Weltmacht Brasilien: Chancen und Risiken eines Aufstiegs

In den letzten Jahren verwandelte sich Brasilien zweifellos zu einer Großmacht. Aber wie kam es zu diesem Aufschwung? Wer profitiert davon? Welche Kosten fordert dieses Wachstum? Diese Fragen diskutierten zahlreiche Interessierte im Rahmen der Tagung „Weltmacht Brasilien – Chancen und Risiken eines Aufstiegs“ am 4. und 5. Oktober 2013.Die zweitägige Veranstaltung wurde vom Karl-Renner-Institut und vom Österreichischen Lateinamerika-Institut in Kooperation mit der Diplomatischen Akademie Wien, der Wirtschaftsuniversität Wien, der Universität Wien und dem Zentrum für Interamerikanische Studien der Universität Innsbruck organisiert. Am ersten Veranstaltungstag hielt Paul Singer, Staatssekretär für Solidarische Ökonomie der brasilianischen Regierung und Ehrenpräsident des Paulo Freire Zentrums, einen Festvortrag (siehe Artikel „Über brasilianische PräsidentInnen, solidarische Ökonomie und Demokratie“ von Raphaela Bruckdorfer). Am zweiten Tag trugen ExpertInnen verschiedener Fachrichtungen, unter der Moderation von Ursula Prutsch, die verschiedenen Aspekte von Brasiliens Wandel der letzten zehn Jahre vor. Die drei Vorträge wurden von Kommentatoren ergänzt und vom Publikum diskutiert.

Die Weltmacht Brasilien als Vorbild

Brasilien habe eine ökonomisch instabile, von Auf- und Abschwüngen gekennzeichnete Geschichte hinter sich gebracht, so Bernhard Leubolt, Wirtschaftsuniversität Wien. Ein politischer Wandel, der stark zur derzeitigen Situation Brasiliens beigetragen habe, sei der Antritt des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (kurz: Lula) im Jahr 2003 gewesen. 2007 sei Brasilien unter ihm zu einem Entwicklungsstaat geworden. Leubolt erklärte, dass Lula die Abhängigkeit vom Ausland reduziert, die regionale Integration sowie die ärmsten Teile der Bevölkerung gefördert und gegen die damalige Krise interveniert habe. Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin erläuterte, dass Brasilien seitdem eine aufstrebende Macht sei. Dieser rasante Aufstieg des Staates habe zu einem positiven Ruf bei den Industrienationen geführt und Brasilien sei auch international immer mehr anerkannt worden. Aber wie kam es dazu? Nach Leubolt habe die internationale Gemeinschaft vor allem das Wirtschaftswachstum Brasiliens durch die Umverteilung innerhalb der Bevölkerung beeindruckt. Die obere Mittelschicht habe relativ zu ärmeren Teilen der Bevölkerung verloren. Der Abstand zwischen Arm und Reich sei geringer geworden.

Der nationale und regionale Aufschwung Brasiliens habe demnach Chancen für große Teile der Bevölkerung gebracht. Die Umverteilung von materiellen Gütern und sozialen Privilegien habe aber auch zu Konflikten innerhalb der Bevölkerung geführt, die teilweise bis heute anhalten. Auch die Umwelt bekomme die Auswirkungen des Wirtschaftswachstums zu spüren.

Regionaler Aufschwung vs. ökologische Kosten

Martin Coy, Professor für Angewandte Geographie und Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Innsbruck, legte im Rahmen der Tagung die sozialen und ökologischen Folgen des brasilianischen Wirtschaftswachstums dar. Durch Rodungen des Regenwaldes, die durchgeführt werden, um den Verkauf von Holz und den Anbau von Soja zu gewährleisten, komme es zu einer Veränderung des Regionalklimas. Dies würde lange Dürren, einen Verlust an Biodiversität und in Folge auch eine Veränderung des Weltklimas mit sich bringen. Richtlinien, die den Umgang mit diesen Ressourcen regeln, seien daher notwendig, so Coy.

Zum Vergleich brachte Bernhard Leubolt bei einer Podiumsdiskussion die ökologische Geschichte Europas und der Vereinigten Staaten ein. Diese hätten in den letzten Jahrhunderten bedenkenlos ihre Umwelt in Beschlag genommen und ihre Rohstoffe ausgebeutet. Aber jede Form von Belastung würde irgendwann ihr Höchstmaß erreichen. Die strengen Regelungen insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer, die verhindern sollen, dass das gesamte Weltklima noch mehr unter uns Menschen leiden muss, seien laut Leubolt eine Form von Ungerechtigkeit. Für die Schwellenländer würden sie bedeuten, dass sie ihre Ressourcen nicht im selben Ausmaß nutzen könnten, wie Industrieländer dies getan hätten. Auf der anderen Seite zeigen die vielfältigen globalen Umweltzerstörungen, dass der uneingeschränkte Ressourcenverbrauch nicht das Entwicklungsmodell der Zukunft sein kann.

Von Alternativen und Perspektiven

Aber was kann gegen die fortschreitende Zerstörung des Regenwaldgebiets unternommen werden? Diese Antworten blieben die Vortragenden großteils schuldig. Ein Zeichen dafür, dass dieses Thema noch viel Zutun auf wissenschaftlicher wie auch auf internationaler Ebene benötigt. Wirtschaftswachstum durch die Ausbeutung der Umwelt ist nicht der einzige und schon gar nicht der beste Weg zur Entwicklung. Das westliche Modell ist hier vielmehr „Vorbild“ dafür, wie es nicht getan werden sollte. Es ist an der Zeit, Alternativen für Entwicklungsmodelle, die soziale, kulturelle, ökologische und ökonomische Perspektiven erfassen, zu politischer Realität werden zu lassen.

Obwohl die Tagung gut strukturiert war, fehlte an manchen Teilen die Verbindung zwischen den Vortragenden. Sie schienen sich im Vorfeld gut mit der Thematik und den Gebieten der anderen ExpertInnen auseinandergesetzt zu haben, jedoch hielten sie sich gezielt an ihre Konzepte. Dynamisch wurde die Veranstaltung durch die Kommentatoren, indem sie sich bemühten, Zusammenhänge zwischen den Vorträgen herzustellen. Die fehlende Flexibilität lässt jedoch nicht an der inhaltlichen Kompetenz der Vortragenden zweifeln. Insgesamt ein informativer Vortragstag, der den ZuhörerInnen ein fundiertes Wissen über Brasilien vermittelt hat und ausreichend Platz für Fragen ließ.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.