Wenn die Helferkavallerie anrückt Workshop 1

Über die zahlreichen Dilemmata der humanitären Hilfe diskutierte Martina Schloffer, Leiterin der internationalen Hilfe des Roten Kreuzes, mit den TeilnehmerInnen des ersten Workshops. Selbstkritisch. Und ehrlich.In einem Land, nennen wir es Pi, zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe ab. In der Nacht zuvor hatte ein schweres Erdbeben das Land in Schutt und Asche gelegt. Die lokale Katastrophenhilfe ist überfordert. Die Regierung des Landes sendet ein Hilfeersuchen an die internationale Gemeinschaft. Sie gibt bekannt, was gebraucht wird: Trinkwasseraufbereitung. Medizinische Versorgung. Zelte. Erst jetzt rückt die internationale Hilfe an. Der Einsatz der internationalen Gemeinschaft passiert nicht eigenmächtig. Das Hilfeersuchen der Regierung aktiviert zunächst das UN-System. Sofort werden die Katastrophenerkundungs- und Koordinierungsteams der Vereinten Nationen nach Pi geschickt. Sie führen Schnellerkundungen durch und koordinieren Hilfsmaßnahmen vor Ort. Entsendet werden die spezialisierten Einsatzteams vom Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (kurz: OCHA) der UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos. WHO, FAO, UNICEF und andere UN-Organisationen starten ihre humanitäre Hilfe. Die Assessment- und Einsatzteams großer Hilfsorganisationen, darunter das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, Oxfam, Care und Caritas, treffen im Katastrophengebiet ein. Große institutionelle Geldgeber, wie USAID, DANIDA und die ADA, entsenden Fachkräfte. Staatliche Armeen und UN-Truppen sind im Einsatz. Schließlich rücken die vielen kleinen NGOs an, um Katastrophenhilfe in Pi zu leisten. Viele davon bestehen aus weniger als drei Personen.

Den Überblick verloren?

Wenn die internationale Helferkavallerie anrückt, ist es schwer den Überblick zu behalten. Aus diesem Grund, erklärte Workshopleiterin Martina Schloffer, wurde 2006 das Cluster-System geschaffen, das der Koordinierung der vielen HilfsakteurInnen dient. Diese treffen sich sektoral vor Ort, um ihre Aktivitäten miteinander abzustimmen. Das Cluster-System legt klare Zuständigkeiten fest. Für die Koordinierung des Shelter-Clusters ist beispielsweise immer das Rote Kreuz zuständig. Gerade kleine NGOs sind aber oftmals nicht bereit, an den Koordinierungstreffen teilzunehmen. Die Herausforderung, gleichzeitig zu koordinieren und schnelle Hilfe zu leisten, können große Organisationen besser meistern als NGOs, die aus nur wenigen Personen bestehen. Wir wollen helfen, nicht quatschen, heißt es dann. Die vielen kleinen NGOs sind ein Albtraum für die Koordination, meinte Heike Welz, die gerade von ihrem Auslandseinsatz in Haiti zurückgekommen war und ebenfalls für das Rote Kreuz arbeitet. Derzeit sind über 12.000 NGOs in Haiti tätig einem Land, das insgesamt nur neun Millionen EinwohnerInnen hat. Es ist sinnvoller, an professionell arbeitende Organisationen zu spenden, als auf eigene Faust loszuziehen, erklärte Schloffer. Dennoch können kleine NGOs wichtige Funktionen erfüllen. Während große Organisationen die Masse abdecken und möglichst viele Menschen erreichen müssen, können sich kleine NGOs auf den individuellen Bedarf konzentrieren und kleine Nischen suchen. Ein Problem stellen eher die Insellösungen mittelgroßer NGOs dar. In Pi zeigt sich das Verteilungsproblem innerhalb weniger Wochen. Es entstehen Inseln mit Häusern, die über eine Stromversorgung verfügen, während der Großteil der Bevölkerung in behelfsmäßigen Unterkünften lebt.

Nebeneffekte vorprogrammiert?

Humanitäre Hilfe ist Nothilfe, sie soll das Überleben sichern. Wenn jede Sekunde zählt, bleibt wenig Zeit zum Nachdenken. Der Druck, schnell Hilfe leisten zu müssen, ist oft eine Ausrede für Ineffizienzen. Gewissen Schaden darf man anrichten. Bei einer Reanimierung werden auch Rippen gebrochen, aber das Leben ist gerettet, meinte Schloffer. Allerdings gilt es, die Nebeneffekte des Einsatzes so gering wie möglich zu halten. Jede Organisation muss sich gewissen Fragen stellen. Was passiert, nachdem wir abziehen? Wie verändere ich mit meiner Hilfe lokale Strukturen? Wen mache ich reich bzw. mächtig? Aufgrund des schweren Erdbebens kann in Pi nur mehr ein Händler Lebensmittel liefern. Alle Hilfsorganisationen kaufen bei ihm ein. Die Folge: Inflation. Die Preise steigen stark an, die lokale Bevölkerung, kann sich Lebensmittel nicht mehr leisten. Ziel muss daher sein, die Preise zu fixieren und die lokale Wirtschaft nicht zu zerstören.

 

Viele Fragen, keine einfachen Antworten

Anhand von vier Diskussionsimpulsen tauchten wir im zweiten Teil des Workshops tiefer in die moralischen Dilemmata der humanitären Hilfe ein. Besonders in schwachen Staaten mit schwieriger Sicherheitslage sind humanitäre HelferInnen mit vielen Problemen konfrontiert. Wie soll/darf man im schwachen Staat humanitäre Hilfe leisten, wenn es an Entscheidungen, Rahmenbedingungen und Koordination fehlt? Ignorieren und nach eigenem Ermessen aktiv werden? Dem Staat beim Setzen der Rahmenbedingungen helfen? Eine Ersatzstruktur drüberstülpen? Werden beispielsweise Unterkünfte wieder aufgebaut, muss in Erfahrung gebracht werden, wem das Land gehört. Privatbesitz bedeutet: Miete zahlen! Was aber tun, wenn von staatlicher Seite keine Antworten kommen? Wie handeln, wenn Regierungen unfähig sind, ihren Bedarf zu formulieren? In diesem Fall versucht man, erklärte Schloffer, lokale und semipermanente Lösungen auch ohne Entscheid der Behörde zu finden. Wichtig ist, dass man damit möglichst wenig aneckt. Aufgrund der ungeklärten Landfrage werden in Pi Unterkünfte gebaut, die notfalls schnell wieder abgebaut werden können auf Kosten der Nachhaltigkeit.

Neutralität und Unparteilichkeit

Wer sind die PartnerInnen zur Umsetzung der Hilfe im schwachen Staat? In Bürgerkriegskontexten arbeiten Hilfsorganisationen auch mit Warlords zusammen. Wir sind neutral. Wir sind unparteilich. Wir spionieren nicht, betonte Schloffer. Um in Krisengebieten helfen zu können und zu den Bedürftigen vorzudringen, müsse klar kommuniziert werden, dass Hilfe aufgrund des Bedarfs geleistet wird. Über den Grundsatz der Neutralität und Unparteilichkeit wurde wie über die vielen anderen Fragen der humanitären Hilfe lange diskutiert. Einfache Antworten haben wir nicht gefunden.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Dokumentation.