Von Lenin zu Antonio Gramsci und Paulo Freire. Sozialistische Entwürfe Abseits der Orthodoxie.

Was verbindet den ehemaligen sowjetischen Führer Lenin, den italienischen Politiker Gramsci und den brasilianischen Pädagogen Freire? 2017 ist ein bedeutendes Jahr, um sich jenen Denkern zu widmen. Gerald Faschingeder brachte die einflussreichen Persönlichkeiten in den Hörsaal der Universität Wien. 

Lenin, Gramsci und Freire – drei einflussreiche Denker im Hörsaal der Uni Wien.

Heuer jährt sich die Oktoberrevolution zum einhundertsten Mal: Ein Anlass sich dem ehemaligen sowjetischen Führer Lenin zu widmen. Der Todestag des Politikers Antonio Gramsci liegt 80 Jahre zurück, während sich der Todestag des Pädagogen Paulo Freire zum zwanzigsten Mal jährt. Was verbindet diese Denker? Welche Gemeinsamkeiten können in ihren Taten und Werken gefunden werden? Diesen Fragen widmete sich Gerald Faschingeder (Paulo Freie Zentrum) in der öffentlichen Vorlesung „Von Lenin zu Antonio Gramsci und Paulo Freire. Sozialistische Entwürfe Abseits der Orthodoxie.“  Über 50 HörerInnen verfolgten am Freitag, den 25. März 2017 gebannt, wie Faschingeder die drei Persönlichkeiten visuell und auditiv in den Hörsaal brachte.

Lenin, der Praktiker.

Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) wurde einleitend als der Praktiker unter den dreien vorgestellt. Während Gefangenschaft und Exil Gramsci und Freire in ihrer Handlungsfähigkeit stark einschränkten, hatte Lenin die Möglichkeit politisch zu agieren. Alle drei verbinde jedoch, dass sie die Zeit ihrer Gefängnis- und Exilaufenthalte zum Schreiben nutzten. Das Hauptwerk, dass aus Lenins langjähriger Handlungsfähigkeit hervorging, sei die Schrift „Was tun?“ von 1902, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau Nadeschda schrieb. Hier finde sich Lenins Theorie der „Avantgarde des Proletariats“, welche das BildungsbürgerInnentum mit der ArbeiterInnenklasse vereint und Veränderungen durch Kooperation und Zusammenarbeit anstoßen möchte. „Wie kommt man zur Macht und was tut man dann?“ stellte Faschingeder als Lenins Leitfrage vor. Jedoch sei vor allem die Machtübernahme, und nicht das eigentliche Tun an der Macht, zentral für ihn gewesen.

Politik ist mehr als Macht.

Antonio Gramsci (1891-1937) gehe ein Stück weiter mit der Machtfrage. Faschingeder zitierte den Universalhistoriker Hobsbawm und erklärte, dass Gramsci als erster marxistischer Politiker gelte, der eine politische Theorie entwarf und dass diese einen Hauptbeitrag zum Marxismus darstelle. Eine zentrale Erkenntnis Gramscis sei die Annahme, dass Politik keineswegs nur Macht sei, sondern dass Politik wesentliche gesellschaftliche Prozesse verhandle.

Staat = Hegemonie, gepanzert mit Zwang.

In Gramscis politischem Konzept findet Machtergreifung durch Hegemonie statt, die über die Zivilgesellschaft ausgeübt werde. Hegemonie, als zentrales Element in Gramscis Theorie, bezeichnet die Dominanz einer Gruppe und deren unterdrückendes Verhältnis zur Gesellschaft. Gramsci erweiterte den Begriff des Staates somit um die Zivilgesellschaft, die im aktiven Konsens der bestehenden Herrschaft zustimmt und fasste sein Verständnis in der Formel: Staat = Hegemonie, gepanzert mit Zwang zusammen. Hegemonie zu erlangen, sei für Gramsci also zentrale Bedingung um Macht übernehmen zu können.  

