Wege der Emanzipation jenseits der Krise. IX. Internationales Freire Forum 2014 Teil II

Von 17. bis 20. September 2014 fand das IX. internationale Freire Treffen in Turin zum Thema „Wege der Emanzipation jenseits der Krise“ statt. Am zweiten Abend wurde der „Internationale Freire Rat“ einberufen, an den darauffolgenden Tagen wurden die angeschnittenen Themen im Plenum diskutiert.

Freire wiederentdecken (Tag 2)

Am zweiten Vormittag, dem 18. September, fanden ganztägig vier parallele Workshops statt: 1) Erwachsenenbildung, 2) Volkswissen und Wissenskonstruktion, 3) Freire in der Hochschuldidaktik und 4) Freire Pädagogik, soziale Bewegungen und Politik. Der Nachmittag des zweiten Tages war wieder einer vierstündigen Gruppenarbeit gewidmet, in der in fünf Arbeitsgruppen folgende Themen bearbeitet wurden: 1) Generative Themen, die „Welt lesen lernen“, 2) Sprachunterricht, 3) Öko-Pädagogik in der Schule und in der Region, 4) Sozio-kulturelle Arbeit mit Kindern, 5) Praktische Ansätze der Freire-Arbeit.

„Der Rat der Weisen“ oder: Was war nochmal ein Dialog?

Am Abend des zweiten Tages trafen sich die VertreterInnen der anwesenden Freire Zentren zur Versammlung des „Internationalen Freire Rats“. Die Anwesenden bearbeiteten drei Tagesordnungspunkte: Die Wahl des nächsten Veranstaltungsortes für das X. Freire Treffen, die Aufnahme des Instituto Paulo Freire Chile und des Paulo Freire Zentrums Wien in das internationale Netzwerk und die Formulierung der „Carta de Torino“, die am Ende des Forums verabschiedet werden sollte. Nach einer hitzigen Diskussion wurde bestimmt, dass das nächste Treffen in England stattfinden wird. Obwohl die Regel „ein Treffen im globalen Süden, das nächste im globalen Norden“ lautet, schien die relativ gute finanzielle Lage des englischen Instituts ausschlaggebend zu sein. Der Vorschlag, das übernächste Treffen in Guinea Bissau zu organisieren, wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Der zweite Punkt wurde ohne größere Debatten einstimmig angenommen. Moacir Gadotti (Direktor des IPF São Paulo) erklärte, dass offiziell nur ein Freire Institut pro Land existieren darf, das sich im Rahmen des zweijährigen Treffens vorstellen muss und von den bereits existierenden Instituten abgesegnet wird. Das chilenische Institut sowie das Freire Zentrum wurden nach einer kurzen Vorstellung einstimmig ins Netzwerk aufgenommen.

Für die Formulierung der Carta fassten jene Anwesenden, die gleichzeitig Vortragende waren, ihre bisherigen Erkenntnisse der Tagung zusammen und formulierten eine Liste der Forderungen und Beschlüsse, die am Ende des Forums vorgelesen werden sollten.

Intensiver Austausch (Tag 3)

Am 93. Geburtstag Paulo Freires sprachen der brasilianische Dichter Carlos Brandao, Oscar Jara (CEAAL) und Ilse Schimpf-Herken (IPF Berlin) zum Thema „Wege der Emanzipation vor dem Hintergrund des kritischen Denkens Freires“. Jara sprach in seinem klaren Vortrag über die Bedeutung der freireanischen Konzepte für die „Zivilisationskrise“, die Bildungsqualität und zum Theorie-Praxis-Verhältnis. Ilse Schimpf-Herken schloss daran an, indem sie auf ihre Arbeit mit Erinnerungspädagogik, die Folgen von Vergleichsprüfungen auf die Lern-Lern-Situation in der Schule und den performativen Ansatz ihres Peacetrail-Projekts einging.

Brandao rundete die Podiumsdiskussion mit seinem Aufruf, sich mit eignen Lebensverhältnissen auseinanderzusetzen und gemeinsam mit sozialen Bewegungen eine andere Sicht von Zukunft zu entwickeln, ab. Im anschließenden Skype-Gespräch weckte Neve Shalom von der israelischen Friedensbewegung die Hoffnung, dass trotz des Kriegszustandes Friedensinitiativen möglich seien.

Am Nachmittag fanden wieder fünf parallele Workshops zu verschiedenen Themen statt. Am Abend stellte Agnes Heller ihr neues Buch „Die Welt der Vorurteile. Geschichte und Grundlagen für Menschliches und Unmenschliches“ vor.

Der Abschied (Tag 4)

Der Morgen des letzten Tages wurde von einer gemischten Vortragsreihe angeführt und von einer Verabschiedungsrunde abgeschlossen. Die Autorin Agnes Heller begann mit ihrem Vortrag über intergenerationelle Verantwortung. Anschließend umriss don Luigi Ciotti, der 1965 den Gruppo Abele mitgründete, die aktuellen Probleme in Italien und die Integrität unserer Lebensführung. Es reiche nicht, empört zu sein. „Das „Gutmenschsein“ birgt die Gefahr, KomplizIn des Systems zu werden. Widerstand ist ein möglicher Weg zu mehr Gerechtigkeit, aber nur dann, wenn wir die Fähigkeit entwickeln, das Positive um uns herum zu entdecken, weil Veränderung möglich ist“, so der 70jährige Ciotti energisch. In seiner umstrittenen Rede lobte er die anti-Mafia-Arbeit der katholischen Kirche, was zu lautem Protest aus dem Publikum führte.

Als letzter Redner trug Moacir Gadotti (Direktor des IPF São Paulo) die im Rat beschlossenen 6 Thesen vor:

1. Bildung ist eine Handelsware geworden. Nur vom Hunger zu sprechen reicht nicht, auch die Schönheit des Wissens und der Fragen müssen angesprochen werden, wenn über Armut gesprochen wird.

2. Der Staat hat die Hegemonie über Bildung verloren. Immer mehr LehrerInnen werden unter dem Druck ihrer Arbeit krank.

3. Emanzipatorische Bildung wird in ihrer Praxis begründet.

4. Kritische Bildung hat eine Zukunftsperspektive.

5. Ökopädagogik ist essentiell für die Welt. Freire wollte kurz vor seinem Tod in der „Pädagogik der Autonomie“ dazu ein Kapitel einfügen.

6. Bildung ist immer Grenzüberschreitung. Die Veränderung von einer Bildung des Kapitals zu einer Humanisierung der Bildung sei essentiell. Das Unsichtbare muss sichtbar gemacht werden.

Nach diesen anspruchsvollen Vorträgen verabschiedeten die OrganisatorInnen Silvia Manfredi und José Romao (IPF São Paulo) die TeilnehmerInnen. Oder mit den Worten von Ilse Schimpf-Herken: „Sehr intensive Tage hatten ihr Ende gefunden“.

Die Autorin arbeitet im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

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