn Kinder von Zuwanderinnen und Zuwanderern ab der fünften Klasse ein "Nicht genügend" im Zeugnis haben, verlängert sich die Wartefrist auf die Staatsbürgerschaft um zehn Jahre. Eine andere Regelung besagt, wenn Zuwanderinnen und Zuwanderer in einem Zeitraum von drei Jahren Sozialhilfe bezogen haben, werden sie von der Einbürgerung ausgeschlossen. In Österreich wird nicht nur in Vorwahlzeiten gern eine Verbindung zwischen steigender Arbeitslosenrate und dem "Ausländeranteil" der Bevölkerung gezogen. Doch der kolportierte Zusammenhang von Zuwanderung und dem Steigen der Arbeitslosenrate ist in keinem Land Europas nachzuweisen.
Der als zynisch zu bezeichnende Umgang mit Zuwanderinnen und Zuwanderern in Europa wird sich zwangsläufig ändern müssen. Denn Europa braucht Zuwanderung. Wie und wann PolitikerInnen diese Botschaft an Ihre BürgerInnen kommunizieren werden, bleibt abzuwarten.
Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch. Fotos: Reiner Riedler. Styria Verlag, 2006. 248 Seiten, 19,90, ISBN-13: 978-3-222-13205-6.
Die Autorin ist Afrikanistin und Literatin. Sie lebt und arbeitet in Wien.