Die Werke des marxistischen Politikers entstanden unter Beobachtung und strikter Zensur, während zehnjähriger Haftstrafe unter Mussolini. Besonders bemerkenswert seien die Gefängnishefte Gramscis, wenn man bedenke, dass er vermutlich keine Literatur zur Verfügung hatte und seine Texte aus der Erinnerung niederschrieb. Faschingeder gestand die Schwierigkeit des Lesens der Originaltexte ein, pochte aber auf die Wichtigkeit von Gramscis Denken und vermittelte die Komplexität der Texte auf verständliche Weise. Eine wichtige Grundlage zur politischen Handlungsfähigkeit abseits hegemonialer Strukturen sei für Gramsci emanzipative Bildung gewesen, eine Gemeinsamkeit mit Paulo Freire. Die hegemoniale Ausübung von Einfluss und der Gewinn von Zustimmung seien durch Lernprozesse gesteuert, daher seien Herrschaftsverhältnisse auch immer pädagogische Verhältnisse.  

Alphabetisierung als politischer Akt.

Paulo Freire (1921-1997) habe sich selbst als Christ und als Marxist verstanden. Während er in die brasilianische Mittelschicht geboren wurde, machte er durch die Wirtschaftskrise Erfahrungen mit Hunger und Armut. Faschingeder sah auch hier Prallelen mit Gramsci.

Freire entwickelte ein neuartiges Konzept für die Alphabetisierung von Erwachsenen. Später wurden weitläufige Alphabetisierungskampagnen anhand von Freires Erkenntnissen arrangiert. Diese Kampagnen seien ein politischer Akt gewesen, so Faschingeder, da das Wahlrecht in Brasilien damals an die Alphabetisierung gebunden war. Faschingeder stellte Freires Kritik am Bankierskonzept der Bildung vor. LehrerInnen gelten in diesem gängigen Konzept als übermittelnde „Wissende“, während die SchülerInnen als „wissenslos“ gelten.

Freire stellte in seiner Pädagogik hingegen eine neue Form der Bewusstseinsbildung vor. Lernen ist bei ihm ein gemeinsamer Prozess, der auf Befreiung abzielt. Niemand befreit sich selbst, alle befreien sich gegenseitig.

Aufdecken von Strukturen der Unterdrückung.

In der Befreiung durch Zusammenhalt und Kooperation treffen sich die Anliegen von Gramsci, Freire und Lenin. Herrschaftskritik und das Aufdecken von Unterdrückungsstrukturen, wurde von allen dreien vertreten. Die Denker wurden alle justiziell verurteilt, was die Wirkung ihrer Erkenntnisse jedoch nicht schmälerte. Lenins Avantgarde des Proletariats, Gramscis Erkenntnisse zur Hegemonie und Freires befreiende Pädagogik sind Konzepte die bis heute fortwirken, so Faschingeder. Die Aktualität dieser Konzepte wurde von Gerald Faschingeder in den Hörsaal gebracht und zu einer inspirierenden Veranstaltung zusammengefasst.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Literaturverweise:

– Hobsbawm, Eric (1998): Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

– Hobsbawm, Eric (2014): Wie man die Welt verändert: über Marx und den Marxismus.

– Mayo, Peter (2007): Politische Bildung bei Antonio Gramsci und Paul – Freire: Perspektiven einer verändernden Praxis.

– Merkens, Andreas (Hrsg.); Gramsci, Antonio (2012): Erziehung und Bildung. (Gramsci Reader)

– Gramsci, Antonio: Gefängnishefte. Gesamtausgabe in 10 Bänden. Hamburg, Argument.

– Bossong, Nora (2015): 36,9°. München: Hanser Verlag.

– Freire, Paulo (1973): Pädagogik der Unterdrückten: Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.

– Mayo, Peter (2007): Politische Bildung bei Antonio Gramsci und Paulo – Freire: Perspektiven einer verändernden Praxis. Hamburg: Argument.

 

Weiteres:

– Video: Gramsci – Die Tage im Kerker (Italienischer Originalton mit deutschen Untertiteln): https://de.labournet.tv/video/6167/gramsci-die-tage-im-kerker

– Artikel: Riess, Erwin (2015): Antonio Gramsci in Wien. Wien: Verein Sand und Zeit. https://www.augustin.or.at/zeitung/dichter-innenteil/antonio-gramsci-in-wien.html

– Video: Paulo Freire on Marx and Christianity (Englischer Originalton): v=LLXHWM6TCDc&hl=es-419 “ target=“_blank“>https://www.youtube.com/watch?gl=CO&v=LLXHWM6TCDc&hl=es-419  

– Programm der öffentlichen Ringvorlesung: https://ufind.univie.ac.at/de/course.html?lv=140161&semester=2017S

– Veranstaltung zum 20. Todestag Paulo Freires:

https://www.pfz.at/article1888.htm

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