Kunst, Kultur und Entwicklung waren die Schlagwörter einer Veranstaltung des Instituts für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft (IKM) am Samstagnachmittag, den 9. März 2013. Fünf Vortragende sprachen aus unterschiedlichen Blickwinkeln über die Thematik.Es war ein kleiner, fast familiärer Rahmen in dem die Veranstaltung „Kulturarbeit im internationalen Kontext“ im IKM am Nachmittag in die zweite Runde ging. Nachdem der Vormittag dem Thema Kulturdiplomatie gewidmet war, lag der Themenschwerpunkt nach der Mittagspause auf Kunst und Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) sowie Kultur als Entwicklungsfaktor. Daniel Gad, Franz Schmidjell, Michael Wimmer, Thomas Groß und Maria Villamil sprachen dazu über unterschiedliche Aspekte des Themas, Silke Anger vom IKM übernahm die Moderation bei der anschließenden Diskussion.
Kultur und Entwicklung in Deutschland
Kunst und Kultur seien unscharfe Begriffe, so Daniel Gad von der Universität Hildesheim. Man könne aber zumindest vier Dimensionen erkennen: interkulturelle Kommunikation, soziokulturelle Rahmenfaktoren, Globales Lernen, sowie künstlerische und kreative Ausdrucksformen. Kultur sei daher auch für die EZA ein wichtiges Thema. Bei EZA-Projekten im globalen Süden gehe es auch immer darum, die Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen für komplexe Zusammenhänge und Problematiken zu schärfen, Interesse und Verantwortungsbewusstsein zu wecken sowie lokale Lösungskonzepte zu entwickeln und umzusetzen. Die Betätigung mit künstlerischem Schaffen, sowohl aktiv als auch die „bloße“ Rezeption, könne hier von Nutzen sein. Sie habe einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und könne dazu beitragen, für diese Ziele wichtige Schlüsselqualifikationen zu erlernen.
Besonders wichtig sei dabei die Berücksichtigung der Aspekte „Ownership“ und Nachhaltigkeit. Das heißt, dass ein Projekt nur dann erfolgreich sein kann, wenn sich die Bevölkerung damit identifizieren und Eigeninitiative ergreifen kann. Die angestoßenen Projekte sollten langfristig sein und weiterverbreitet werden. Dabei gelte es auch, soziale, finanzielle oder örtliche Barrieren zu überwinden, die eine Teilnahme der Bevölkerung erschweren. Als Beispiel einer solchen Überwindung nannte Gad die „Biblioburros“ in Kolumbien. Auf dem Rücken von Eseln (burros), werden regelmäßig Bücher in entlegene ländliche Gebiete transportiert und dort an Kinder verliehen.
Wenig Annäherungen zwischen Kultur und EZA in Österreich
Franz Schmidjell, stellvertretender Geschäftsführer des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) sprach über die mangelnde Gewichtung von Kultur in der österreichischen EZA. Zwar habe es einige positive institutionelle Entwicklungen gegeben, wie die Berücksichtigung kultureller Aspekte im EZA-Gesetz 2003 oder die Aufnahme von Kultur im Dreijahresprogramm von 2009 als eigenständiges Kapitel. Die politische Debatte, so Schmidjell, sei allerdings nur punktuell und nicht systematisch. Im neuen Dreijahresprogramm (2013-2015) seien Kunst und Kultur so gut wie kein Thema mehr.
Ein Grund für die mangelnde Annäherung von Kunst, Kultur und Entwicklung liege darin, dass Kultur und EZA zurzeit wie zwei unterschiedliche Betriebssysteme funktionierten. Während die EZA von „Armen“ oder „Begünstigten“ spreche, würden sich KünstlerInnen des globalen Südens selten als solche sehen, sondern eben als schaffende KünstlerInnen. Die Planungsprozesse der EZA mit ihren langen Vorlaufzeiten und Planungstools (z. B. Logframe) sowie die Verengung der EZA auf Wirksamkeit und Resultate stünden einer künstlerischen Arbeitsweise oft entgegen. Budgetkürzungen und der fehlende Dialog zwischen den AkteurInnen täten ihr Übriges.
Zudem fehle auch oft das Verständnis für die Wichtigkeit des Kulturellen. Die EZA konzentriere sich auf Armutsbekämpfung, das Bewusstsein, dass darin aber auch eine kulturelle Ebene liegt, sei weder in der Politik noch in der Zivilgesellschaft ausreichend verankert. Dabei wäre Kultur als Querschnittsmaterie für EZA sehr wichtig. Es brauche neue Projekt- und Programmformate sowie vermehrten Dialog, Kooperation und Kulturaustausch zwischen Nord und Süd. Die derzeitige Verunsicherung der EZA, die aufgrund der oft an ihr geäußerten Kritik gewachsen sei, könne nun aber eine Chance dafür bieten, neue Ideen einzubringen. Neue Indikatoren der Wohlstandsmessung, wie zum Beispiel das „Bruttonationalglück“ in Bhutan, könnten auch mehr Platz für Kunst und Kultur schaffen.
Mangelndes Interesse
Michael Wimmer, Geschäftsführer vom Institut EDUCULT, sprach das mangelnde Interesse an der Thematik an. Rede man über Kultur und Entwicklung, gelange man zudem sehr schnell zum konkreten Projekt oder zur konkreten Initiative, eine grundsätzliche Diskussion finde aber nur selten statt. Dies sei wohl einer der Gründe, warum es in der EZA noch nicht gelungen sei, Kunst und Kultur im entwicklungspolitischen Diskurs zu verankern.
Wimmer brachte nun auch Überlegungen mit ein, die sich bei einer von EDUCULT durchgeführten Evaluierung eines Kunst- und Kulturprogramms der George Soros Foundation in Zentralasien ergaben. Das Programm hatte es sich zum Ziel gesetzt, mithilfe lokaler KünstlerInnen gesellschaftlichen Wandel anzuregen. Allerdings schien es unterschiedliche Wünsche und Vorstellungen der PartnerInnen zu geben. Denn die KünstlerInnen hatten wenig Interesse daran, als EntwicklungsagentInnen aufzutreten. Sie verstanden sich als international und wollten mithilfe der Förderungen aus der Region, in der wenig Publikum für ihre Kunst zu finden war, hinaus und dorthin, wo Entwicklung „bereits passiere“. Wimmer problematisierte damit die Vorstellung, dass Kunst per se eine gesellschaftsverändernde Wirkung habe und brachte den Aspekt der Kontextabhängigkeit mit ein.
Lesen Sie auch die Fortsetzung dieses Artikels: „Wie viel Kultur braucht Entwicklung? Teil 2“.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.