Wachstum versus Nachhaltigkeit

„Wachstum“ und „Nachhaltigkeit“ sind zwei unterschiedliche, nicht unbedingt harmonierende Konzepte. Welche Beziehung besteht zwischen den beiden Begriffen? Nachhaltige Entwicklung bezeichnet, wie im Bericht der UNO-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung („Brundtland-Report“) von 1987 formuliert, eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass die künftigen Generationen dies nicht mehr tun werden können. Sollen Menschen in Zukunft die gleichen Chancen haben wie wir heute, dürfen die natürlichen Lebensgrundlagen nicht heute zerstört werden. In der modernen Marktwirtschaft und unter den derzeitigen institutionellen Bedingungen scheint es keine Alternative zu (Wirtschafts-)Wachstum zu geben. Die Wirtschaft muss wachsen, sonst bricht sie zusammen. Die zentralen Fragen, die sich nun stellen, sind: Kann man diesen Zwang zum Wachstum mit Nachhaltigkeit verbinden? Lassen die beiden Konzepte eine Art der Synthese zu? Gibt es Alternativen?

Substitution als Lösung?

Aus ökonomischer Perspektive bestehen Umweltprobleme in erster Linie darin, dass sich die natürlichen Ressourcen dem Ende zuneigen. Neoliberale und neoklassische ÖkonomInnen setzen auf das Prinzip der Substitution, weshalb auch nicht besonders sorgsam mit den Ressourcen umgegangen wird.  Sie glauben, dass alles durch etwas anderes ersetzt werden könne auch natürliche Ressourcen. Diese Substituierbarkeit werde durch Wettbewerb und die unsichtbare Hand des Marktes möglich. Ein Eingreifen des Staates bremse die Marktdynamik lediglich. Diese Annahme stellt einen Eckpfeiler im neoklassischen Diskurs über Umweltfragen dar.

Kritisiert werden kann, dass das Prinzip der Substitution offensichtlich zu kurz greift, da ein angemessenes Ersetzen aller Ressourcen utopisch ist. Zwar haben Wissenschaft und Forschung schon viel geleistet, wie zum Beispiel Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung aufzuzeigen, aber langfristig kann das Verhältnis zwischen Wachstumszwang auf der einen Seite und Bedürfnissen der nachfolgenden Generationen auf der anderen Seite nicht durch technologische Innovationen im Gleichgewicht gehalten werden. So wird deutlich, dass das klassische Wirtschaftswachstum an sich nicht nachhaltig ist, da eben nicht dafür gesorgt wird, dass auch künftige Generationen ihre Bedürfnisse befriedigen können. Im Gegenteil hat gerade Wachstum stark zur derzeitigen Nachhaltigkeitsproblematik beigetragen. Wachstum, und gerade das umweltbelastende Wachstum der Industriestaaten, verstärkt Umweltprobleme eher anstatt sie zu lösen.

Welche Zukunft kann Wachstum haben?

Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich auch damit auseinandersetzen, wie die Welt heute aussieht. Die Weltbevölkerung wächst extrem schnell, die Kapazitäten der natürlichen Ressourcen sind hingegen schon nahezu ausgereizt und die Dritte Welt wird, mit der Begründung, dass Fortschritt Wirtschaftswachstum erfordere, von den Industriestaaten in Richtung Marktwirtschaft und Liberalisierung getrieben. So dient die Anbindung der Dritten Welt an den Weltmarkt eher der Erschließung neuer Absatzmärkte und der Einbindung neuer Rohstofflieferanten als einer qualitativen Entwicklung der betroffenen Regionen. Bildungseinrichtungen und Gesundheitswesen beispielsweise werden dadurch nicht gefördert. All diese Faktoren machen nochmals deutlich, dass das klassische Wirtschaftswachstum alles andere als nachhaltig ist. Es bleibt die Frage, ob es denn in Zukunft potenziell nachhaltig werden könnte, sollte es zu einer Umstrukturierung des Systems kommen.

Gegenwärtige Zukunftsfragen

Eine nachhaltige Gesellschaft müsste grundsätzlich die bestehenden Vorstellungen über Wachstum überwinden, um so zu einer neuen Vorstellung von Wachstum zu gelangen. Nachhaltigkeit schließt Wachstum nicht grundsätzlich aus. Nicht grenzenloses materielles Wachstum sollte an allererster Stelle stehen vielmehr sollte Wachstum als Mittel für bestimmte Zwecke eingesetzt werden. In einer nachhaltigen Gesellschaft würde Wachstum da eingesetzt, wo es der Stabilität und sozialen Zielen diene und fände dort seine Grenzen, wo der Zweck des Wachstums erreicht wäre.

Die WissenschafterInnen Donella und Dennis Meadows und Jørgen Randers, die schon 1972 in ihrer Arbeit für den Club of Rome auf die „Grenzen des Wachstums“ verwiesen, verdeutlichen dies mit folgendem Bild: „Der Unterschied zwischen einer nachhaltigen Gesellschaft und einer wirtschaftlichen Rezession ist etwa so groß wie zwischen dem Anhalten eines Kraftfahrzeuges durch Betätigung der Bremse oder dem Aufprall des Wagens auf eine Betonmauer“. Sollte die Wirtschaftsweise in gewohnter Manier weitergeführt werden, wird es unweigerlich zu dem Punkt kommen, an dem die Entwicklung kippen wird. Dies wird schnell und plötzlich geschehen und den Menschen und auch den Unternehmen keine Möglichkeit bieten, sich anzupassen. Auch deshalb ist es wichtig, dass man sich besser gestern als heute auf den Weg zu Nachhaltigkeit, im eben definierten Sinne macht, denn an eine langsame Veränderung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft können sich Gesellschaft und Wirtschaftsstruktur anpassen.


Weiterführende Literatur

Susan George (1999): A short history of Neoliberalism. Conference on Economic Sovereignty in a Globalising World.

Fred Luks (2001): Die Zukunft des Wachstums. Theoriegeschichte, Nachhaltigkeit und die Perspektiven einer neuen Wirtschaft. Marburg.

Donella Meadows/Dennis Meadows/Jørgen Randers (1992): Die neuen Grenzen des Wachstums. Die Lage der Menschheit. Bedrohung und Zukunftschancen. Stuttgart.

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.