Wertschöpfungsketten und internationaler Handel

Am Nachmittag des Jahrestreffen Entwicklungforschung am 7. März wurden Präsentations- und Diskussionspanels angeboten, die sich inhaltlich an die Entwicklungstagung 2014 orientierten. Neben „Politikentwicklung und Ökologie“, „Klima und Energie“ wurde das Thema „Wertschöpfungsketten und internationaler Handel“ im Rahmen von vier Vorträgen behandelt.

Neue Wertschöpfung

Sandra Stieger von der Universität Salzburg sprach über Wertschöpfung innerhalb des ecuadorianischen Kakaosektors, die sie im Rahmen einer Forschungsarbeit untersucht hatte. Das Ziel ihrer Forschung war u.a., Entwicklungschancen und -potentiale für Kakao-ExporteurInnen aufzuzeigen.

In Ecuador finde mehr als die Hälfte der Produktion bei KleinproduzentInnen statt. 83% des Kakaos würden gleich als Rohstoff exportiert. Es gebe allerdings kein zertifiziertes System zur Qualitätsbestimmung bei Kakaobohnen, sodass auch der meiste Edelkakao zum normalen Weltmarktpreis verkauft werde.

Stieger beschrieb die Wertschöpfung anhand von Formen der Koordination einerseits und des „Upgradings“ andererseits. Als Beispiel für Wertschöpfung durch Koordination nannte sie die wertebasierte Koordination der Qualität, wie sie etwa bei Fair-Trade-Schokolade der Fall sei. Aufgrund von Vertrauen könnten hier höhere Preise gerechtfertigt werden.

Upgrading, also Effizienz- beziehungsweise Qualitätssteigerung, könne unter anderem eine Verbesserung des Produktionsprozesses bedeuten. Stieger nannte hier das Beispiel eines ecuadorianischen Kakaoproduzenten, der ein verbessertes Röstverfahren für seinen Kakao entwickelt hatte. Auch veraltete Plantagen oder der Anbau ungeeigneter Kakaosorten seien ein Problem und würden gute Ansatzpunkte für Verbesserungen bieten. Im Durchschnitt liege der Anteil der KakaoproduzentInnen an der Gesamtwertschöpfung bei 4,6%, beziehungsweise 5,6% im Fall von Fair-Trade-Produktion. Bei dem österreichischen Schokoladenhersteller Zotter, den Stieger in ihre Forschungen miteinbezogen hat, liege dieser Anteil bei 4,9% – allerdings seien die Preise pro Tafel hier deutlich höher. Nach dem Vortrag wurde noch diskutiert, ob der Anbau gentechnisch veränderter Sorten mit höheren Erträgen eine sinnvolle Verbesserung wäre oder eher zu hohen Folgekosten führen würde.

Landnahme aus ökologischen Gründen

Barbara Spechtl gab einen Input zu Land Grabbing in Bezug auf die europäische Agrosprit- und Handelspolitik. Durch vorgegebene Mindestanteile von Biosprit in Treibstoffen steige der Landbedarf in der Produktion. Um diesen Bedarf zu decken, kaufen Länder des globalen Nordens Land im globalen Süden, was zu vielschichtigen sozialen und ökologischen Problemen führe. Mit dem Fokus auf ökologische Kriterien im eigenen Land würden vom Norden soziale Kriterien vernachlässigt. Auch die Sicherheit über die zukünftige Energieversorgung sei ein wichtiges Thema, da Staaten hier immer zuerst auf ihre eigenen Bedürfnisse achten würden. Es gehe vor allem um die Sicherung des gewohnten Wohlstands. Spechtl betonte die wichtige Rolle des globalen Nordens für den Handel, da die meisten Konzerne dort angesiedelt seien. Auf der Ebene des Wissens würden genauso Machtverhältnisse sichtbar. Der Zugang zu Wissen könne erschwert werden, etwa durch Schutz von geistigem Eigentum. Außerdem würden Informationen selektiert, um Konzerne und besonders teure Entwicklungen des globalen Nordens zu begünstigen. Land Grabbing sei in der Folge ein Mittel zur Ressourcensicherung bei gleich bleibender Produktions- und Wirtschaftsweise.

Faire Wertschöpfung

Veronika Hämmerle sprach über Möglichkeiten und Veränderungen durch Fair Trade im Tourismus (FTT). Es handle sich dabei um ein spezielles FTT-Gütesiegel, welches Tourismusbetrieben unter bestimmten Auflagen verliehen werde. Von der Umsetzung des Konzepts habe sie sich durch Interviews in südafrikanischen Betrieben ein Bild gemacht. Im Konzept seien Standards für Umweltschutz, lokale Warenbeschaffung, Weiterbildung von MitarbeiterInnen und mehr festgelegt. Viele davon würden von den Betrieben als sinnvoll erachtet. Manchmal gebe es jedoch Erschwernisse: Ein Kleinbetrieb habe zum Beispiel Probleme damit gehabt, seine gesamte, häufig mündliche Kommunikation zu verschriftlichen, wie es in den Regelungen vorgesehen war. Weiters könne sich die Evaluierung schwierig gestalten. Zu bemerken war laut Hämmerle, dass die FTT-Zertifizierung in Südafrika eher wenig direkten Einfluss hatte. Es gebe daneben ja auch noch staatliche Vorschriften für Tourismusbetriebe. Das Siegel werde vor allem für Marketingzwecke genutzt, da Fair Trade in vielen Ländern des globalen Nordens als Marke bekannt sei. Im Inland sei es dagegen kaum bekannt. In der Diskussion nach dem Vortrag wurde noch bemängelt, dass das Siegel von außen, also aus dem globalen Norden eingeführt wurde und nicht aufgrund von lokalen Bedürfnissen.

Kulturen und Regeln

Zu der Problematik von „importierten“ Regeln und Vorschriften sprach auch Valentin Seidler (Uni Wien) in seinem Vortrag über Institutionen und Entwicklung. Institutionen bilden in der Ökonomie die Rahmenbedingungen für ökonomisches und soziales Handeln. Sehr anschaulich erklärte er ökonomische Institutionen am Beispiel der Kreuzungsregelung im Straßenverkehr. Je nach Kultur und Lage seien verschiedene Optionen unterschiedlich sinnvoll: Ampeln würden an Kreuzungen mit wenig Verkehr keinen Sinn machen; Kreuzungen mit vier Stopptafeln würden in Kanada gut funktionieren, aber in Österreich wahrscheinlich nicht. Genauso sei es auch nicht sinnvoll, überall auf die gleichen ökonomischen Institutionen zu setzen. Regeln, die sich näher am eigenen Kulturkreis befinden, würden leichter übernommen und seien dadurch effizienter. Die Ausbreitung des Kreisverkehrs von England nach Mitteleuropa sei ein Beispiel dafür. Problematisch sei es hingegen, wenn Regeln von außen und ohne Rücksicht auf die lokale Kultur eingeführt werden, nur weil sie sie woanders bewährt haben.

Die Vorträge des Panels gestalteten sich sehr unterschiedlich, was es schwer machte, sie miteinander zu verknüpfen. Gemeinsamkeiten ließen sich in Bezug auf Umdenkprozesse und Abkehr von klassischen Wegen und Mitteln (wie Weltmarktvertrieb, Vertrauen in die „unsichtbare Hand“, Ausbeutung) bei zumindest drei der vier Vorträge erkennen. Trotz, oder gerade wegen der unterschiedlichen Themen wurden aber einige interessante Einblicke geboten.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.